Mehr als Lesen: Sieben ganz besondere Bücher
Was ist das eigentlich, ein Buch? In den allermeisten Fällen: beidseitig bedrucktes Papier, Seite für Seite gleich groß, zusammengebunden zwischen zwei Deckeln. Schon diese einfache Form eröffnet eine unendliche Vielfalt. Bücher erzählen Geschichten, erklären die Welt, zeigen uns fremde Orte und lassen uns auch das Vertraute neu entdecken. Mehr noch: Sie führen uns in die Gedanken anderer Menschen. „Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn“, sagte Jorge Luis Borges einmal in Anlehnung an Arthur Schopenhauer. Wir wollen hier noch einen Schritt weitergehen – und haben für Sie solche Bücher gesucht, die das Erlebnis lesen auf eine neue Ebene heben.
Denn Bücher können noch viel mehr sein als einfacher Träger von Text und Bild. Sie können mit unseren Sinnen experimentieren, spielen, zaubern, irritieren – durch Form und Typografie, mit Material und Mechanik. Wir stellen im Folgenden sieben besondere Bücher vor, bei denen „ein Buch lesen“ zu einem ungewöhnlichen, schönen und außergewöhnlichen Erlebnis wird.
1. „Das Schiff des Theseus“ von J. J. Abrams und Doug Dorst
„Das Schiff des Theseus“ ist eigentlich zwei Bücher in einem. Zunächst gibt das Buch vor, ein Roman des fiktiven Autors V. M. Straka zu sein. Auf dieser ersten Ebene wird die rätselhafte Geschichte eines Mannes ohne Erinnerung erzählt. Und dann ist da die zweite Ebene, die das Buch so besonders macht: In Randnotizen tauschen sich zwei Lesende über den Text aus. Jen, eine Studentin, und Eric, ein früherer Doktorand, lesen dasselbe Bibliotheksexemplar. Sie leihen es abwechselnd aus und hinterlassen einander nicht nur handschriftliche Nachrichten auf den Seiten, sondern auch Briefe, Postkarten, Zeitungsausschnitte und andere Fundstücke, die lose im Buch zwischen den jeweiligen Seiten liegen. So lässt sich verfolgen, wie aus der gemeinsamen Spurensuche nach Strakas Geheimnissen nach und nach eine persönliche Annäherung wird.
2. „Geronimo Stilton im Königreich Fantasia“
Wie riecht eigentlich feuriger Drachenatem? Und wie angenehmer Feenduft? Und (das wollen wir vielleicht gar nicht wissen, aber neugierig sind wir trotzdem): Wie riechen Trollfüße? Diese und viele Gerüche mehr kann man im Buch „Geronimo Stilton im Königreich Fantasia“ riechen. Denn auf einigen Seiten kann man reiben – und plötzlich steigt ein Duft auf, passend zur Geschichte. Eigentlich ist das Buch, in dem auch die Buchstaben sehr verspielt sind, ein Kinderbuch – aber eines, bei dem auch Erwachsene gern mit am Tisch sitzen bleiben. Geronimo Stilton ist ein ängstlicher Mäuserich, Zeitungsmacher und eigentlich kein großer Held. Auf seinem Dachboden entdeckt er eine goldene Treppe nach Fantasia. Dort ist Feenkönigin Floriana in Gefahr und Geronimo muss sie retten. Seine Reise führt ihn durch Reiche voller Hexen, Meerjungfrauen, Drachen, Kobolde, Zwerge und Riesen – und in die Welt der Düfte und des Gestanks!
3. „Kains Knochen“ von Torquemada
Ein Buch, in dem im Grunde mehr als eine Million Bücher enthalten sind – und das, obwohl es gerade einmal 100 Seiten umfasst! Doch diese 100 Seiten sind nicht normal zusammengebunden. In „Kains Knochen“ finden sie sich in absichtlich falscher Reihenfolge. Wer das Buch lesen will, muss es also zuerst neu zusammensetzen: Seite für Seite, Hinweis für Hinweis. Erst wenn alles stimmt, ergibt sich die eigentliche Handlung. Und die hat es in sich: In diesem Kriminalrätsel sterben sechs Menschen. Die Leserinnen und Leser müssen nicht nur herausfinden, in welche Reihenfolge die Seiten gehören, sondern auch, wer ermordet wurde und von wem. Geschrieben wurde das Werk 1934 von Edward Powys Mathers unter dem Pseudonym Torquemada. Bis heute gilt „Kains Knochen“ als eines der schwierigsten literarischen Rätsel überhaupt.
4. „Das Haus – House of Leaves“ von Mark Z. Danielewski
Typografie heißt: Wie sind Buchstaben und Text auf einer Seite angeordnet? Welche Schrift wird gewählt, wie groß sind die Zeilenabstände, wo entstehen Leerstellen? Meist bleiben solche Entscheidungen dezent im Hintergrund. „Das Haus – House of Leaves“ hingegen zeigt, dass Typografie viel mehr kann. In Mark Z. Danielewskis Kultroman geht es um ein Haus, das innen größer ist als außen – und diese Unmöglichkeit spiegelt sich im Satzbild. Textblöcke stehen plötzlich schmal wie Korridore, Wörter verlieren sich einsam auf weißen Seiten, Fußnoten wuchern, Zeilen kippen, laufen rückwärts oder drängen sich zusammen. So baut das Buch sein eigenes Labyrinth aus Papier. Das Gruselgefühl entsteht nicht nur durch die Geschichte, sondern auch durch das Lesen selbst: Man blättert, dreht, sucht – und verirrt sich.
5. „Das Loch“ von Øyvind Torseter
„Das Loch“ ist ein Buch mit einem kleinen, runden Loch: Es ist durch alle Seiten gestanzt. Um diese Leerstelle herum baut der norwegische Illustrator und Autor Øyvind Torseter ein wunderbar schräges Bilderbuch. Die Hauptfigur zieht in eine neue Wohnung und entdeckt dort ein Loch, das sich offenbar bewegt und nicht erklären lässt. Also wird es beobachtet, verpackt, ins Labor gebracht. Für Kinder ist das spannend und lustig. Torseter setzt das Loch auf jeder Seite neu ein: mal als Gegenstand, mal als Störung, mal als Witz. Für Erwachsene steckt noch eine zweite, philosophische Ebene darin. Denn dieses Loch lässt sich auch als Störung in der Ordnung der Dinge lesen: als etwas, das einfach da ist, obwohl es nicht dorthin zu gehören scheint. Manchmal bleibt eben eine Leerstelle, die man nicht schließen kann, sondern aushalten muss.
6. „Game of Thrones: Pop-Up-Guide für Westeros“ von Matthew Reinhart und Michael Komarck
Die große Mauer im Norden von Westeros schützt die Sieben Königslande vor der Kälte – und vor dem, was dahinter lauert. In diesem Buch steigt die Mauer wirklich empor. Außerdem Winterfell, Königsmund, Drachen, Schattenwölfe und viele andere Charaktere und Motive aus „Game of Thrones“, einer der erfolgreichsten Serien der Fernsehgeschichte. Der „Pop-Up-Guide für Westeros“ ist aber kein einfaches Aufklappbuch, bei dem hier und da ein Turm aus der Seite springt. Fünf großen Szenen lassen sich am Ende zu einer gewaltigen dreidimensionalen Karte ausklappen: rund ein Quadratmeter Westeros aus Papier, voller kleiner Zusatz-Pop-ups, Klappen und Details. Man schaut, klappt, entdeckt – und staunt über die Papiermechanik. Die größte Herausforderung kommt danach, wenn es gilt, alles wieder korrekt zusammenzufalten. Das klappt. Aber man sollte ein bisschen Geduld mitbringen.
7. „Prosthetic Reality “
45 Künstlerinnen und Künstler – darunter Illustratoren, Malerinnen, Animationsprofis und Sounddesigner – haben für „Prosthetic Reality“ zusammengearbeitet, um Papier auf besondere Weise zum Leben zu erwecken. Auf den ersten Blick ist es ein Kunstbuch mit modernen, oft surrealen, comicartigen oder psychedelisch leuchtenden Bildern. Doch wer die Seiten mit der passenden App scannt, gelangt auf eine zweite Ebene: Gedruckte Figuren beginnen sich zu bewegen, Formen pulsieren, Farben fließen, Geräusche kommen hinzu. Ein Mann verwandelt sich in einen Elefanten, ein Armaturenbrett wird zur düsteren Szene, Superheldinnen treten aus der Fläche hervor. So entsteht ein Experiment zwischen Papier, Animation, Klang und digitaler Magie.