Trendfarbe Grün – Kursänderung in der Textilbranche
20.08.2024 – Die Ära des gedankenlosen Konsums neigt sich dem Ende zu. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher hinterfragen die Produktionsbedingungen der Waren, die sie kaufen, und suchen nach nachhaltigen Alternativen. Dieser Sinneswandel bleibt auch der Modeindustrie nicht verborgen. Luxusmarken und Fast-Fashion-Giganten entdecken Nachhaltigkeit als integralen Bestandteil ihrer Geschäftsmodelle.
Lange Zeit galt die Modeindustrie als einer der größten Umweltverschmutzer weltweit. Gigantischer Wasserverbrauch, umweltschädliche Pestizide im Baumwollanbau und die Ausbeutung von Arbeitskräften prägten das Bild. Doch der Wind dreht sich. Immer mehr Modehäuser setzen auf nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle, recyceltes Polyester oder innovative, vegane Alternativen.
Pioniere wie Stella McCartney, bekannt für ihr Engagement für tierversuchsfreie Mode, oder das Outdoor-Label Patagonia, das seit Jahren auf recycelte Materialien und faire Produktionsbedingungen setzt, zeigen, dass Nachhaltigkeit und Style kein Widerspruch sein müssen. Auch große Modehäuser wie H&M oder C&A ziehen nach und etablieren nachhaltige Kollektionen und Recyclingprogramme. Eine Vielzahl führender Unternehmen hat sich in Initiativen wie dem Fashion Pact zusammengeschlossen, um gemeinsam nachhaltiger zu agieren. Der Fashion Pact wurde 2019 auf dem G7-Gipfel in Biarritz vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron ins Leben gerufen und umfasst mittlerweile mehr als 150 namhafte Marken und Unternehmen wie Chanel, Nike, Adidas, H&M und Prada. Dieser Pakt hat sich der Bekämpfung des Klimawandels, dem Schutz der Artenvielfalt und der Erhaltung der Ozeane verschrieben. Ziel ist es, den ökologischen Fußabdruck der Modebranche signifikant zu reduzieren.
Kritiker bemängeln, Nachhaltigkeit werde oft als Marketinginstrument genutzt, ohne die Praktiken in der gesamten Lieferkette grundlegend zu verändern. Hier sind hohe Transparenz und die Zertifizierung von nachhaltigen Produktionsstandards essenziell, um bewussten Konsum zu ermöglichen. Befürworter betonen allerdings, dass auch einzelne Projekte und Teillösungen bereits Verbesserungen und einen Sinneswandel nach sich ziehen können und deshalb positiv und nicht als reines „Greenwashing“ bewertet werden sollten.
Hier sind elf Beispiele von Modehäusern und ihren Nachhaltigkeitsinitiativen:
Patagonia
Patagonias Worn-Wear-Programm, 2013 ins Leben gerufen, ist eine wegweisende Nachhaltigkeitsinitiative, die die Langlebigkeit von Kleidung fördert und die Kreislaufwirtschaft unterstützt. Als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit ermutigt Patagonia Kunden, ihre getragenen Kleidungsstücke zu reparieren oder weiterzuverkaufen. Das Programm bietet einen umfassenden Reparaturservice, bei dem in Nordamerika über 45 fest angestellte Mitarbeiter jährlich mehr als 30.000 Artikel instand setzen. Kunden können zudem gebrauchte Patagonia-Produkte zurückgeben und dafür Gutschriften erhalten. Diese Artikel werden dann gereinigt, bei Bedarf repariert und im Worn-Wear-Onlineshop wieder verkauft. Produkte, die nicht mehr repariert werden können, werden recycelt, um neue Materialien herzustellen. Um Kunden zu befähigen, selbst aktiv zu werden, stellt Patagonia Anleitungen und Tutorials für einfache Reparaturen zur Verfügung. Eine besondere Initiative ist die jährliche Reparatur-Tour in Europa, bei der Patagonia-Mitarbeiter kostenlose Reparaturen an Outdoor-Bekleidung vornehmen, unabhängig von der Marke. In Europa arbeitet Patagonia zudem mit dem United Repair Centre in Amsterdam zusammen, das jungen Erwachsenen und Neuankömmlingen mit Flüchtlingshintergrund Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten bietet.
Stella McCartney
Stella McCartney ist bekannt für ihren intensiven Einsatz für umweltfreundliche Materialien und Innovationen in der Modeindustrie. Sie verwendet Bio-Materialien wie Bio-Baumwolle und entwickelt innovative Alternativen zu Leder und Pelz. Ein Beispiel dafür ist Mylo, ein lederähnlicher Stoff aus Pilzen. McCartney hat sich auch als Pionierin in der nachhaltigen Mode etabliert, indem sie vegane „It Bags“ und andere Produkte aus nachhaltigen Materialien wie Traubenleder und recyceltem Kaschmir produziert.
H&M
Das schwedische Unternehmen hat sich ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele gesetzt und arbeitet aktiv an deren Umsetzung. So strebt man an, bis 2030 ausschließlich recycelte oder nachhaltige Materialien zu verwenden. H&M hat eine Kleidersammel-Initiative gestartet, um Textilien zu recyceln, und investiert in innovative Recycling-Technologien, um Altkleider in neue Fasern und Materialien umzuwandeln. Bis 2040 will das Unternehmen klimapositiv werden und vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen. H&M setzt sich auch für verbesserte Arbeitsbedingungen ein, indem es Beziehungen zu Lieferanten verbessert, faire Mindestlöhne fördert und Mitarbeiter besser schult. Trotz dieser Bemühungen gibt es Kritik, dass H&M sein volles Nachhaltigkeitspotenzial noch nicht ausschöpft, da der Gesamtanteil an recyceltem Material über den gesamten Output hinweg gering ist. Dennoch wird H&M im Fashion Transparency Index positiv bewertet und belegt einen der vorderen Plätze für die Transparenz seiner Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Gucci
Gucci Equilibrium ist eine umfassende Nachhaltigkeits- und soziale Verantwortungsinitiative des italienischen Unternehmens, die darauf abzielt, Kreativität und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Das Projekt umfasst verschiedene Aspekte, darunter das Gucci-Changemakers-Programm zur Förderung von Inklusion und Vielfalt, Bemühungen um eine nachhaltige Lieferkette und die Entwicklung innovativer Materialien wie „Demetra“. Gucci engagiert sich zudem in sozialen Projekten, beispielsweise in Partnerschaft mit UNICEF, und setzt sich für Umweltschutz und eine Kreislaufwirtschaft in der Modebranche ein. Durch transparente Kommunikation über die Gucci-Equilibrium-Website demonstriert das Unternehmen sein Engagement für einen positiven Wandel in der Modeindustrie, der Menschen und Planeten gleichermaßen berücksichtigt.
House of Dagmar
Das schwedische Modelabel wurde 2005 von den Schwestern Karin Söderlind, Kristina Tjäder und Sofia Wallenstam gegründet. Seitdem hat sich das Unternehmen einen Namen in der globalen Luxusmodebranche gemacht und ist bekannt für seine nachhaltigen und ethischen Praktiken. Das Label verwendet umweltfreundliche Materialien und achtet darauf, den ökologischen Fußabdruck seiner Produkte zu minimieren. Zu den nachhaltigen Praktiken gehören die Verwendung von biologisch abbaubaren und recycelten Materialien sowie die Förderung von Transparenz in der Lieferkette. Das Engagement von House of Dagmar für Nachhaltigkeit wurde bereits gewürdigt: So erhielt das Label auf der Copenhagen Fashion Week 2021 den Nachhaltigkeitspreis von Zalando.
Adidas
Der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt engagiert sich stark für Nachhaltigkeit durch mehrere Initiativen. Eine bedeutende Partnerschaft bestand mit „Parley for the Oceans“, bei der Sportbekleidung und Schuhe aus recyceltem Meeresplastik hergestellt werden. Diese Zusammenarbeit hat zur Produktion von über 77 Millionen Paar Schuhen beigetragen, die aus Plastikmüll von Stränden und Küstenregionen gefertigt wurden. Diese Partnerschaft geht jedoch 2024 zu Ende. Darüber hinaus hat Adidas das „Choose to Give Back“-Programm in Zusammenarbeit mit der Secondhand-Plattform thredUP ins Leben gerufen, um gebrauchte Sportbekleidung und Schuhe wiederzuverwenden oder weiterzuverkaufen. Adidas ist auch der Initiative „Fashion for Good“ beigetreten, die darauf abzielt, nachhaltige Innovationen in der Modeindustrie zu fördern. Diese Partnerschaft unterstützt die Entwicklung und Skalierung nachhaltiger Technologien und Materialien. Zudem hat sich Adidas verpflichtet, ab 2024 in allen Produkten ausschließlich recyceltes Polyester zu verwenden und setzt sich durch die Initiative „Move For The Planet“ für die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks durch sportliche Aktivitäten und bewussten Konsum ein.
Outerknown
Das kalifornische Lifestyle-Label, gegründet von der Surflegende Kelly Slater in Zusammenarbeit mit Designer John Moore, ist ein Vorreiter für Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Es setzt konsequent auf umweltfreundliche Praktiken und innovative Materialien wie beispielsweise die Entwicklung der weltweit ersten Boardshorts aus Merinowolle. Outerknown verwendet recycelte und organische Materialien und arbeitet eng mit Fair-Trade-zertifizierten Herstellern zusammen, um ethische Produktionsmethoden sicherzustellen. Die Marke verfolgt einen minimalistischen Designansatz und konzentriert sich darauf, qualitativ hochwertige und langlebige Kleidung mit geringer Umweltbelastung herzustellen. Ihr Engagement für Nachhaltigkeit zeigt sich auch in Kooperationen mit anderen Unternehmen, wie etwa einer speziellen Uhrenkollektion mit Breitling.
Burberry
Die britische Luxusmarke engagiert sich intensiv für Nachhaltigkeit und setzt dabei auf eine Vielzahl von Initiativen. Das ReBurberry Fabric Project, eine Zusammenarbeit mit dem British Fashion Council, spendet überschüssige Stoffe an Modeschulen und Universitäten, wobei bisher über 12.000 Meter Stoff an mehr als 30 Einrichtungen verteilt wurden. Das Unternehmen hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt, wie die Klimaneutralität in den eigenen Betrieben bis 2022 und eine klimapositive Bilanz bis 2040. Burberry ist Mitglied von RE100, einem Projekt für Unternehmen, die sich für 100 Prozent erneuerbare Energien einsetzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rückverfolgbarkeit aller Schlüsselmaterialien bis 2025, wobei bis dahin 100 Prozent zertifiziertes recyceltes Nylon, recyceltes Polyester, Wolle und Bio-Baumwolle verwendet werden sollen. Burberry ist zudem Mitglied verschiedener Nachhaltigkeitsinitiativen wie dem Fashion Pact und der Ellen MacArthur Foundation für zirkuläre Mode. Darüber hinaus zeigt das Unternehmen soziales Engagement, indem es an Jugendorganisationen weltweit spendet und LGBTQ+-Initiativen unterstützt.
LVMH
Der Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE, zu dem Marken wie Givenchy, Céline, Kenzo, Marc Jacobs oder Fendi gehören, hat ein umfangreiches Nachhaltigkeitsprogramm ins Leben gerufen. Das „Life 360“-Programm setzt ambitionierte Nachhaltigkeitsziele für 2023, 2026 und 2030 in vier Kernbereichen: Kreislaufwirtschaft, Biodiversität, Klima sowie Rückverfolgbarkeit und Transparenz. Für 2026 hat sich LVMH vorgenommen, 100 Prozent seiner strategischen Rohstoffe zu zertifizieren, um eine verantwortungsvolle Beschaffung zu gewährleisten. Bis 2030 strebt der Konzern an, 100 Prozent seiner Produkte in eine Kreislaufwirtschaft einzubinden und seine Treibhausgasemissionen um 50 Prozent zu reduzieren (im Vergleich zu 2019). Zudem plant LVMH, bis 2030 fünf Millionen Hektar Lebensraum für Tiere und Pflanzen zu regenerieren. Um diese Ziele zu erreichen, hat LVMH das „Life 360 Business Partners“-Programm initiiert, das Lieferanten und Partner einbezieht. Der Konzern organisiert jährliche Sustainability Business Partners Days und führt eine Life Academy ein, um umweltfreundliche Praktiken zu fördern und die Erreichung dieser ambitionierten Ziele zu unterstützen.
Prada
Das italienische Unternehmen verstärkt seine Nachhaltigkeitsbemühungen durch mehrere Initiativen und Partnerschaften. Es hat 2019 das innovative Re-Nylon-Projekt eingeführt, bei dem recyceltes Econyl-Nylon aus Plastik- und Textilfaserabfällen verwendet wird. Dieses Material kann unbegrenzt recycelt werden und wird in verschiedenen Produktlinien eingesetzt, einschließlich einer Kooperation mit Adidas. Prada strebt langfristig an, seine gesamte Nylonproduktion auf Re-Nylon umzustellen. Darüber hinaus ist das Unternehmen kürzlich der Fashion Task Force beigetreten, einer Initiative des britischen Königs Charles III., die sich für nachhaltige Lösungen in der Modeindustrie einsetzt. In diesem Rahmen beteiligt sich Prada an Projekten wie dem Digital Passport, der Kunden über die Nachhaltigkeitsnachweise ihrer Einkäufe informiert. Zusätzlich ist Prada dem Global Compact der Vereinten Nationen beigetreten, um verantwortungsvolle Geschäftspraktiken zu entwickeln und umzusetzen. Diese vielfältigen Engagements unterstreichen Pradas Commitment zu Nachhaltigkeit und Innovation in der Luxusmodeindustrie.
MUD Jeans
Das niederländische Unternehmen ist mit seinem einzigartigen Leasingmodell für Jeans ein Vorreiter in der nachhaltigen Modebranche. Kunden können Jeans leasen, tragen und später zurückgeben oder gegen eine neue eintauschen. Dieses Modell unterstützt die Kreislaufwirtschaft, da alte Jeans recycelt und zu neuen Produkten verarbeitet werden. MUD Jeans verwendet recycelte Materialien und Bio-Baumwolle, wobei ihr Denim aktuell zu 40 Prozent aus recycelten Verbraucherabfällen besteht. Das Unternehmen arbeitet kontinuierlich daran, den Anteil an recycelten Materialien zu erhöhen und die Recyclingprozesse zu verbessern. Neben dem direkten Verkauf an Endkunden bietet MUD Jeans auch ein Leasingprogramm für Einzelhändler an. Seit Herbst 2020 läuft ihr Webshop auf Shopify Plus, was die Benutzerfreundlichkeit und Funktionalität verbessert hat. MUD Jeans bleibt seinem nachhaltigen Konzept treu und entwickelt es stetig weiter.
Diese Initiativen zeigen, dass große Modehäuser zunehmend Verantwortung für ihre Umweltauswirkungen übernehmen. Doch der Weg zu einer wirklich nachhaltigen Modeindustrie ist noch lang und erfordert kontinuierliche Anstrengungen und Innovationen. Auch wir als Konsumentinnen und Konsumenten können einen nachhaltigen Umgang mit unserer Kleidung etablieren, indem wir bewusst einkaufen und auf Qualität statt Quantität setzen. Der Kauf von Secondhand-Kleidung, die Reparatur und Pflege von Kleidungsstücken sowie die Unterstützung von Marken mit echtem Engagement für Nachhaltigkeit sind weitere Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten. Letztendlich liegt es an uns allen – Verbraucherinnen und Verbrauchern, Unternehmen und Regierungen –, gemeinsam an einer nachhaltigeren Zukunft der Mode zu arbeiten. Nur so können wir sicherstellen, dass Mode nicht nur gut aussieht, sondern auch gut für unseren Planeten ist.
Titelbild: Gabby K./Pexels