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Ökologie & Gesellschaft

Warum es im Mittelalter kaum Abfall gab

Abfall, was ist das eigentlich? Vereinfacht gesagt: Abfall entsteht in dem Moment, in dem ein Ding keinen Zweck, keinen Besitzerwillen und keinen Wert mehr hat. Heute passiert das ständig: Wir wickeln Dinge aus, leeren einen Trinkbehälter, brauchen etwas auf – und schon bleibt etwas übrig, das weg soll, sei es eine Verpackung, ein Becher, ein Strohhalm. Eine Reise ins Mittelalter zeigt: Ein Umweltbewusstsein im heutigen Sinn hatten die Menschen damals zwar nicht. Aber zugleich wurde vieles, was wir heute Nachhaltigkeit nennen, ganz selbstverständlich gelebt. Und daraus lässt sich eine Menge für die Gegenwart lernen.

Der Hauptrohstoff für die Papierherstellung im Mittelalter waren sogenannte Hadern, alte Textilien aus Leinen, Hanf oder Baumwolle. Diese wurden in mechanischen Papiermühlen zerkleinert, zu einem feinen Brei verarbeitet, mit einem Sieb geschöpft, gepresst und schließlich getrocknet. Bild 01: mit Ki (Magnific) generiert, Bild 02: shutterstock_1438153949

Stellen wir uns eine mittelalterliche Burg vor. Sie steht auf einer Anhöhe, darunter Wald, Felder, vielleicht ein Bachlauf, in der Ferne ein Dorf. Die Burg ist Schutzraum, Herrschaftssitz, Vorratskammer – aber natürlich auch ein Ort, an dem gegessen, gekocht, gearbeitet und geschlachtet wird. Und was nicht mehr zu gebrauchen ist? Das wandert auf dem kürzesten Weg durch eine Öffnung in der Mauer nach draußen und dann den Hang hinab. „Da hat sich häufig eine Müllhalde direkt an den Burgmauern entwickelt“, sagt die Germanistin Dr. Karin Kranich aus dem österreichischen Graz. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Frage, wie man im Mittelalter gegessen hat – und mit Abfällen verfahren ist. „Und innerhalb einer Ansiedlung sah es im Frühmittelalter oft nicht viel besser aus: Man kippte Abfälle, Fäkalien und anderes oft vor die Tür auf die Straße“, so Kranich.

Doch je enger Städte bebaut waren, desto weniger ließ sich diese Sorglosigkeit durchhalten. Gestank, Ratten und verschmutztes Wasser wurden zum Problem des Zusammenlebens. „Im Spätmittelalter begannen Städte deshalb, die Entsorgung stärker zu ordnen: mit Abfallgruben, Latrinen und Vorschriften für besonders schmutzige Gewerbe“, erklärt Kranich.

Sauberer als heute war diese Welt also keinesfalls, im Gegenteil. Aber sie war in einer anderen Hinsicht viel nachhaltiger als heute. Sie war: sparsamer. Das zeigt sich schon beim Einkaufen. Wer etwas kaufte, bekam nicht automatisch eine Verpackung dazu, die kurz darauf im Abfall landete. Die Verpackung brachte man meist selbst mit: Korb, Leinensack, Holzschachtel, Milchkrug. „Was man einmal hatte, das hatte auch einen Wert“, sagt Kranich. War etwa ein Metallkessel dünn geworden oder hatte ein Loch, wurde er vom Kesselflicker mit Metallstücken und Nieten geflickt – immer wieder, solange es eben ging. 

Denn in der vorindustriellen Zeit hatten Rohstoffe einen ganz anderen Wert als heute. Holz, Metall, Glas, Stoff – all das musste gewonnen, verarbeitet, transportiert werden, meist mit viel Handarbeit. Deshalb war es oft sinnvoller, Zeit in Reparatur und Wiederverwertung zu stecken, als neues Material zu beschaffen. 

Sogar das Wort „Müll“ erzählt ein Stück dieser Geschichte. Es führt sprachgeschichtlich nicht zuerst zur Tonne, sondern in die Nähe einer Mühle, zum Müller und dem englischen „mill“. Es verweist also auf eine Welt des Mahlens, Zerreibens und Zerstoßens.1 „Da sind wir in der Grundbedeutung beim Zerstoßen. Und damals war selbst der Rest, der danach übrigblieb, mitunter ein wertvoller Rohstoff“, sagt Kranich. 

Heute ist es eher umgekehrt. Nicht mehr das Material ist der große Wert, sondern vielmehr unsere Bequemlichkeit. Dinge werden industriell hergestellt, in riesigen Mengen und zu niedrigen Preisen. Ein Hemd, das früher geflickt, umgenäht oder weiterverwendet worden wäre, wird heute schnell ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich diese Haltung noch einmal beschleunigt: benutzen, verbrauchen, wegwerfen, neu kaufen. So wurde aus vielen Gegenständen, die früher noch ein zweites oder drittes Leben gehabt hätten, Abfall.

Ganz anders im Mittelalter. Papier ist dafür ein gutes Beispiel. Es war damals immer ein Produkt der Wiederverwertung. Lumpensammler zogen von Ort zu Ort, kauften alte Textilien auf und brachten sie zu Papiermühlen. Dort wurden die sogenannten Hadern zerfasert und zu Papier verarbeitet. Man könnte sagen: Papier war damals das letzte Lebensstadium eines Textilstoffes. Zuvor war da vielleicht ein Hemd, ein Tuch, ein Lappen und am Ende ein Blatt Papier.

Beim Upcycling werden Abfallprodukte oder ausgediente Gegenstände aufgewertet. Vorteile sind die Ressourcenschonung (weniger neue Rohstoffe werden benötigt), die Abfallvermeidung (Mülldeponien werden entlastet) und die Reduzierung der CO₂-Emissionen, die bei der Neuproduktion entstehen. Bild 01: shutterstock_2235136885, Bild 02: shutterstock_1509436412

Ganz verschwunden ist diese Logik nicht. Bei Steinbeis Papier ist sie sogar Teil des Grundprinzips: Aus Altpapier entsteht neues Papier, Wasser wird im Produktionsprozess mehrfach genutzt, Energie nachhaltig selbst erzeugt. Selbst Reststoffe, die sich nicht mehr stofflich verwerten lassen, landen nicht einfach auf der Deponie. Sie gehen ins Kraftwerk, werden dort energetisch genutzt und kommen als Strom und Dampf wieder in der Papierfabrik an. Kreislaufwirtschaft bedeutet hier also nicht nur Recycling, sondern möglichst viele Ressourcen möglichst lange im System zu halten.

Im alten Rom, also noch einmal rund 1000 Jahre vor dem Mittelalter, wurde sogar Urin gesammelt – in Tongefäßen und öffentlichen Latrinen. In den Wäschereien, den sogenannten Fulloniken, diente gealterter Urin als Reinigungsmittel: Die darin enthaltenen Ammoniakverbindungen halfen, Fett aus Wollstoffen zu lösen und Kleidung zu bleichen2. Also selbst das, was aus heutiger Sicht als nutzlose Ausscheidung weggespült wird, konnte noch ein Rohstoff sein – etwa zum Färben von Stoffen oder zur Bearbeitung von Leder. 

Es ist sicher nicht verkehrt, sich von alldem wieder etwas abzuschauen. Nicht, weil früher alles besser war. Das war es nicht. Sondern weil der Blick auf die Dinge ein anderer war. Nutzgegenstände waren nicht sofort verbraucht, nur weil sie ihren ersten Zweck erfüllt hatten. Es konnte repariert, weitergegeben, umgearbeitet oder recycelt werden. „Aus allem, was die Menschen hatten, versuchten sie so viel wie möglich herauszuholen“, führt Kranich aus. Genau dieser Gedanke ist heute wieder erstaunlich zeitgemäß – und wichtig.

Das Grundkonzept aus dem Mittelalter wird heute womöglich wieder modern: Abfall bezeichnet nicht das Material selbst, sondern unsere Beziehung zu diesem Material. Eine alte Milchkanne ist kein Abfall, solange sie benutzt wird. Ein Korb ist kein Abfall, solange jemand ihn repariert. Ein Hemd ist kein Abfall, solange daraus noch ein Lappen, ein Flicken oder Papier werden kann. Abfall entsteht erst dann, wenn wir aufhören, in Dingen einen Nutzen zu sehen. Und vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir diesen Moment wieder ein wenig nach hinten verschieben.


Autor/-in

Christian Heinrich

Christian Heinrich ist promovierter Mediziner und hat seine Journalisten-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist und Autor. Christian Heinrich schreibt für DIE ZEIT, die Süddeutschen Zeitung, den SPIEGEL, GEO und andere Medien. Er ist Mitglied beim Redaktionsbüro nerdpol, ein Kollektiv aus Wissenschaftsjournalisten.

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