„Die Corona-Krise ist für uns ein breites gesellschaftliches Experiment radikaler Entschleunigung“

Die Firma Steinbeis stellt seit Jahrzehnten ausschließlich Recyclingpapier mit höchsten Umweltgütesiegeln her und ist mit ihrem ressourcenschonenden Produktionskreislauf ein durchweg nachhaltiger Wirtschaftsakteur. Die Zahl solcher Akteure steigt – das Thema Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor einigen Wochen interviewten wir dazu die Wirtschaftspsychologin Prof. Dr. Irene López. Sie berichtete uns vom wachsenden Verantwortungsbewusstsein der Verbraucher und erklärte auch: Nachhaltiger Konsum kann unsere Wirtschaft stärken (das gesamte Interview finden Sie hier). 

Dann kam Corona, und viele Selbstverständlichkeiten unseres Alltags mussten im Eiltempo hinterfragt werden. Doch was macht die Krise mit dem Trend zu mehr Nachhaltigkeit? Wir baten Irene López erneut um ein Gespräch. Sie wusste zu berichten: Studien zufolge glaubt ein Viertel der Deutschen, dass die Corona-Krise ihr Kaufverhalten auf Dauer verändern wird. Im Interview schätzte López für uns ein, welchen Einfluss die Pandemie tatsächlich auf nachhaltigen Konsum, unsere Wirtschaft und unsere gesamte zukünftige Lebensweise nehmen könnte.

Lässt sich schon sagen, wie sich die Krise auf das allgemeine Konsumverhalten der Verbraucher auswirken wird?   

Meiner Meinung nach ist es noch schwer zu sagen, welche Auswirkungen die Krise auf das allgemeine Konsumverhalten hat, denn wir befinden uns momentan alle in einer absoluten Ausnahmesituation. Ob und wie stark unser Konsumverhalten beeinflusst wird, hängt von der Dauer der Krise ab. Das gilt sowohl für den allgemeinen als auch den nachhaltigen Konsum. Es ist möglich, dass die Maßnahmen und Lockerungen der Regierung für einen schnellen Normalzustand sorgen. Dann werden die Konsumenten relativ schnell wieder zu ihren gewohnten Konsummustern zurückkehren. Sollte diese Krise allerdings länger anhalten, dann ist meine Sorge, dass das starke Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat und zu einer temporären Rückkehr von stark preisorientiertem Kaufverhalten führt. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Boston Consulting Group rechnet mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland mit langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf ihr Konsumverhalten.

Dennoch können wir jetzt schon eine weltweite Veränderung des Konsumverhaltens wahrnehmen. Menschen kaufen mehr für andere ein, achten verstärkt auf die Hygiene im Supermarkt und kaufen außerhalb der Haupteinkaufszeiten. Einige Branchen, wie der Tourismus und die Gastronomie, machen aufgrund von Schließungsvorgaben Verluste, andere Dienste und Produkte profitieren von der Corona-Krise. Vor allem Streaminganbieter wie Netflix und Social-Media-Unternehmen haben etwas vom geänderten Konsumverhalten ihrer Nutzer. Ebenfalls steigt die Nutzung digitaler Dienstleistungen, wie medizinische Online-Beratung, Online-Bildungsangebote und Live-Übertragungen von Events, rasant an. Somit zeichnet sich ab, dass Corona Spuren hinterlassen wird.

Neben den rein finanziellen Folgen und der daraus resultierenden Schwächung der Kaufkraft – gibt es auch massenpsychologische Effekte der Krise? Hat die neue Erfahrung, vor leeren Regalen und geschlossenen Geschäften zu stehen, eine Art „Konsum-Trauma“ bei den Menschen ausgelöst?

Natürlich entstehen massenpsychologische Effekte in Bezug auf die Krise. Die meisten von uns haben noch nie eine Pandemie erlebt und wissen nicht, wie sie sich „richtig“ verhalten sollen. Das löst große Unsicherheiten und Angst aus. Dabei kann Angst uns antreiben, gemeinsam etwas in Bewegung zu setzen, klare Gedanken zu fassen, und das zu tun, was für das Gemeinwohl erforderlich ist. Allerdings sind die panischen Reaktionen, die wir teilweise in den sozialen Medien und in den Nachrichten sehen, tatsächlich übertrieben dargestellt. Das Grundvertrauen, dass die wissenschaftliche Medizin epidemiologisches Geschehen im Griff hat, ist zurzeit nicht vorhanden, da der Wissensstand der Experten noch unklar ist. Die Medien versuchen diese Fakten und Spekulationen transparent zu vermitteln, was zu nicht rationalen Entscheidungen führt. Das verbreitet Panik. Panik ist hoch ansteckend, versetzt uns in irrationales und katastrophales Denken und treibt uns zu unsozialen menschlichen Verhaltensweisen, die unsere Krise verschärfen können. Dazu gehören Hamsterkäufe, Gier und panische Flucht. An diesen Reaktionen können wir sehen, was Dynamiken beziehungsweise Strömungen bewirken. Sie offenbaren uns gleichzeitig auch das egoistische Verhalten der Menschen, denn neben Solidarität ist für den Menschen das Selbst am wichtigsten. Die Folgen daraus sind Hamsterkäufe, die sich als Lösung zur Eigenversorgung entpuppen und uns so Sicherheit verspüren lassen. Gerade in dieser unsicheren Zeit brauchen Menschen Sicherheit.

Garten und Balkon, Wald und Wiese – „draußen“ zu sein hat in der Krise einen anderen Stellenwert gewonnen als zuvor. Das gilt ganz besonders für jeden, der sich glücklich schätzen darf, die Natur gleich vor der Tür zu finden. (Foto: Valeria Strogoteanu/Unsplash)
Mit der Corona-Krise haben sich auch Wertvorstellungen in rasantem Tempo verschoben. Berufe, wie etwa Kassiererin, bekamen eine völlig neue Wertschätzung, und einige Produkte wie Desinfektionsmittel waren plötzlich fast unbezahlbar. Die üblichen Statussymbole zählten nicht mehr. Wie beurteilen Sie diese Phänomene, gab es bereits Vergleichbares in der Geschichte?

Nein, etwas Vergleichbares gibt es bislang nicht. Der Grund dafür ist, dass wir in einer völlig vernetzten, hoch globalisierten und medial transparenten Welt leben. Das bedeutet, dass alle Menschen zu Beteiligten werden und minutiös über alles informiert sind, alle Informationen sind zugänglich. Isolierte Phänomene der aktuellen Krise gab es auch in der Vergangenheit in anderen Krisen. Aber eine Krise, die so dynamisch einwirkt, und vor allem mit so viel Informationen und Wissen darüber, das gab es bislang nicht.

Allerdings zeigt dieser Wandel an Phänomenen definitiv etwas Positives: Statussymbole, die vorher wichtig waren, besitzen keinen echten Wert und werden in Krisenzeiten unwichtig. Es sind andere Dinge, die für uns an Bedeutung gewinnen. Diejenigen, die wissen, wie man es sich zu Hause schön macht, sind die Gewinner der neuen Zeit. Beneidet wird zudem grundsätzlich, wer einen Balkon, einen Garten oder sogar den Wald vor der Tür hat. Denn trotz „Social Distancing“ hören das soziale Leben und damit auch das Konkurrenzdenken ja nicht einfach auf, sie verlagern sich nur größtenteils von der echten in die digitale Welt, von draußen nach drinnen. Und vielleicht nehmen wir aus der gesamten Situation ja noch etwas mit, was uns schon immer vorgebetet wird: Dass die Entscheidung immer bei uns selbst liegt, was wirklich wichtig ist.

Welchen Einfluss hat die neue Lage auf unser Interviewthema vom letzten Mal? Werden die Menschen nach den Erfahrungen nun noch viel bewusster nachhaltig konsumieren? Oder wird die finanzielle Schwächung die Verbraucher dazu zwingen, vom nachhaltigen Konsum zurückzutreten und die günstigsten Produkte zu kaufen?

Wie beim letzten Interview schon erwähnt, ist nachhaltiger Konsum Teil einer nachhaltigen Lebensweise und ein Verbraucherverhalten, das vor allem Umwelt- und soziale Aspekte bei Kauf und Nutzung von Produkten oder Dienstleistungen berücksichtigt. Es geht dabei vor allem um das Nutzungs- und Entsorgungsverhalten von Ressourcen im Alltag und nicht unbedingt darum, auf günstige Produkte zu verzichten. Nun gibt uns die aktuelle Situation allen viel Zeit zum Nachdenken und Entschleunigen. Die Menschen kochen mehr, lesen mehr und werden kreativ. Es entsteht eine veränderte Haltung, bei der Nachhaltigkeit an Bedeutung gewinnt und gleichzeitig dafür sorgt, dass Menschen versuchen, bewusster nachhaltig zu konsumieren. Laut der Utopia-Studie sind drei von vier Teilnehmern der Meinung, dass es in Zukunft vor allem darum gehen wird, bewusster zu konsumieren. Das sorgt für eine neue Sensibilität der Konsumenten, bei der sie mehr hinterfragen und gezielter einkaufen. Das bedeutet nicht, dass wir eine Konsumverweigerung erleben werden, sondern vielmehr einen sehr genussvollen, aber differenzierten Konsum.

Was die Krise auf Dauer für unsere Wirtschaft bedeuten wird, kann niemand mit Gewissheit sagen. Eines ist sicher: Wir haben in den vergangenen Wochen eine Menge über Konsum gelernt. (Foto: Erik Mclean/Unsplash)

Meiner Meinung nach ist die Corona-Krise für uns ein breites gesellschaftliches Experiment radikaler Entschleunigung. Insofern müssen wir in Zukunft unterscheiden, welche Elemente sinnvoll sind, sie über die Krise hinaus beizubehalten, wie beispielsweise die Substitution von Konferenzen durch virtuelle Treffen, und wo wir das gesellschaftliche Leben wieder intensivieren sollten.

Zuletzt sah man Schlagzeilen und Titelbilder, die optimistisch davon ausgingen, dass die Corona-Krise auch eine Chance für eine bessere Welt bieten könne. Offenbar lässt sich auch mit weniger Individualverkehr, Flugreisen und Luxuskonsum leben. Rechnen Sie mit einem nachhaltigen Effekt, oder wird sich nach der Pandemie getreu dem Motto „zurück zur Normalität“ alles wieder auf dem Vor-Corona-Level einpendeln?

Ich rechne definitiv mit einem nachhaltigen Effekt durch die Pandemie. Die Corona-Krise kann uns Perspektiven aufzeigen, wohin sich die Gesellschaft entwickeln muss, um künftig bei multiplen Krisen resilienter und robuster zu sein. Dabei kann Nachhaltigkeit eine entscheidende Horizonterweiterung bieten. Allerdings müssen wir uns eingehend mit der Krise und unserem Umgang mit ihr auseinandersetzen, damit wir an dieser Krise wachsen können. Es ist wichtig, dass wir jetzt daran arbeiten, einen Weg für die Zukunft zu finden. Und der einzige Weg, wie wir diese Krise für die Zukunft nutzbar machen können, ist, dass wir die erstaunliche weltweite Mobilisierung, die wir gerade erleben, Früchte tragen lassen.

Foto: CBS International
Business School
Prof. Dr. Irene López ist Professorin und Fachbereichsleiterin für Wirtschaftspsychologie an der CBS International Business School. Sie studierte und promovierte im Fach Psychologie an der FU Berlin. In ihrer Lehre und Forschung widmet sie sich den Themen Kommunikation, Kommunikationsprozesse und -optimierung, Wissensmanagement, Personal- und Führungskräfteentwicklung sowie Arbeits- und Organisationspsychologie. Neben Lehre und Forschung an der CBS ist sie außeruniversitär als Coach und Consultant in Leadership-Programmen tätig. Zudem arbeitet sie in einem anwendungsbezogenen Projekt zu CSR und „Smart Working“.

Titelbild: Anne Shvets/Pexel

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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