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Ökologie & Gesellschaft

Prost auf die Nachhaltigkeit!

Hopfen und Gerste – die wichtigsten Zutaten für ein Bier. In Wildwuchs-Kreationen stecken aber noch ganz andere Zutaten. 12 bis 16 verschiedene Sorten sind je nach Saison erhältlich. Fotos: markus spiske/Unsplash, cottonbro/Pexels

08.11.2022 – Das Brauwerk Wildwuchs ist Hamburgs erste und einzige Biobrauerei. Zutaten aus der Region sowie vielfältige Sorten vom Körbs Pumpkin Ale bis zum Broid New England IPA charakterisieren die Biere, die in einem unscheinbaren Fabrikgebäude in Hamburg-Wilhelmsburg entstehen. Braumeister Fiete Matthies – selbst aus Finkenwerder – hatte die Idee dazu und gründete ein einzigartiges Genuss-Start-up mit Nachhaltigkeitsanspruch. Im Interview erklärt der 36-jährige Familienvater, warum Kooperation zum Betreiben einer Biobrauerei unabdingbar ist und warum Etiketten aus 100 Prozent Altpapier für sein Produkt so entscheidend sind.

 

Wie kam es zu dem Namen Wildwuchs?

Den Namen habe ich meinen Brüdern zu verdanken. Die wollten erst Gurkenlimonade machen. Ich lenkte dann aber schnell ein, dass ich doch Brauer und Mälzer gelernt habe. Ich konnte sie davon überzeugen, Bier zu brauen. Aber nicht irgendein Bier, sondern Biobier – unfiltriert und unpasteurisiert. Biere, die nicht unbedingt dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen. Da darf dann auch mal gern ein bisschen Kaffee oder Brot drin sein. Mein älterer Bruder sagte dann zu unserem Konzept: Das klingt ja ganz schön nach Wildwuchs. Schon war der Name geboren. Und über diesen können wir die Natürlichkeit unserer Produkte hervorragend transportieren.

Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Braumeister-Vita?

Mit 15 Jahren wusste ich nicht, was ich werden wollte. Ein Schulpraktikum in der Holsten Brauerei hat mir dann die Augen für meine Zukunft geöffnet. Zum Abitur waren die Zeitungen voll mit Stellenangeboten und Berichten zu exzellenten Berufschancen für angehende Braumeister. Das hat mich dann noch einmal bekräftigt, diesen Weg einzuschlagen. Bewerbungen an 25 Brauereien gingen raus, und ich konnte bald bei einer mittelgroßen Brauerei in Norddeutschland eine Ausbildung zum Brauer und Mälzer starten. Nach zweieinhalb Jahren Ausbildung ging es weiter zur TU Berlin, wo ich meinen Diplom-Braumeister absolvierte. Nach meinem Studium habe ich zunächst Brauereien in Frankreich und Spanien mitgeplant und aufgebaut. Als Erfahrung war das ganz spannend, doch die Produktion hat mich schon immer mehr gereizt. Ein Jobangebot als Braumeister auf Menorca kam dann gerade richtig, obwohl ich nur mäßig Spanisch sprechen konnte.

Im Ausland hat Wildwuchs-Gründer Fiete Matthies gelernt, dass es mehr gibt als das deutsche Reinheitsgebot. Biere mit Orangenschalen und Kaffee können den Biergenuss sogar auf ein neues Level heben. Foto: pawel czerwinski/Unsplash

Wie haben diese Erfahrungen im Ausland Ihr Vorhaben mit Wildwuchs beeinflusst?

Das Portfolio ist einfach anders als bei einer Standard-Hausbrauerei. In Spanien beispielsweise haben die ganz andere Ansprüche an ein Bier. Dort habe ich erstmals ein Bier mit Koriander und Orangenschalen gebraut. Das hat mich inspiriert, auch mal in andere Regionen der Welt zu schauen und zu erkennen, wie in anderen Kulturen jenseits des deutschen Reinheitsgebots Bier gebraut wird und in welcher Vielfalt es entstehen kann.

Was unterscheidet eine Biobrauerei von einer konventionellen Brauerei?

Unsere Rohstoffe sind alle biozertifiziert, was unser eigener Minimalstandard ist. Aber wenn wir uns schon Biobrauerei nennen wollen, muss auch alles drumherum stimmen. Das fängt bei den Materialien an – zum Beispiel sind die Kartons für unsere abgefüllten Flaschen möglichst aus Altpappe ohne Frischfaser. Der Einkauf von Energie ist ein wichtiges Thema: Wir arbeiten von Anfang an mit Green Planet Energy zusammen. Der Strom ist somit zu 100 Prozent regenerativ. Das Gas, welches wir für die Dampferzeugung benötigen, wird pro Kilowattstunde anteilig mit regenerativ erzeugtem Wasserstoff kompensiert und der Ausbau von regenerativen Energien gefördert.

Welche Rolle spielt die Regionalität?

Wir verkaufen unser Bier zu 96 Prozent in Hamburg und marginal im Umland. Beim Rohstoffeinkauf haben wir den Fokus auf Deutschland gelegt. Wir wollen diesen Radius aber immer enger schnüren, um dann zum Schluss sagen zu können, dass unsere Produkte zu 100 Prozent aus der Metropolregion Hamburg kommen. Für unser limitiertes Bier der „Grüne Hans“ benötigen wir beispielsweise erntefrischen Hopfen. Und dafür haben wir den Landwirt Frank Gadow vom Schönmoorer Hof in Wakendorf gewinnen können, der in einer kleinen Ecke auf seinem Feld für uns – unüblich für Norddeutschland – Hopfenpflanzen anbaut. Und Freunde helfen bei der dann doch aufwendigen Ernte.

Wildwuchs verfolgt ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept. Dazu zählen auch Etiketten aus 100 Prozent Altpapier. Braumeister Fiete Matthies (unten Mitte) und sein Team setzen vor allem auf Spaß bei der Arbeit – das ist ebenfalls nachhaltig. Fotos: Steinbeis Papier, Wildwuchs Brauwerk

Funktioniert das Prinzip der Kreislaufwirtschaft auch bei Wildwuchs?

Bei De Öko Melkburen, die eine muttergebundene Kälberaufzucht im schleswig-holsteinischen Lentföhrden betreiben, lassen wir 20 Tonnen Gerste anbauen, aus denen dann später unser Malz wird. Mit dem Treber, also dem, was von dem Getreide übrig bleibt, füttern De Öko Melkburen ihre Rinder. Die wiederum produzieren Dünger, der dann auf die Felder kommt, wo unsere Gerste wächst. Für unser Broid New England IPA verwenden wir hochwertiges Brot vom Vortag aus der Biobäckerei Bahde. Den Treber, der bei uns wiederum beim Brauen entsteht, nutzt Bahde zum Brotbacken. So entsteht auch wieder ein Kreislauf. 

Das Brauwerk Wildwuchs ist ja nicht nur Produktionsstätte, sondern auch ein Begegnungsort. Was können Besucherinnen und Besucher hier erleben?

Unser Tor zur Brauerei steht eigentlich immer offen. Wer bei uns Bier trinken oder kaufen möchte, ist immer herzlich willkommen. Wir haben hier unseren Ausschank, der freitags und samstags geöffnet hat, im Sommer auch sonntags. Bald veranstalten wir direkt vor den Toren einen Flohmarkt und sogar einen Weihnachtsmarkt. Oder Food-Beer-Pairing – ein Koch kreiert passende Speisen zu unseren Bieren. Hinzu kommen wöchentliche Brauereiführungen, bei denen man uns durch die Produktion begleiten kann, im Anschluss folgt dann ein Biertasting. 

Wie sieht Ihr Produktportfolio aus? 

In der Regel haben wir je nach Saison 12 bis 16 verschiedene Biere zur Verkostung. Es steht ja nicht immer alles zur Verfügung, wenn man auf regionale Produkte setzt. Zum Beispiel können wir unsere „Inge“, also das Ingwerbier, erst wieder machen, wenn wir Ingwer bekommen. Diesen aus China oder Chile zu beziehen, entspricht nicht unserer Philosophie. Wir sind dann mit Hof Wurzelreich im niedersächsischen Stelle ins Gespräch gekommen, und der baut tatsächlich Ingwer in Norddeutschland an. Ein Glücksfall für uns, da wir schon immer Ingwerbier machen wollten.

Netzwerken scheint für Ihr Geschäft unablässig zu sein – wie ist es zu der Kooperation mit Steinbeis Papier gekommen?

Tatsächlich beschäftigt uns schon länger das Thema, wo wir Etiketten aus recyceltem Papier herbekommen. In diesem Fall hat der Mann für neue Produkte bei Steinbeis Papier, Jan Bergmann, den Kontakt zu uns gesucht und uns das nass- und laugenfeste Etikettenpapier aus 100 Prozent Altpapier angeboten. Wir waren unheimlich froh, zu erfahren, dass wir dieses auch noch aus Glückstadt, also aus der unmittelbaren Umgebung, beziehen können. Und dann ging alles ganz schnell, und wir haben quasi von heute auf morgen auf Steinbeis Papier umgestellt.

Wie wichtig ist ein Etikettenpapier aus 100 Prozent Altpapier für Ihr Produkt?

Es gibt nicht so viele Brauereien und andere Getränkehersteller, die sich bisher mit dem Thema nachhaltiger Etiketten befassen. Wir haben sofort damit geworben und einen Flyer entwickelt mit all den Maßnahmen, die wir für unsere nachhaltigen Produkte treffen. So wird den Kundinnen und Kunden überhaupt erst bewusst, was hinter unserer Philosophie und unseren Produkten steckt. Und Etiketten aus 100 Prozent Altpapier gehören ganz klar dazu.

Wo sehen Sie noch Potenziale für nachhaltiges Handeln im Brauwerk Wildwuchs?

Wir bekommen demnächst eine Solaranlage auf unserem Brauwerk-Dach. Damit können wir schon mal bis zu 30 Prozent unseres Strombedarfs decken. Wir wollen dann die Befeuerungsart ändern und auf elektrisch erzeugten Dampf umstellen. Neben unseren Energiethemen geht es uns auch um die Verpackung. Wir füllen derzeit alles in Mehrwegflaschen ab und verpacken diese dann wie gesagt in Recyclingkartons. Das wollen wir aber mittelfristig auch ändern und im Pool mit anderen kleinen Brauereien aus der Region eine Hamburg-Mehrwegkiste etablieren, die letztendlich zum Wiederbefüllen zu uns zurückkommt. 

Wie sieht es mit Expansionsplänen aus?

Uns ist es wichtig, Hamburgs Biobrauerei zu sein und zu bleiben. Derzeit können wir etwas mehr als 600.000 Flaschen Bier pro Jahr befüllen. Wenn jeder der rund 1,8 Millionen Hamburger drei Flaschen Wildwuchs-Bier trinkt, können wir von einer enormen Expansion sprechen.   

Mehr Infos zum Brauwerk Wildwuchs gibt es hier

 


Titelbild: Steinbeis Papier

 

Autor/-in

Benjamin Seibring

Benjamin Seibring ist Redakteur für die Bereiche Lifestyle und Mobilität. Er interessiert sich zudem für Kulturthemen mit den Schwerpunkten Musik, Film und Medienanalyse.

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