Ökologie & Gesellschaft

Wahlen: Warum wir unser Kreuz auf Papier machen

Rund 675.000 Wahlhelfer waren bei der Bundestagswahl 2025 im Einsatz.1 In den etwa 90.000 Urnen- und Briefwahlbezirken begleiteten und überwachten sie die Wahl. Das ist ein unglaublicher Aufwand – so viel ist klar. Braucht es das wirklich? Wäre es nicht zeitgemäßer, wenn jeder zu Hause vorm Computer abstimmt? Nein: Dass wir unser Kreuz auf Papier machen, ist moderner und wichtiger denn je!

Sofort nach Schließung des Wahllokals öffnet der Wahlvorstand die Urne mit den Stimmzetteln. Die ehrenamtlichen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer des Wahlvorstandes stellen die Zahl der abgegebenen Stimmzettel fest und gleichen das Zählergebnis mit den Stimmabgabevermerken im Wählerverzeichnis und den Wahlscheinen ab. Bilder: mit Ki (Magnific) generiert

Denn Papier hat eine zentrale Bedeutung bei der Wahl: Es trennt diejenigen, die ihre Stimme abgegeben haben, von der Auszählung – und gleichzeitig stellt es eine direkte Verbindung zwischen beiden her. Jeder und jede machen ihr Kreuz in der Wahlkabine und gehen wieder nach Hause. Später werden die Stimmen ausgezählt. Und es kommt ein Ergebnis heraus, das jederzeit überprüfbar bleibt. Wie wichtig das ist, zeigte sich nach der Bundestagswahl 2025 am Beispiel des Bündnisses Sahra Wagenknecht: Das BSW scheiterte nur extrem knapp an der Fünf-Prozent-Hürde und forderte eine Neuauszählung der Stimmen. Unabhängig davon, wie man diesen Streit politisch oder juristisch bewertet, macht er eines deutlich: Weil die Stimmen auf Papier abgegeben wurden, gibt es überhaupt etwas, das man im Zweifel noch einmal prüfen, sortieren und zählen kann.

Und das ist entscheidend. Würde am Computer gewählt, könnten Stimmen vielleicht bequemer abgegeben und schneller ausgezählt werden. Aber für viele Menschen würden sie auch gefühlt ins Nichts verschwinden: Ein Klick, und nichts ist mehr zu sehen. Wer außer ein paar IT-Fachleuten kann danach noch nachvollziehen, was genau beim Wahlvorgang geschieht? 

Selbst wenn ein digitales Wahlsystem technisch sehr sicher wäre: Vollkommen unangreifbar kann es nie sein. Jede technische Infrastruktur muss gewartet, geprüft und verstanden werden. Jede Software kann Fehler enthalten, jedes System kann neue Schwachstellen bekommen. Sicherheit und Nachvollziehbarkeit sind in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, Deepfakes, Fake News und gezielten Angriffen auf demokratische Institutionen wichtiger denn je.

Auch in Deutschland wurden schon elektronische Wahlgeräte eingesetzt, zuletzt bei der Bundestagswahl 2005. Dann kam das Urteil des Bundesverfassungsgerichts:2 Der damalige Einsatz war verfassungswidrig, weil die Bürgerinnen und Bürger weder die Erfassung ihrer Stimme noch die Auszählung zuverlässig selbst überprüfen konnten. Elektronische Wahlgeräte wären nur zulässig, wenn genau diese Kontrolle ohne Spezialwissen möglich bliebe. Papier leistet das auf denkbar einfache Weise.

Vier Landtagswahlen, drei Kommunalwahlen und eine Wahl zum Abgeordnetenhaus stehen in diesem Jahr an. Bild: shutterstock_2593631519 (Deutschlandkarte)

Zwar schützt Papier nicht vor Fehlern. Auch auf einem Stimmzettel kann ein Kreuz falsch gesetzt, eine Stimme ungültig oder ein Stapel falsch gezählt werden. Aber der entscheidende Unterschied ist: Solche Fehler verschwinden nicht im System. Ein Stimmzettel liegt da. Man kann ihn noch einmal ansehen, sortieren, zählen.

Natürlich gibt es auch erfolgreiche Beispiele für digitales Wählen. Estland etwa lässt seine Bürgerinnen und Bürger schon seit 2005 online abstimmen; bei der Parlamentswahl 2023 gab erstmals mehr als die Hälfte der Wählenden ihre Stimme elektronisch ab.3 Doch Estland ist damit bis heute eine Ausnahme. Denn ob digitales Wählen funktioniert, hängt nicht nur von Technik ab, sondern auch davon, ob die Bevölkerung dem Verfahren vertraut. Dass dieses Vertrauen kippen kann, zeigen neben Deutschland auch die Niederlande: Dort wurden elektronische Wahlmaschinen 2007 nach Sicherheitsdebatten wieder aus dem Verkehr gezogen.4

Hinzu kommt: Bürgerinnen und Bürger können ihre Rechte bei Papierwahlen besonders gut wahrnehmen. Was viele nicht wissen: Die Stimmabgabe selbst ist zwar streng geheim – ansonsten ist bei Wahlen in Deutschland fast alles öffentlich.5 Jede Person darf im Wahlraum beobachten, wie der Wahlvorstand seine Arbeit aufnimmt, wie die leere Urne verschlossen wird, wie Stimmzettel ausgegeben werden und wie nach Schließung des Wahllokals die Stimmen ausgezählt werden. Man darf sich also buchstäblich danebenstellen und zusehen, wie aus einzelnen Kreuzen ein Wahlergebnis wird.

In einer digitalisierten Welt wirkt das Kreuz auf Papier wie ein Anachronismus. In Wirklichkeit ist es eine robuste demokratische Technologie: langsam genug, um kontrollierbar zu bleiben – und einfach genug, damit alle verstehen können, was geschieht. 

Und auch in Sachen Nachhaltigkeit ist Papier moderner, als es auf den ersten Blick scheint. Zunächst endet mit dem amtlichen Endergebnis das Leben der Stimmzettel nicht sofort. Nach der Auszählung werden sie sortiert, gebündelt, verpackt, versiegelt und sicher verwahrt. Falls es Einsprüche, Nachprüfungen oder Ermittlungen gibt, sind sie weiter verfügbar. Das Papier bleibt also so lange Kontrollinstrument, wie die Demokratie es braucht.

Erst wenn die Unterlagen nicht mehr benötigt werden und ihre Vernichtung rechtlich zulässig ist, werden sie entsorgt – bei Bundestagswahlen in der Regel frühestens 60 Tage vor der nächsten Wahl zum Deutschen Bundestag.6 Dann kommen die Stimmzettel als Altpapier wieder zurück in den Papierrecycling-Kreislauf.

So entsteht eine Win-Win-Situation für Demokratie und Nachhaltigkeit: Papier ermöglicht eine Wahl, die sichtbar, überprüfbar und verständlich bleibt – und wird danach Teil eines nachhaltigen Kreislaufs. Aus einem Kreuz wird Vertrauen. Und aus vielen Millionen Stimmzetteln am Ende wieder ein Rohstoff.


Autor/-in

Christian Heinrich

Christian Heinrich ist promovierter Mediziner und hat seine Journalisten-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist und Autor. Christian Heinrich schreibt für DIE ZEIT, die Süddeutschen Zeitung, den SPIEGEL, GEO und andere Medien. Er ist Mitglied beim Redaktionsbüro nerdpol, ein Kollektiv aus Wissenschaftsjournalisten.

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