Ökologie & Gesellschaft

Zwischen Blog und Block: Wie die Generationen Papier nutzen

Kalender, Einkaufslisten und Meetingnotizen wandern auf das Smartphone, in Apps und in die Cloud. Trotzdem liegen auf Schreibtischen häufig weiterhin Notizbücher und Post-its, Kalender hängen an der Wand und Einkaufszettel stecken ganz klassisch in der Hosentasche. Warum eigentlich? Ein Blick auf den Papieralltag verschiedener Generationen zeigt: Papier verschwindet nicht. Aber es ändert sich, wann und wie wir es benutzen.

Einkaufszettel auf Papier: In vielen Alltagssituationen bleibt Papier erste Wahl. (Bild: istockphoto-2221917005)

Auf Katrins Nachttisch liegt ein kleiner Notizblock. Nicht aus Nostalgie und auch nicht, weil die 60-Jährige mit digitalen Anwendungen nichts anfangen könnte, sondern weil ihr Schlafzimmer eine ziemlich klare Regel hat: Digitale Geräte bleiben draußen.

Wenn ihr nachts etwas einfällt, nimmt sie deshalb Stift und Papier zur Hand und schreibt den Gedanken auf. Auch ihren Kalender führt sie nicht ausschließlich digital. Einer hängt an der Wand – praktisch, weil sie ihn im Vorbeigehen sieht. Zudem ist er schön gestaltet. Und beim Einkaufen? Da steckt ein kleiner gefalteter Zettel in ihrer Tasche: „Ich laufe nicht gern mit dem Handy durch den Laden, und ich mag das Handy auch nicht immer und überall dabeihaben“, sagt sie.

Jemand benutzt ein Stück Papier als Gedächtnisstütze: Das wäre vor ein paar Jahrzehnten keiner Erwähnung wert gewesen. Einkaufszettel, Kalender und Notizblock waren selbstverständlich aus Papier. Heute ist ihre Nutzung oft eine bewusste Entscheidung geworden – für oder gegen das Smartphone, für oder gegen eine App.

Dass sich unser Umgang mit Papier verändert hat, zeigt sich besonders beim Lesen. Eine Studie zum Lese- und Medienverhalten der Generationen X, Y und Z kam bereits 2018 zu deutlichen Unterschieden: Während die Generation X vor allem Bücher und Zeitschriften auf Papier sowie E-Books nutzte, bevorzugten die jüngeren Generationen Y und Z Blogs und Social Media. Zwischen Blog und Block liegen also tatsächlich Generationen – zumindest auf den ersten Blick. Denn schaut man genauer hin, ist die Sache nicht mehr so eindeutig.

Workshop-Situation – Notizen auf Papier (Bild 1: brands-people-riX6HX3gCZk-unsplash / Bild 2: istockphoto-2164260786)

Papier ist keine Selbstverständlichkeit mehr

Der Alltag ist digitaler geworden. Das zeigt sich bei den Menschen, die für diesen Beitrag von ihrer Papiernutzung erzählt haben. Catrin, 45, führt Kalender und To-do-Listen inzwischen digital. In Meetings schreibt sie sich dagegen manchmal noch Notizen auf Papier, und auch klassische Einkaufszettel gehören weiterhin zu ihrem Alltag. Insgesamt aber, sagt sie, benutze sie „auf jeden Fall deutlich weniger Papier als früher“.

Dafür nennt sie vor allem praktische Gründe: Digitale Notizen gehen nicht so leicht verloren und lassen sich auch Jahre später noch wiederfinden. Gleichzeitig muss sie für viele Anwendungsbereiche kein zusätzliches Papier mehr kaufen. 

Das klingt nachhaltig. Allerdings lässt sich nicht pauschal beantworten, ob Papier oder digitale Anwendungen die nachhaltigere Wahl sind. Auch digitale Kommunikation und Datenspeicherung benötigen Energie und außerdem die technische Infrastruktur; hinzu kommen die Ressourcen für Herstellung und Entsorgung der benötigten Geräte. Die Papierherstellung wiederum verbraucht Energie, Rohstoffe und Wasser. Beide Optionen haben also ökologische Auswirkungen – entscheidend ist ein bewusster Umgang mit dem jeweils passenden Medium.

Wo Papier weiterhin genutzt wird, spielt die Wahl des Papiers eine wichtige Rolle. Recyclingpapier aus 100 Prozent Altpapier schont gegenüber Frischfaserpapier Ressourcen:Laut Umweltbundesamt benötigt seine Herstellung durchschnittlich 78 Prozent weniger Wasser sowie 68 Prozent weniger Energie und verursacht 15 Prozent weniger CO₂-Emissionen. Orientierung beim nachhaltigen Kauf von Papier kann beispielsweise der Blaue Engel bieten. Dessen Vergabegrundlagen schreiben für bestimmte Recyclingpapierprodukte den Einsatz von 100 Prozent Altpapier vor.

Bei Andreas liegt Papier vor allem dann auf dem Tisch, wenn noch nicht feststeht, was am Ende darauf zu lesen sein wird: „Ich nutze Papier immer dann, wenn ich noch nicht weiß, wo es mich hintreibt“, sagt der 38-Jährige. In Workshops, beim Lernen, beim Entwickeln von Ideen – wenn sich Gedanken in einen Text, eine Zeichnung oder eine Skizze verwandeln, ist Papier für ihn nach wie vor wertvoll.

Sein digitales Setup sei inzwischen so gut, dass es sein früheres analoges Notizbuch in vielen Bereichen ersetzt habe. Sprachnotizen, Apps und digitale Dokumente eröffnen ihm Möglichkeiten, die Papier nicht bietet. Und trotzdem greift er für bestimmte Denkprozesse weiterhin zum Stift: „Ich denke mehr und bin kreativer, wenn ich auf Papier arbeite oder einen haptischen Gegenstand vor mir habe.“

Damit beschreibt Andreas ein Gefühl, das auch die Wissenschaft beschäftigt. Eine 2024 veröffentlichte EEG-Studie der Norwegian University of Science and Technology untersuchte bei 36 Studierenden die Gehirnaktivität beim handschriftlichen Schreiben mit einem digitalen Stift auf Touchscreen und beim Tippen. Beim Schreiben von Hand zeigten sich komplexere Konnektivitätsmuster zwischen verschiedenen Hirnregionen.

Auch beim Lesen scheint das Medium eine Rolle zu spielen. Eine große Meta-Analyse von 2018, die 54 Studien mit insgesamt mehr als 170.000 Teilnehmenden auswertete, fand einen kleinen, aber signifikanten Vorteil beim Textverständnis, wenn Texte auf Papier statt auf digitalen Geräten gelesen wurden. Besonders deutlich fiel der Vorteil bei Informationstexten und unter Zeitdruck aus.

Papier ist damit nicht grundsätzlich das „bessere“ Medium. Doch es gibt Situationen, in denen seine besonderen Eigenschaften einen Unterschied machen. Dazu gehört auch seine Unabhängigkeit von digitaler Infrastruktur: Wo Strom, Netzwerke oder IT-Systeme ausfallen, bleiben Informationen auf Papier weiterhin verfügbar. Das kann beispielsweise bei technischen Störungen oder Cyberangriffen relevant sein. 

Ob beim Denken, Lesen oder bei der Verfügbarkeit von Informationen: Papier hat Eigenschaften, die in bestimmten Situationen von Vorteil sein können. Wann wir darauf zurückgreifen, hängt deshalb weniger von einem grundsätzlichen „besser“ oder „schlechter“ ab als vom jeweiligen Zweck – ganz gleich, zu welcher Generation wir gehören.

Papier für den Moment, digital für später?

Zu den potenziellen Eigenschaften von Papier gehört ausgerechnet auch etwas, das zunächst wie ein Nachteil klingt: Papier darf vergänglich sein. Andreas nutzt beispielsweise regelmäßig Post-its. Er kann sie beschriften, aufhängen, verschieben, neu gruppieren – und schließlich wegwerfen. „Da ist das eigentlich Schlechte, nämlich das Wegwerfen, tatsächlich ein Vorteil.“ Auch Catrin schreibt manche Meetingnotizen bewusst auf Papier, weil sie diese anschließend entsorgen kann. Was sie dagegen dauerhaft aufbewahren und später wiederfinden möchte, hält sie lieber digital fest.

So entstehen zwei verschiedene Informationswelten: Was dauerhaft gespeichert, durchsucht und wiedergefunden werden soll, ist digital gut aufgehoben. Papier kann dagegen genau dort praktisch sein, wo etwas vorläufig ist. Ein erster Gedanke. Eine schnelle Skizze. Drei Dinge, die noch in den Einkaufswagen müssen. Ein Post-it, dessen Aufgabe erledigt ist, sobald es von der Wand genommen wird.

Gleichzeitig ist die physische Beständigkeit eine Stärke von Papier, die das Bewahrenswerte schützt. Ein Dokument oder eine Publikation bleibt unabhängig von Software oder digitalen Plattformen als Gegenstand erhalten.

Und wenn Papier tatsächlich nur für den Moment gedacht ist, muss mit seiner Entsorgung nicht zwangsläufig auch die Nutzungsdauer des Materials enden. Wird Papier richtig entsorgt und recycelt, können seine Fasern erneut als Rohstoff für die Papierherstellung dienen. In Deutschland lag der Altpapieranteil laut Umweltbundesamt in der Papierproduktion 2024 bei rund 84 Prozent.

Papier verbindet Generationen. (Bild 1: vitaly-gariev-RO5MpEcLPow-unsplash / Bild 2: victoria-nazaruk-0nyR0Aw5fCA-unsplash)

Digital aufgewachsen und trotzdem nicht papierlos

Papier entwickelt sich also vom universellen Informationsträger zum Spezialisten. Doch ist seine Nutzung wirklich eine Generationenfrage – oder nicht viel mehr eine Frage der Vorlieben und Alltagstauglichkeit?

Für den 23-jährigen Max ist die Entwicklung ziemlich eindeutig. Während der Schulzeit habe er noch täglich mit Papier gearbeitet, erzählt der Architekturstudent. Auch zu Beginn seines Studiums entstanden viele Skizzen per Hand, teilweise waren Handzeichnungen sogar vorgeschrieben. Inzwischen arbeitet er überwiegend digital. Papier nutzt er aber noch für schnelle Skizzen, Modelle entstehen teilweise aus Pappe und für Präsentationen werden die digital erarbeiteten Ergebnisse auf große Plakate gedruckt.

Bei Aenne, 20, sieht das anders aus. Auch sie organisiert vieles digital: Kalender führt sie auf dem Smartphone, auch Listen speichert sie dort häufig, weil sie unterwegs ohnehin kein Papier und keinen Stift dabeihat. „Es wäre noch eine Sache, die man mitschleppen müsste.“

Und trotzdem schreibt sie Einkaufs- und To-do-Listen gerne auf Papier. Beim Einkaufen sei das übersichtlicher. Vor allem aber kann die digitale Variante bei einem entscheidenden Detail nicht mithalten: „Das Durchstreichen von Aufgaben auf der To-do-Liste ist einfach ein befriedigendes Gefühl. Bei meinen Handy-Notizen fühle ich das nicht so.“ 

Damit ist Aenne offenbar nicht allein. Eine aktuelle Verbraucherumfrage zeigt, dass Papier bei jüngeren Menschen keineswegs aus dem Alltag verschwunden ist. In einer 2025 vom Branchenverband DIE PAPIERINDUSTRIE beauftragten repräsentativen Befragung von 2.000 Menschen in Deutschland gaben 79,2 Prozent an, ihre Gedanken und Notizen am liebsten handschriftlich festzuhalten. Selbst unter den 18-24-Jährigen waren es noch rund 70 Prozent.

Doch bei Aenne geht es nicht immer nur um Praktikabilität. Auch für etwas anderes, das längst digital funktioniert, greift die 20-Jährige bewusst zu Papier: Sie schreibt Postkarten. „Auch wenn ich mit den Leuten täglich über WhatsApp schreibe, finde ich das Kartenschreiben trotzdem irgendwie schön.“

Das liegt an einer weiteren Eigenschaft, die digitale Kommunikation nur schwer ersetzen kann: Papier ist nicht nur Informationsträger, sondern auch ein physisches Objekt. Anspruchsvolle Gestaltung, hohe Papierqualität und angenehme Haptik verleiten uns dazu, eine Karte, ein Buch oder einen aufwendig produzierten Print aufzuheben – auch lange nachdem die eigentliche Information gelesen wurde.

20 oder 60: Am Ende zählt der Zweck

Dass Papier bleibt, ist offenbar weniger eine Frage des Alters als des konkreten Anlasses. Trotz eines Altersunterschieds von 40 Jahren verbindet Katrin und Aenne der klassische Einkaufszettel aus Papier. Und auch sonst verlaufen die Grenzen weniger eindeutig zwischen den Generationen, als man vermuten könnte. Einerseits haben Catrin und Andreas, beide Gen Y, große Teile ihrer Organisation digitalisiert. Auch Max, Gen Z, arbeitet heute im Studium deutlich digitaler als noch zu Schulzeiten.

Andererseits scheint Papier eine besonders beständige Rolle bei kreativen Tätigkeiten zu spielen. Die 60-jährige Katrin nutzt aktuell sogar wieder mehr davon, weil sie malt, bastelt und zeichnet. Die 45-jährige Catrin greift beim Malen und Zeichnen mit ihrer Tochter ebenfalls zum Papier. Und auch die vierjährige Kira antwortet auf die Frage, wozu sie gerne Papier verwendet, ohne lange nachzudenken: „Zum Malen. Und zum Basteln.“

Die Gen Z liest vornehmlich digital in Blogs und auf den Social-Media-Kanälen (Bild: swello-6fc2LXMaIzM-unsplash)

Papier bleibt – nur anders

Während früher für fast jede Information ein Blatt, Formular, Kalender oder Zettel nötig war, können wir heute wählen. Vieles erledigen Smartphone und Laptop schneller, durchsuchbarer und platzsparender. 

Das hat die Rolle des Papiers verändert. Was in vergangenen Jahrzehnten noch ein nahezu alternativloses Medium war, verdankt heute seinen Einsatz einer oft bewusst getroffenen Entscheidung. Papier ist das Medium der Wahl für die schnelle Skizze, die sich frei ergänzen lässt. Für die abgehakte To-do-Liste, die das Gefühl hinterlässt: Ich habe heute richtig viel geschafft. Für die Postkarte, die gerade deshalb besonders ist, weil sie einen Kontrast zur schnellen WhatsApp-Nachricht bildet. Oder für das Blatt, auf dem gemalt, gezeichnet und gebastelt wird.

Die Entscheidung zwischen Blog und Block ist deshalb weniger eine Frage der Generation als vielmehr davon abhängig, was wir gerade konkret vorhaben. Beim Verhältnis von Papier und digitalen Medien geht es nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch – um das jeweils passende Medium für den jeweiligen Moment.

Titelbild: istockphoto-2189540575


Autor/-in

Luisa Häußer

Luisa Häußer ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin und arbeitet seit 2018 als freie Texterin und Kommunikationsstrategin in Hamburg. Inhaltlich liegt ihr Schwerpunkt auf Projekten im Bereich soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie zwischenmenschliche Kommunikation. Neben ihrer strategischen Arbeit engagiert sie sich ehrenamtlich für Gleichstellung und digitale Zukunftsthemen.

Beiträge von Luisa Häußer


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