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Stark auch in unruhigen Zeiten

Ein Erfolgsrezept in der Krise ist eine autarke Energieversorgung. Steinbeis Papier bezieht 70 Prozent seines Energiebedarfs aus dem eigenen Kraftwerk. Fotos: Florian Thoss für Steinbeis Papier

Pandemie und Energiekrise in Europa – das hat viele Unternehmen unter enormen wirtschaftlichen Druck gesetzt. Bei Steinbeis Papier lenkt Geschäftsführer Ulrich Feuersinger das Erfolgsschiff durch schweren Sturm. Im Interview erklärt er, wie der Recyclingpapierhersteller die bisherigen Krisen gemeistert hat, welche wichtige Rolle die Mitarbeitenden dabei gespielt haben und welche Strategien den unternehmerischen Erfolg in Zukunft sichern sollen.  


2022 schließt Steinbeis Papier mit einer positiven Bilanz ab – welches Erfolgsrezept steckt dahinter?

Zwei wesentliche Dinge waren hier ausschlaggebend. Nach dem Krisenherd der Pandemie 2020 wurden erhebliche Kapazitäten – fünf Millionen Tonnen grafisches Papier – aus dem Markt genommen. Der Markt hat sich somit gedreht. Aus einem Käufermarkt wurde ein Verkäufermarkt. Wir konnten unsere Erlöse deutlich erhöhen, allerdings wurde auch der Kostendruck stärker spürbar. Unser Vorteil ist, dass wir immer eine sehr langfristige Energiepolitik betreiben. Zum einen hat Steinbeis Papier ein eigenes Kraftwerk, mit dem wir 70 Prozent unseres Energiebedarfs selbst erzeugen können. Zum anderen konnten wir die restliche, extern bezogene Energie langfristig und sehr frühzeitig zu moderaten Konditionen für 2022 einkaufen.   

Was macht Steinbeis Papier anders als die Konkurrenz?

Alle in der Branche haben mit der Kostensituation zu kämpfen. Wer seine Energieversorgung nicht längerfristig abgesichert hat und am Spotmarkt einkaufen musste, hatte das ganze Jahr schon Probleme. Bei uns genießt das Thema Nachhaltigkeit seit jeher einen großen Stellenwert. Steinbeis Papier liegt damit absolut im Trend und präsentiert sich hier nachweislich mit einer großen Glaubwürdigkeit. Und die kommt bei Kundinnen und Kunden an.

 

Was hat Sie besonders stolz gemacht?

Die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war am Pandemie-Höhepunkt und auch danach schon außergewöhnlich. Mit Mundschutz gerade in der Produktion – das hat schon einiges von den dort Beschäftigten abverlangt. Dass wir trotz vieler Widrigkeiten ein immer positives Betriebsklima bewahren konnten, steht auch für den großartigen Charakter dieses Unternehmens und die hier Arbeitenden. Natürlich werden wir in schwierigen Marktzeiten am unternehmerischen Erfolg gemessen. Und Steinbeis Papier hat auch in der schwersten Krise nie Verluste geschrieben und immer gut gewirtschaftet. Gerade unsere Investitionen in der Vergangenheit haben sich schon jetzt bewährt. Besonders freut mich aber, dass wir große Fortschritte bei der Einführung des neuen Produktes Etikettenpapier gemacht haben. Steinbeis Papier hat sich den technologischen Herausforderungen einer neuen Produktimplementierung gestellt und in einem neuen Markt Fuß gefasst.

 

Die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pandemie war außergewöhnlich.

Ulrich Feuersinger, Geschäftsführer Steinbeis Papier
Am Standort Glückstadt werden auch 2023 Strategien zur Krisenprävention, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit entwickelt. Foto: Florian Thoss für Steinbeis Papier

Wie ist die Auftragslage derzeit?

Wir bemerken eine deutliche Abschwächung bei LWC-Papieren. Es werden Werbebudgets gekürzt, sodass es zu einer geringeren Auslastung kommt. Wir befinden uns bereits in einer Rezession. Es ist deutlich schwieriger geworden, Aufträge zu kreieren. Bei unseren Kopierpapieren ist die Auftragslage stabil, wir arbeiten dabei allerdings an der Kapazitätsgrenze. In der Ausrüstung müssen wir noch mal nachjustieren. Wir setzen aber ganz klar auf Etikettenpapiere, da sich hier ein anderer Konjunkturverlauf abzeichnet.

Wie bilanzieren Sie den Weg von Steinbeis Papier durch die Pandemie?

Wir hatten insbesondere im Jahr 2020 mit erheblichen Herausforderungen zu kämpfen. Im ersten Lockdown brach die Nachfrage nach Papier ein. Doch schon im zweiten Halbjahr des gleichen Jahres und im Jahr 2021 konnten wir unser Geschäft wieder auf ein Normalniveau bringen. Maßnahmen, die wir treffen mussten, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hoher Akzeptanz getragen. Wir konnten eine Impfquote von fast 90 Prozent im Unternehmen erreichen. Jeder hat somit auf seine Weise Verantwortung übernommen und einen Beitrag geleistet.

 

Wie ist Steinbeis Papier aus der Krise hervorgegangen?

Nach der Krise ist vor der Krise. Krieg mitten in Europa hat noch niemand von uns erlebt. Diese Tatsache mit allen Folgen macht die unternehmerische Planung umso schwieriger. Wir haben erlebt, dass das Energieversorgungssystem kollabiert und es zu einer Verzehnfachung der Preise gekommen ist. Deshalb war es zuletzt schwer, langfristige Investitionen in einem so unsicheren Umfeld zu tätigen und letztendlich zum Erfolg zu führen. Die Pandemie-Krise scheint überwunden, doch die Wirtschaftskrise steht eventuell unmittelbar bevor. Wir müssen uns schon konsolidieren und schauen, was der richtige Weg in die Zukunft ist.

 

Die Kampagne ist ein erster Schritt, um eine Marke nachhaltig zu etablieren und neue Zielgruppen zu erschließen.

Ulrich Feuersinger, Geschäftsführer Steinbeis Papier
Etiketten aus Recyclingpapier sind Teil eines Plans zur Erschließung neuer Geschäftsfelder. Sie sollen auch langfristig zum Erfolg von Steinbeis Papier beitragen. Fotos: loved GmbH für Steinbeis Papier

Ein Weg ist die Kampagne zur Steigerung der Markenbekanntheit. Was steckt dahinter?

Wir agieren stark im Behördengeschäft und bei Großunternehmen. Unser Ziel ist es jetzt, neue Zielgruppen zu erschließen, kleinere Unternehmen und auch im Privatbereich Menschen von Steinbeis Papier mit seiner Nachhaltigkeitsphilosophie und letztendlich mit seinen Recyclingpapieren zu überzeugen. Mit der Kampagne und ReThinkingPaper haben wir einen professionellen ersten Schritt gemacht, eine sogenannte „Brand“, also eine Marke, aufzubauen.

Wie fällt hier Ihre Bilanz aus?

Mit der Kampagne wollten wir Aufmerksamkeit schaffen – das ist auch gelungen: Mehr als zehn Millionen Menschen haben den Kampagnenfilm gesehen. Wir werden noch weitere Daten auswerten, um zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Aber eine durchweg positive Resonanz ist schon jetzt festzustellen. Da wir es aber hier nicht mit einer kurzzeitig lösbaren Aufgabe zu tun haben, brauchen wir eine gewisse Beständigkeit in unseren Maßnahmen. Neue Konzepte und Formate wird es auf Basis der Erfahrung mit der jetzigen Kampagne auch in 2023 geben.

Welchen Stellenwert nehmen neue Märkte wie der für Etikettenpapiere ein?

Diese Produktinnovation soll ein neues Standbein werden. Unsere Nachhaltigkeitsphilosophie kommt bei der Zielgruppe von Etikettenpapieren gut an, und etablierte Verkaufsmechanismen von Steinbeis Papier sind auf diesen Markt übertragbar. Hinzu kommt, dass wir hier keine Substitutionskonkurrenz zur Digitalisierung sehen, also dass eigentlich kein digitales Produkt unseres ersetzen könnte. Auch der Konjunkturzyklus gestaltet sich hier anders als in unserem Traditionsgeschäft.

 

Wird das traditionelle Kerngeschäft auf absehbare Zeit abnehmen und durch neue Geschäfte ersetzt werden?

Wir sehen weiterhin gute Wachstumschancen bei unserem Kopierpapier – eine Entwicklung, die sogar deutlich gegen den Markttrend geht. Auf der Steinbeis Papier Agenda steht auch, dass neue Märkte gerade in Osteuropa erschlossen werden. Unsere Konzentration im Neugeschäft legen wir schon auf Etiketten aus Recyclingpapier. Zudem sind die Innovation weiterer artverwandter Produkte und die Ausweitung auf neue Geschäftsfelder große Themen bei uns. Nur so schaffen wir es auch, abnehmende Märkte mit der Erschließung neuer Märkte mit neuen Produkten zu kompensieren. 

Was erhoffen Sie sich vom Jahr 2023?

Mehr Planungssicherheit würde für ruhigeres Wirtschaften sorgen. Heute wissen wir noch nicht, mit welchen Energiekosten zu rechnen ist. Weiter muss sich die Konjunktur wieder erholen, sodass auch die Unsicherheiten in den Märkten wieder verschwinden. Nur so kann Steinbeis Papier erneut eine wirtschaftliche Stabilisierung erreichen.  

Wie wird Steinbeis Papier Herausforderungen wie der Energiekrise, Knappheit von Altpapier und dem Fachkräftemangel weiter begegnen?

Wir blicken positiv in die Zukunft: Mit dem neuen Sondersortenstrang, der im März anlaufen wird, werden wir unser Rohstoffangebot entscheidend ausbauen. Dann kommen auch andere Altpapiersorten zum Einsatz, die bislang nicht recycelbar waren. Ein wichtiges Vorhaben ist, dass wir den Eigenanteil der Energie erhöhen. Wir denken hier über einen eigenen Solarpark in Glückstadt nach. Gern würden wir auch in Windräder investieren, was aber aufgrund unserer geografischen Lage in der Nähe der Stadt nicht realisierbar ist. Nachhaltig agieren wir auch hinsichtlich unserer Fachkräfte: Wir haben bereits vor fünf Jahren unsere Ausbildungsplätze verdoppelt und beschäftigen mittlerweile Lehrlinge in dritter Generation. Jedes Jahr stehen dafür Investitionen von 250.000 Euro bereit, die sich angesichts der demografischen Lage in Zukunft klar auszahlen werden.

Was hat sich Steinbeis Papier für das Jahr 2023 vorgenommen?

Wir haben drei außergewöhnliche Jahre hinter uns. Deshalb werden wir unsere ursprüngliche Strategie überprüfen und detaillierte Konzepte ausarbeiten, um dann in 2024 mit der Umsetzung neuer Maßnahmen zu beginnen. Wo die Prioritäten liegen – beim Kapazitätsausbau oder der Effizienzsteigerung –, müssen wir im nächsten halben Jahr erörtern und klären. 

 


Titelbild: Florian Thoss für Steinbeis Papier

 

Autor/-in

Benjamin Seibring

Benjamin Seibring ist Redakteur für die Bereiche Lifestyle und Mobilität. Er interessiert sich zudem für Kulturthemen mit den Schwerpunkten Musik, Film und Medienanalyse.

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