Vom Abfall zum Wertstoff – ein Blick hinter die Kulissen des Kreislaufs
Material mit Mission – Ressourcen erhalten, Zukunft gestalten. Diese Haltung prägt die Philosophie von Steinbeis Papier und ist Leitmotiv für Thomas Rogée, der als Abfallbeauftragter sowie Leiter Magazin und Materialmanager täglich daran arbeitet, den innerbetrieblichen Stoffstrom so effizient und ressourcenschonend wie möglich zu gestalten. Im Interview spricht er über die Bedeutung geschlossener Kreisläufe, über Herausforderungen beim Sortieren und Auflösen von Sondersorten – und über die Verantwortung, die alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette tragen.
Welche Funktion nimmt der Abfallbeauftragte bei Steinbeis Papier ein?
Ich bin seit über vier Jahrzehnten im Unternehmen, ursprünglich in der Instandhaltung mit Schwerpunkt Elektrotechnik tätig. Seit 2021 verantworte ich das Magazin- und Materialmanagement. Die Tätigkeit als Abfallbeauftragter ist eine zusätzliche Aufgabe, die ich in dieser Funktion übernehme. Es handelt sich nicht um eine eigenständige Stelle, sondern um eine Nebentätigkeit, die in meinen bestehenden Aufgabenbereich integriert ist.
Wie lässt sich das Aufgabenfeld beschreiben?
Die Aufgaben sind sehr vielseitig. Es beginnt bei der Koordination des Containerdienstes – etwa wenn ein Container voll ist und getauscht werden muss – und reicht bis hin zu umfangreichen Berichtspflichten. Ich organisiere die Entsorgungswege, wähle geeignete Entsorgungsfirmen aus und sorge dafür, dass alles ordnungsgemäß bestellt und dokumentiert ist. Ein wichtiger Punkt ist der jährliche Abfallbericht. Darin erfasse ich alle relevanten Abfallfraktionen, deren Mengen und die jeweiligen Entsorgungs- oder Verwertungswege. Die Daten gehen an zwei verschiedene statistische Stellen. Grundlage dafür sind interne SAP-Auswertungen, Angaben aus dem Kraftwerk sowie Rückmeldungen der Entsorgungsunternehmen. Das erfordert einiges an Abstimmung, vor allem zu Jahresbeginn.
Wie ist die Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens organisiert?
Ich arbeite eng mit verschiedenen Bereichen zusammen. Das Controlling liefert Mengen- und Kostendaten, aus dem Kraftwerk kommen Angaben zu Rückständen wie Asche. Auch das interne Staplerteam ist wichtig: Sie kümmern sich um die Leerung der Kippmulden und geben Rückmeldung, wenn zum Beispiel Abfall falsch sortiert wurde oder sich an den Sammelstellen etwas verändert hat. Extern stehe ich regelmäßig mit zertifizierten Entsorgern in Kontakt. In der Regel besuche ich diese zweimal im Jahr, um mir ein Bild von den Anlagen zu machen. Das ist mir wichtig, um die Wege unserer Abfälle auch selbst nachvollziehen zu können.
Wie ist die Verantwortung verteilt – und wo endet sie?
Ich bin für die Organisation, Überwachung und Dokumentation der innerbetrieblichen Abfallströme verantwortlich. Das bedeutet: Ich koordiniere die Abholung, kontrolliere die Sammelstellen und kümmere mich um alles, was im Rahmen der laufenden Produktion oder bei Baustellen an Entsorgung anfällt. Morgens starten wir im Materialmanagement mit einer kurzen Besprechung. Danach stehen in der Regel Bestellungen, Auswertungen und Angebotsvergleiche an. Parallel kommen spontane Anforderungen rein: Container müssen getauscht oder besondere Abfälle entsorgt werden. Das kläre ich direkt, oft auch vor Ort. Ich archiviere Entsorgungsnachweise, lege neue Abfallarten an und halte die notwendigen Daten in Abstimmung mit dem Controlling im System aktuell. Einmal pro Woche fahre ich mit dem Fahrrad über das Gelände, kontrolliere die Sammelstellen und prüfe, ob alles korrekt beschriftet ist, ob die Kapazitäten reichen und ob Verbesserungsbedarf besteht.
Mit welchen Stellen besteht regelmäßiger Austausch?
Im Alltag arbeite ich eng mit dem internen Transport, dem Controlling, dem Kraftwerksbereich und der Technik zusammen. Die Kollegen vor Ort melden mir oft direkt, wenn irgendwo Handlungsbedarf besteht. Und mit den externen Partnern – also den Entsorgern – stehe ich regelmäßig in Kontakt, kläre Termine und Abstimmungen oder bespreche besondere Anforderungen.
Welche Rolle spielt der Papierfaserschlamm im Abfallaufkommen bei Steinbeis Papier?
Der Papierfaserschlamm ist mit Abstand die größte Abfallmenge, die bei uns anfällt. Die offizielle Bezeichnung im Abfallverzeichnis lautet „Faserabfälle, Faserfüll- und Überzugsschlämme aus mechanischer Abtrennung“. Der Papierfaserschlamm wird vor allem in unseren beiden Kraftwerken verbrannt, wo daraus Dampf und Strom für die Papierproduktion und den Standort erzeugt werden. Ein weiterer Verwertungsweg ist die Ziegelherstellung: Der Schlamm wird mit Ton gemischt, beim Brennvorgang verbrennen die Fasern und schaffen die gewünschte Porosität in den Ziegeln. Außerdem liefern wir Schlamm an die AVR in den Niederlanden, die daraus ein zertifiziertes Pulver für den Straßenbau und Betonersatz herstellen.
Stofflich vor energetisch – wir gehen den ökologisch sinnvollsten Weg, wo immer es geht.
Was unterscheidet diese Verwertungswege voneinander? Wo liegen die ökologischen und technischen Vorteile?
Die thermische Verwertung im Kraftwerk ist besonders effizient, weil daraus mit Kraft-Wärme-Kopplung Energie entsteht, die unseren Betrieb unterstützt – wir erzeugen dort Strom und Dampf, der die Papierherstellung antreibt. So bleibt der Rohstoffkreislauf möglichst geschlossen. Die Verwertung im Ziegelwerk ist ein klassisches Recycling, bei dem der Schlamm als Rohstoff im Baustoff genutzt wird, was Materialressourcen schont. Die Verbrennung der Fasern im Ziegel schafft gleichzeitig die gewünschte Struktur im Material. Das Produkt der AVR in den Niederlanden ist technisch sehr innovativ: Aus Schlamm wird ein hochwertiger Baustoffersatz produziert, der zertifiziert ist und im Straßenbau eingesetzt wird. Die stoffliche Verwertung hat stets Vorrang vor der energetischen – wir wählen also den ökologisch besten Weg, wo es möglich ist. Es wird bei uns keine Tonne Papierfaserschlamm deponiert. Wir orientieren uns an der Abfallpyramide: Vermeidung ist natürlich ideal, aber da sind wir technisch begrenzt. Daher setzen wir auf Vorbereitung zur Wiederverwertung, Recycling und energetische Nutzung.
Welche Abfallprodukte fallen neben dem Papierschlamm bei Steinbeis Papier noch an?
Neben Papierschlamm haben wir klassische gewerbliche Abfälle wie Metalle aus Technik und Altpapier, Holzreste, Grünabfälle und Bauschutt. Die Metallanteile werden sorgfältig aussortiert – sogar Edelstahl und Elektromotoren werden separat gesammelt, um sie hochwertig zurückzuführen. Holzreste werden entweder zu Spanplatten verarbeitet oder energetisch genutzt, Grünabfälle kompostiert und Bauschutt fachgerecht entsorgt. Für all diese Fraktionen arbeiten wir mit zuverlässigen externen Partnern zusammen.
Wie wird sichergestellt, dass diese Abfälle wirklich umweltgerecht verwertet werden?
Ich besuche die Entsorgungsanlagen unserer Partner persönlich, um die Prozesse vor Ort zu prüfen. So kann ich sicherstellen, dass unser Abfall nicht einfach entsorgt, sondern sinnvoll recycelt oder weiterverwertet wird. Vertrauen und Kontrolle sind die Basis unserer nachhaltigen Zusammenarbeit.
Gibt es besondere Lösungen für schwierig zu entsorgende Materialien?
Ja, zum Beispiel die 1000-Liter-IBC-Container aus Kunststoff und Metall. Früher war deren Entsorgung teuer und intransparent. Mittlerweile nutzen wir eine Firma, die diese Behälter reinigt, repariert und rekonditioniert – so werden Kunststoffteile wiederverwertet und Metallgitter weiter genutzt. Dadurch vermeiden wir Verbrennung, sparen Ressourcen und erhalten sogar CO₂-Einsparzertifikate.
Was führte dazu, dass ein ausrangierter Kopierer aus Glückstadt in die USA ging?
Das Ganze fing relativ unspektakulär an: Unser Produktmanager für Druck- und Kopierpapiere, Andreas Steenbock, sprach mich auf dem Flur an, wir hätten drei alte Kopierer, die entsorgt werden müssten – zwei davon im neuen Technikum, einer noch im alten. Der dritte, ein echtes Monstrum, hat mich sofort fasziniert: 1,65 Meter breit, über einen Meter hoch, 522 Kilo schwer. Ein richtiges Stück Industrietechnik. Ich habe ein Faible für solche Geräte – war früher selbst Oldtimer-Fan – und fand es irgendwie schade, das Teil einfach zu verschrotten. Über eine norwegische Website namens xeroxnostalgia.com bin ich dann in Kontakt mit Eric gekommen, einem Sammler, der wiederum den Kontakt zu Rick aus den USA herstellte. Rick betreibt einen Requisitenverleih für die Filmbranche in Pennsylvania – und er war sofort begeistert. Für 500 Dollar kaufte er das Gerät. Das war aber nur der Anfang: Wir mussten eine Spezialkiste bauen, es gab Zollprobleme mit dem Holz, dann klappte es nur per Luftfracht. Am Ende stand das Teil tatsächlich auf einem US-Lkw – vielleicht sehen wir den alten Kopierer ja bald mal in einem Film.
Kommt es öfter vor, dass alte Maschinen aus Glückstadt ein zweites Leben bekommen?
Tatsächlich ja. Das ist ein Teil meines Jobs: Ich kümmere mich um das sogenannte Materialmanagement – dazu gehört auch, dass ich regelmäßig mit Technikern schaue, was ausgemustert wird, ob etwas verkauft werden kann oder eben in den Schrott geht. Neulich haben wir beispielsweise größere Kompressoren ausgetauscht. Die alten Teile versuche ich dann weiterzuvermitteln – über Kontakte zu Gebrauchtmaschinenhändlern. Dafür gibt es einen Markt, vor allem in Afrika oder Asien. Lieber verkaufen wir so was für einen kleinen Betrag, als es einfach zu entsorgen. Das ist für mich nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch eine Frage der Haltung.
Bei Steinbeis gehört das einfach dazu: Ressourcen schätzen, sorgfältig trennen, Dinge weiterdenken.
Diese Haltung – Dinge nicht gleich wegzuwerfen, sondern weiterzudenken – zieht sich offenbar durch die Arbeit. Ist das ein persönlicher Nachhaltigkeitsanspruch?
Absolut. Ich bin bei Steinbeis groß geworden, habe hier mit 16 angefangen zu lernen. Das steckt in einem drin: Ressourcen schätzen, sorgfältig trennen, Dinge weiterdenken. Das geht bei mir auch privat so weiter – ich kaufe zum Beispiel Joghurt lieber im Mehrwegglas. Und auch hier im Betrieb versuche ich, Prozesse weiter zu verbessern. Neulich haben wir 20 neue Kippmulden angeschafft, um Fraktionen noch besser zu trennen. Ich mache das nicht, weil es auf einem Zettel steht, sondern weil ich es für richtig halte. Und ich glaube, das geht vielen Kolleginnen und Kollegen hier so – bei Steinbeis gehört das einfach dazu.
Wo bestehen aktuell die größten Herausforderungen und Entwicklungen in der Abfallverwertung?
Die Abfallverwertung wird immer komplexer. Gerade in Schleswig-Holstein wird der Platz auf Deponien knapp, was neue Lösungen erfordert. Gleichzeitig macht uns die Bürokratie zu schaffen – ich muss teils denselben Bericht an zwei verschiedene Ämter schicken. Eine zentrale digitale Lösung wäre da längst überfällig. Auch gesetzlich gibt es viele Neuerungen, etwa durch die neue Ersatzbaustoffverordnung. Das alles sorgt für steigenden Aufwand, den man als Abfallbeauftragter im Nebenjob nicht unterschätzen sollte. Trotzdem ist es spannend, weil man merkt, wie viele Akteure an zukunftsfähigen Lösungen arbeiten.
Wo liegt das größte Potenzial bei der Abfallvermeidung und -verwertung?
Wir sind da schon gut aufgestellt – etwa bei der getrennten Erfassung von Holz, Metall oder Papierfaserschlämmen. Letztere sind sogar Gegenstand von Forschungsprojekten bei uns, zum Beispiel zur Nutzung als Dämmstoff oder für Biogas. Besonders stolz bin ich auf unsere getrennte Sammelquote: Wir liegen bei über 93 Prozent. Das wurde auch von extern testiert – mit dem Lob, wir würden „Kreislaufwirtschaft par excellence“ betreiben. Für mich ein starkes Zeichen, dass wir hier Verantwortung wirklich ernst nehmen.
Titelbild: Steinbeis Papier