Papierwelten

DIN A4 & Co: Warum Papierformate genial sind

Unterschiedliche A-Blatt-Formate im Überblick. Alltagsgenialität mit System. Bilder: shutterstock

DIN A4! Da weiß jeder sofort, worum es geht: Um das Papierformat schlechthin, das in Drucker, Kopierer, Schulheft, Behördenbrief und Büroalltag steckt. Eine DIN A4-Seite – das wiederum weiß nicht jeder – ist genau 29,7 Zentimeter hoch und 21 Zentimeter breit. Warum diese krumme Zahl? Warum hat man am 18. August 1922, als mit der Norm DIN 476 die Grundlage der heutigen Papierformate festgelegt wurde, nicht einfach 30 Zentimeter mal 20 Zentimeter gewählt? Die Antwort darauf ist einer der Gründe, warum die damals festgelegten Papierformate nicht einfach nur ein Standard sind, sondern mathematisch und praktisch ein Stück Alltagsgenialität hervorgebracht haben.

Denn das Prinzip dahinter hat etwas regelrecht Magisches: Ein A-Blatt kann halbiert werden – etwa, indem man es faltet – und das neue Format hat wieder dieselbe Form. Aus A4 wird so A5, aus A5 wird A6. Das Gleiche gilt fürs Verdoppeln: Zweimal A5 wird A4, zweimal A4 wird A3. Das A-Format ist also ein Rechteck mit eingebautem Vermehrungsprinzip! 

Was bringt das? Eine ganze Menge! Denn bedrucktes Papier lässt sich durch Falten und Falzen – eine Art maschinelles Falten – in neue Formate bringen: Aus einem A4-Blatt wird durch einmaliges Falten A5, durch nochmaliges Falten A6. Das ist ein Segen für Briefe, Flyer, Broschüren, Handzettel, Einladungen oder kleine Hefte. Eine Druckerei, ein Büro oder eine Schule muss nicht für jedes Produkt neu überlegen, welches Format noch zusammenpasst. Ein A3-Bogen lässt sich zu einer vierseitigen A4-Broschüre falzen. Aus A4 werden zwei A5-Seiten. Aus A5 werden zwei A6-Kärtchen. Das System denkt die Weiterverarbeitung gleich mit.

Der Entdecker der DIN-A-Formatformel: Physiker Georg Christoph Lichtenberg. Bild: Stich: J.C. Krüger.

Das kann jeder am Kopierer erleben: Wer eine A3-Seite auf A4 verkleinern will, muss nicht lange herumprobieren. Die richtige Einstellung lautet: 71 Prozent. Und wer aus A4 wieder A3 machen will, wählt 141 Prozent. Deshalb gibt es auf vielen Kopierern eigene Tasten für genau diese Sprünge. Auf diese Weise kann man ein einziges A4-Blatt verkleinern, ohne dass oben oder unten plötzlich breite weiße Ränder entstehen oder Text abgeschnitten wird. 

Doch der Zauber hört nicht bei Form und Fläche auf. Er reicht sogar bis zum Gewicht. A0 hat eine Fläche von ziemlich genau einem Quadratmeter. A1 ist ein halber Quadratmeter, A2 ein Viertel, A3 ein Achtel und A4 ein Sechzehntel Quadratmeter. Und weil Papier häufig nach Flächengewicht verkauft wird, etwa als 80-Gramm-Papier, lässt sich plötzlich rechnen: 80 Gramm pro Quadratmeter geteilt durch 16 ergibt 5 Gramm. Ein einzelnes A4-Blatt aus gewöhnlichem 80 g/m²-Papier wiegt also ungefähr 5 Gramm.

Damit wird selbst das Briefporto ein kleines DIN-Rechenstück. Ein Standardbrief darf in Deutschland bis zu 20 Gramm wiegen. Ein typischer Briefumschlag bringt je nach Ausführung etwa 4 bis 5 Gramm auf die Waage. Bleiben rund 15 Gramm für den Inhalt – also ziemlich genau drei A4-Seiten aus 80-Gramm-Papier. Drei Seiten, dreimal fünf Gramm, plus Umschlag: Das landet meist knapp unter oder ungefähr an der 20-Gramm-Grenze. Natürlich ist eine Briefwaage genauer, vor allem bei dickeren Umschlägen, vielen Druckflächen oder schwererem Papier. Aber das Prinzip ist wunderbar: Man braucht für eine erstaunlich gute Schätzung keine App und kein Messgerät. Ein bisschen Bruchrechnung reicht.

Länder mit vorrangiger Verwendung des Formats A4 (grün) bzw. des Letter-Formats (grau). Bild: Wikipedia, Autor: „Crissov“.

All das wäre nicht möglich, wäre eine DIN A4-Seite nur einen halben Zentimeter länger oder kürzer, breiter oder schmaler. Doch diese Entdeckung musste erst einmal gemacht werden. Es ging darum, „einen Bogen Papier zu finden, bei dem alle Formate einander ähnlich wären“, wie es im Oktober 1786 der deutsche Physiker Georg Christoph Lichtenberg in einem Brief an seinen Kollegen Johann Beckmann formulierte. Seine Lösung war das Verhältnis 1 zu Wurzel aus 2: Die kurze Seite verhält sich zur langen also wie 1 zu 1,414. Nur dann bleibt aus einem halbierten Rechteck wieder ein Rechteck mit derselben Grundform. Deshalb wird dieses Seitenverhältnis gelegentlich auch als „Lichtenberg-Ratio“ bezeichnet.

Doch Lichtenbergs Idee setzte sich zunächst nicht durch. Erst rund 125 Jahre später griff der Mathematiker, Physiker und Ingenieur Walter Porstmann das Prinzip wieder auf und machte es normfähig. Am 18. August 1922 wurde die Norm DIN 476 „Papierformate“ veröffentlicht. Zunächst nutzten einzelne Behörden wie das Bezirksamt Wunsiedel die neuen Formate, 1923 folgte mit der Deutschen Reichsbahn ein großer Anwender – der Durchbruch begann. Später wurde aus dem deutschen Standard die internationale Norm ISO 216; heute sind die A-Formate in fast allen Teilen der Welt selbstverständlich. A4 ist vielleicht eines der erfolgreichsten deutschen Exportprodukte – nur merkt man das nicht, weil es überall so selbstverständlich herumliegt.

Und nicht nur das Papier selbst folgt diesem Prinzip. Auch die Dinge um das Papier herum sind darauf abgestimmt: Umschläge, Ordner, Ablagefächer, Sammelmappen, Kopierer, Drucker, Schneidemaschinen, Schreibtischschubladen. Ein ungefaltetes A4-Blatt passt in einen C4-Umschlag. Ein einmal gefalteter A4-Brief passt in C5. Zweimal gefaltet landet er bei C6. 

Auch in der Produktion hilft der Papierstandard: Wenn Formate logisch aufeinander aufbauen, lassen sich Druckbogen, Maschinenbreiten und Zuschnitt besser planen. Das heißt zwar nicht, dass automatisch jeder Verschnitt verschwindet. Aber er bleibt gering, denn alle Beteiligten arbeiten mit denselben Grundmaßen. Die Papiermaschine, die Druckerei, der Bürobedarf, die Poststelle und der Aktenschrank sprechen gewissermaßen dieselbe Formatsprache.

Oben wurde schon erwähnt, dass dies fast weltweit gilt – aber eben nur fast: In den USA und Kanada ist bis heute ein anderes Standardformat verbreitet: „Letter“. Es ist etwas breiter und kürzer als A4. Wie groß der Unterschied ist, merkt man oft erst, wenn man ein amerikanisches PDF auf einem europäischen Drucker ausgeben möchte: Plötzlich wird unten etwas abgeschnitten oder es entstehen merkwürdige weiße Ränder. 

Natürlich ist auch dort der Papieralltag auf dieses Format abgestimmt. Doch die besondere Magie der A-Reihe fehlt: das Halbieren, Verdoppeln, Verkleinern und Vergrößern bei gleichbleibender Grundform. Aus dieser Perspektive betrachtet ist das ideale Format eben doch DIN A4 – und seine Verwandten.

 


Titelbild: Generiert mit “firefly”


Autor/-in

Christian Heinrich

Christian Heinrich ist promovierter Mediziner und hat seine Journalisten-Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist und Autor. Christian Heinrich schreibt für DIE ZEIT, die Süddeutschen Zeitung, den SPIEGEL, GEO und andere Medien. Er ist Mitglied beim Redaktionsbüro nerdpol, ein Kollektiv aus Wissenschaftsjournalisten.

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