Heimspiel für den Meeresschutz
Wie kann ein Spitzenhandballverein wie der THW Kiel seine Strahlkraft nutzen, um nachhaltiges Engagement in der Region zu fördern? Stefanie Klaunig, Marketingleiterin des THW Kiel, gibt im Interview Einblicke in das Projekt För de Küste – eine Initiative für Umweltbildung, Meeresschutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Schulen, Fans und Partnerunternehmen werden aktiv eingebunden, um gemeinsam Verantwortung für Nord- und Ostsee zu übernehmen. Im Zentrum steht dabei nicht nur Aufklärung, sondern auch konkrete Handlungskompetenz. Ein Gespräch über Haltung, regionale Wirksamkeit und die Kraft des Sports.
Was genau steckt hinter dem Projekt För de Küste?
För de Küste ist unser Projekt zum Küsten- und Meeresschutz. Das heißt konkret: Wir machen Strand-Clean-ups, starten Bewusstseinskampagnen, beziehen Partner ein und nutzen Spieltage, um Aufmerksamkeit für den Schutz der Ostsee und unserer Küstenregion zu schaffen. Es geht uns dabei nicht um eine komplette Nachhaltigkeitsstrategie, sondern um ein fokussiertes Projekt, mit dem wir unsere gesellschaftliche Verantwortung als Verein betonen. Offiziell gestartet sind wir im August 2022, aber die Planungen begannen schon ein Jahr vorher. Die Idee war: Als starker regionaler Verein wollen wir nicht nur auf dem Spielfeld Verantwortung zeigen, sondern auch abseits davon, besonders im Bereich Nachhaltigkeit.
Gab es dafür einen konkreten Auslöser?
Wir hatten im sozialen Bereich bereits einiges gemacht, auch wirtschaftlich nachhaltig zu denken ist als Verein ja eh wichtig. Aber das Thema ökologische Nachhaltigkeit fehlte noch. Und da haben wir uns gefragt: Was passt zu uns, was können wir wirklich gut umsetzen? Die Ostsee liegt quasi direkt vor unserer Haustür. Unsere Arena ist keine 400 Meter vom Wasser entfernt. Da lag es einfach nahe, den Fokus auf Küsten- und Meeresschutz zu legen. Natürlich spielt auch Strategie eine Rolle. Die Liga fordert von den Vereinen inzwischen mehr Nachhaltigkeits-Engagement, und viele Sponsoren achten genau darauf, ob die Werte des Vereins zu ihren eigenen passen. Aber uns ging es nicht nur um ein hübsches Green-Label. Wir wollten etwas auf die Beine stellen, das ehrlich ist und vor Ort Wirkung zeigt.
Inwiefern hat sich der THW Kiel an bestehenden Initiativen orientiert?
Wir haben uns natürlich angeschaut, was zum Beispiel im Fußball schon läuft. Aber im Handball gab’s so ein Format noch nicht. Uns war wichtig, klein anzufangen, ohne den großen Nachhaltigkeitszirkus. Nicht erst zwei Jahre Konzepte schreiben, sondern loslegen, ausprobieren, weiterentwickeln. Deshalb nennen wir es bewusst Projekt und nicht Strategie. Unterstützt wurden wir von einer Vermarktungsagentur, mit der wir schon lange arbeiten. Und weil wir in Sachen Küstenschutz nicht die absoluten Experten waren, haben wir uns drei starke Partner ins Boot geholt. Erst mal haben wir in Einzelgesprächen ausgelotet, ob eine Zusammenarbeit denkbar ist und sie dann an einen Tisch geholt.
Gab es einen Schlüsselmoment zur Initialisierung des Projekts?
Unser Geschäftsführer saß mit dem Pressesprecher vom Landesbetrieb für Küstenschutz (LKN.SH) zusammen, und es hat Klick gemacht. Die Idee war: Wir haben die Reichweite und können Themen wie Küstenschutz und Nachhaltigkeit positiv in die Öffentlichkeit bringen. Daraus entstand ein gemeinsames Leitbild. Wir haben geschaut: Welche der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) passen zum Verein, welche zu unserem Projekt? Das haben wir definiert und daraus konkrete Maßnahmen abgeleitet.
Mit För de Küste wollen wir Menschen und Unternehmen zusammenbringen, die unsere Heimat schützen und mitgestalten wollen.
Was will der THW Kiel langfristig mit dem Projekt bewirken?
Langfristig soll der ökologische Fußabdruck des Vereins deutlich reduziert werden. Also angefangen bei der Geschäftsstelle über Spieltage bis hin zu Auswärtsfahrten. Das sind alles Bereiche, wo man noch einiges besser machen und Emissionen einsparen kann. Gleichzeitig soll mit dem Projekt ein Bewusstsein geschaffen werden, sowohl innerhalb des Vereins als auch nach außen. Denn klar: Ein Verein wie der THW Kiel hat Strahlkraft. Fans identifizieren sich mit ihren Spielerinnen und Spielern. Wenn die bei solchen Themen mitziehen, wirkt das einfach anders, als wenn das jemand privat im Freundeskreis anspricht.
Die Idee ist also nicht nur, bei sich selbst anzufangen, sondern auch andere mitzunehmen.
Der Anspruch ist schon, da ein Stück weit Vorreiter zu sein. Gerade weil viele sportlich, aber auch darüber hinaus auf den THW Kiel schauen. Natürlich passiert auch bei anderen Vereinen in dem Bereich einiges. Aber mit der Plattform För de Küste, die gezielt Wissenschaft, Wirtschaft und Sport zusammenbringt, gehen wir da schon noch mal einen etwas anderen Weg. Es geht uns nicht um den Vergleich, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und das Thema auch zur eigenen Marke zu machen. Im besten Fall sagt man irgendwann: Ach ja, das ist doch das Nachhaltigkeitsprojekt vom THW Kiel, das hab ich schon mal gehört.
Aber warum eigentlich genau Küsten- und Meeresschutz?
Klimaschutz war von Anfang an das große Thema. Bei der Frage, was da wirklich konkret und auch regional relevant ist, war ziemlich schnell klar: Der Meeresspiegel steigt, die Sturmfluten nehmen zu, das betrifft uns hier an der Küste ganz direkt. Viele denken bei der Ostsee vielleicht noch: „Ach, hier passiert schon nichts“. Aber das stimmt eben nicht. Die Veränderungen sind spürbar. Und genau da setzt das Projekt an. Dazu kommt: Der Verein ist fest in der Region verankert. Kiel ist Heimat, die Ostsee auch. Da ist es nur konsequent, sich für das stark zu machen, was die eigene Identität mitprägt. Als Sportverein übernimmt man ja nicht nur auf dem Spielfeld Verantwortung, sondern eben auch gesellschaftlich. Und wenn man dann noch in der Lage ist, Menschen für so ein Thema zu begeistern, dann ist schon viel gewonnen.
Bei konkreterem Blick auf das Projekt – was ist eigentlich bisher schon alles passiert bei För de Küste?
Da ist inzwischen echt einiges zusammengekommen. Drei Beach-Clean-ups haben wir schon gemacht. Bei einem davon waren wir sogar mit dem LKN.SH unterwegs zur Steilufer-Vermessung. Es war spannend, mal einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen und mal live zu erleben, wie Geisternetze oder anderer Unrat aus dem Wasser geholt werden. Und dann gab’s kleinere Aktionen, zum Beispiel mit Schulklassen. Da war unser Maskottchen Hein Daddel, das bei den Kids immer gut ankommt, mit dabei. Wir haben dann spielerisch über Meeresschutz gesprochen, einen ganzen Vormittag lang. Das sind schöne Formate, weil sie ganz nah dran sind und man merkt: Das bleibt hängen.
Und an den Spieltagen selbst?
Da haben wir mittlerweile drei große Themenspieltage umgesetzt. Wir öffnen dann die Türen für unsere Partner aus dem Netzwerk. Die bauen dann Stände auf, zeigen ihre Themen – ganz klassisch wie eine kleine Messe in der Arena. Manchmal gibt’s auch Vorträge oder Workshops. Beim zweiten Mal war zum Beispiel das LKN.SH dabei und hat im Nebenraum über Küstenschutz informiert. In diesem Jahr haben wir das Erlebnis für unsere Einlaufkinder um einen pädagogischen Impuls erweitert. In Kooperation mit einem gemeinnützigen Verein fand vor dem Spiel ein dreistündiger Workshop zum Thema Recycling in der Arena statt. Die Kinder konnten sich so nicht nur auf ihren großen Auftritt vorbereiten, sondern auch inhaltlich etwas mitnehmen.
Wie wird För de Küste noch sichtbar?
Die ersten beiden Jahre haben wir extra Trikots anfertigen lassen. Das fällt auf, wenn der THW nicht in Weiß aufläuft, sondern in Blau, und alle fragen: Was ist da los? Und dann erzählen wir es eben. Dieses Jahr gab’s Warm-up-Shirts, die danach versteigert wurden. Oder wir machen Tombolas. Das bringt nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Geld ein, das wir gezielt für Meeresschutzprojekte einsetzen. Mehr als 30.000 Euro sind da insgesamt schon zusammengekommen. Das geben wir meist weiter an NGOs. Wir verstehen uns da eher als Plattform, nicht als Projektträger.
Und wie kommt das bei den Leuten an?
Ich glaube, gerade die Spieltage haben eine große Strahlkraft. Die Aktionen bringen Aufmerksamkeit, das Feedback ist positiv. Und was mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Beim ersten Beach-Clean-up standen wir mit 15 Leuten bei Eiseskälte am Strand. Ich war erst ein bisschen enttäuscht, weil davon auch noch die Hälfte eigene Leute waren. Aber beim nächsten Mal waren es schon 150. Da kamen plötzlich Jugendmannschaften mit ihren Trainern. Und beim dritten Mal waren wir immer noch mit 80 bis 100 Leuten dabei, was für so eine Aktion richtig viel ist. Die Fans können sich außerdem ganz konkret beteiligen, bei der Tombola mitmachen, beim Heft oder der Klatschpappe überlegen: Nehm ich das mit, oder schmeiß ich’s einfach weg? Wir haben jetzt extra Tonnen in Kooperation mit Steinbeis Papier in der Arena aufgestellt, wo genau das gesammelt und wieder ins Altpapier gegeben wird – zum Beispiel an Steinbeis, die daraus wieder neues Papier machen.
Wie sehr ist Nachhaltigkeit schon Teil der Vereins-DNA?
Klar, wir sind in erster Linie ein Handballverein. Bei uns geht es vor allem um den Sport und um Spieltage. Aber das Thema Nachhaltigkeit hat mittlerweile einen viel höheren Stellenwert bekommen. Es ist keine kleine Marketingaktion mehr, sondern fester Bestandteil der Gesamtstrategie. Natürlich dauert so ein Prozess. Man muss intern immer wieder Impulse setzen, dranbleiben, hinterfragen. Auch bei den Mitarbeitenden oder Spielern. Aber genau das passiert inzwischen. Da kommen Rückfragen, auch aus der Mannschaft: „Passt dieser neue Sponsor eigentlich zu unserer Nachhaltigkeitsidee?“ Und dann merkt man: Okay, da findet ein Umdenken statt.
Die Zusammenarbeit mit Steinbeis Papier bringt nicht nur Recycling-Expertise, sondern ermöglicht konkrete Maßnahmen mit echter Wirkung.
Wie werden Projektpartner für För de Küste ausgewählt – und was macht die Zusammenarbeit mit Steinbeis Papier besonders wertvoll?
Nachhaltigkeit lebt vom Miteinander. Das zeigt auch die Kooperation zwischen dem THW Kiel und Steinbeis Papier. Dieser konkrete Partner bringt nicht nur Recycling-Expertise mit, sondern ermöglicht ganz konkrete Maßnahmen: von gebrandeten Sammeltonnen in der Arena über die Kreislaufführung des Hallenhefts bis hin zu Filmprojekten auf dem Videowürfel in der Halle, die Fans für den Mehrwert von Recycling sensibilisieren. Auch die Auswahl der Partner folgt einem klaren Prinzip. Es muss inhaltlich und im Spirit passen. Dass der THW Kiel und Steinbeis Papier hier auf einer Wellenlänge liegen, merkt man schnell. Beide eint der Wille, Verantwortung zu übernehmen, und gleichzeitig eine gewisse Lockerheit in der Umsetzung. Es geht nicht nur um Sponsoring, sondern um Wirkung.
Wie geht es weiter mit För de Küste?
Nachdem wir anfangs viele starke Partner gewinnen konnten, geht es jetzt vor allem darum, neue Mitstreiter zu motivieren und die bestehenden langfristig an Bord zu halten. Geplant sind auch kleinere Aktionen, zum Beispiel ein Beach-Clean-up pro Saison oder thematische Spieltage in der Arena. Außerdem wollen wir den persönlichen Austausch fördern, etwa bei Partner-Events wie dem im Herbst bei Steinbeis Papier. Ein echtes Highlight steht im August mit dem Ocean Race in Kiel an. Hier ist För de Küste bei einem Side Event mit dabei. Parallel arbeiten wir intensiv an der internen Weiterentwicklung: Auf Anstoß der Liga werden künftig verbindliche Nachhaltigkeitsbilanzen eingeführt. Um das fundiert umzusetzen, bauen wir die Zusammenarbeit mit externen Expertinnen und Experten weiter aus. Neben langfristigen Partnerschaften rücken auch gezielte Projektkooperationen stärker in den Fokus, zum Beispiel mit den Schleswiger Werkstätten oder mit Play Handball, einer Initiative, die Handballnachwuchs in Afrika mit Umweltbildung verbindet.
Wohin könnte sich För de Küste trotz begrenzter Kapazitäten langfristig entwickeln?
Langfristig wünschen wir uns, dass För de Küste als Vorzeigeprojekt über die Grenzen von Kiel hinaus wahrgenommen wird, als Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeit im Profisport ganz praktisch funktionieren kann. Im besten Fall inspiriert das auch andere Klubs, eigene Plattformen aufzubauen. Wichtig dafür ist, dass das Projekt auch mit Blick auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen rund um das Thema Nachhaltigkeit langfristig gesichert ist. Unser Ziel bleibt klar: Gemeinsam mit engagierten Partnern wollen wir den THW Kiel und sein Umfeld Schritt für Schritt nachhaltiger aufstellen.
Titelbild: Sascha Klahn/THW Kiel