Verwickelt in Nachhaltigkeit: Wikkelhouse

Wellpappe ist ein Multitalent. Ausgefeilte Falttechniken verleihen dem Material besondere Stabilität, und das mit einem ökologischen Fußabdruck, der sich sehen lassen kann. Von Transportkisten über kleine Hocker bis hin zu XXL-Bettlandschaften – die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Doch haben Sie schon einmal etwas von einem Haus aus Wellpappe gehört? Von einem echten Zuhause samt Bad, Küche und Kamin? Die kreativen Köpfe von Fiction Factory übersetzen unsere Kindheitserinnerungen vom Papp-Eigenheim in schickes zeitgenössisches Design – mit dem Wikkelhouse.

Gebaut wird das ungewöhnliche Haus in Amsterdam von dem niederländischen Unternehmen Fiction Factory. Normalerweise werden in dessen Hallen Interieurdesign und Möbel für internationale Firmen gefertigt. Doch zu traditionellen Werkzeugen wie Kreissäge, Hobel und Co. gesellt sich die sogenannte Wikkelmaschine. Ein Koloss, um den sich im wahrsten Sinne des Wortes alles dreht – vor allem die 320 Meter Wellpappe für ein einzelnes Modul. Der Herstellungsprozess ist so einfach wie genial: Eine dicke Rolle mit Wellpappe wird in die Maschine eingelegt und einfach automatisch vier Stunden lang um die Grundform gewickelt. Die einzelnen Schichten werden mit umweltfreundlichem Leim auf Kartoffelbasis verklebt. Nach der Hälfte der Zeit setzen die Mitarbeiter:innen der Fiction Factory Holzplatten ein, sodass ein Hohlraum in der Kartonwand entsteht, welcher später zur Installation von Rohren und Kabeln dient. Danach wird weitergewickelt. Sind erneut zwölf Lagen verklebt, ist der Rohbau fertig. 

Die Basis des Wikkelhouse ist Wellpappe: 50 Prozent Frischfaser aus skandinavischen Bäumen aus nachhaltiger Forstwirtschaft und 50 Prozent Recyclingpapier. Die Verwendung des langfaserigen Frischfaserkartons sorgt für mehr Stabilität, der recycelte Karton für mehr Nachhaltigkeit. Was die Wellpappe zum interessanten Baustoff macht, ist ihre Struktur. Die wellenförmigen Kammern sorgen für Stabilität und ein Luftpolster, welches isolierend wirkt. 
Von der Tomatenkiste zum Wikkelhouse

Doch woher kommt die Idee, Häuser aus Pappe herzustellen? Den Anfang machte der niederländische Kartonhersteller René Snel. Er suchte eine Alternative für gewöhnliche Tomatenkartons. Die Vision Snels: Kartons, die länger halten und nachhaltiger sind. Anstatt eine Kiste zum Transport von Obst und Gemüse aus einzelnen Segmenten herzustellen, entwickelte er eine spezielle Form, die es möglich machte, einen Karton aus einem langen Strang Pappe zu fertigen, der umeinandergewickelt wird. Das erhöht die Stabilität der Kisten enorm. Basierend darauf entstand die Idee, ein Haus aus Pappe zu bauen, doch das Projekt schlief ein, und die Maschine verstaubte in Snels Fabrik – bis Oep Schilling, Gründer der Fiction Factory, ein Modell des Wikkelhouse in Snels Büro sah. 

Die einzelnen Module haben eine Grundfläche von rund fünf Quadratmetern und können je nach Wunsch mit unterschiedlichen Ausstattungsdetails geliefert werden. 
Ein Traum(haus) aus Pappe

Auf Basis von Snels Grundform entwickelte Fiction Factory ein vollwertiges modulares Hauskonzept. Jedes Wikkelhouse kann ganz nach den individuellen Wünschen seiner Bewohner:innen gestaltet werden – mit einem oder zwanzig Modulen, Bad oder Küche, Einzel-Schlafkoje oder multifunktionalem Stockbetten-Modul, mit Glasfassade oder geschlossener Front. Bedarfsgerecht individualisiert, kann so ein gemütliches Zuhause, ein auffälliger Messestand oder ein stylishes Büro entstehen. 

Genauso flexibel wie bei der Gestaltung sind die Besitzer:innen, wenn es um den Aufstellungsort geht, denn das Wikkelhouse ist so leicht, dass es kein tiefes Bodenfundament benötigt. Stattdessen genügen zwei Betonplatten und drei Holzbalken. Die Module werden nicht verklebt, sondern mit Stahlstäben verbunden und können so bei Bedarf zurück- oder umgebaut werden. So kann theoretisch das gesamte Wikkelhouse einfach abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgestellt werden. 

Von der Arktis bis in die Tropen

Wo genau das ist, bleibt (fast) der Fantasie überlassen, denn theoretisch hält das Wikkelhouse allen klimatischen Bedingungen stand. Dafür sorgen die wasserdichten und atmungsaktiven Membranen, die jedes Modul umspannen. So wird die Pappe bei Regen nicht nass, während Feuchtigkeit aus dem Inneren nach außen gelangen kann. Der Effekt ist zu vergleichen mit dem einer atmungsaktiven Regenjacke. Diese schützende Haut wird außerdem mit einer Verkleidung aus Holzlatten abgedeckt, sodass UV-/Sonnenlicht ihr nichts anhaben kann. Für diese Widerstandsfähigkeit ist das Wikkelhouse inzwischen so bekannt, dass sich bereits ein Forschungsinstitut informiert hat, ob ein Aufbau in der Arktis möglich sei. Doch trotz aller Möglichkeiten: Vorerst liefert Fiction Factory nur in die Niederlande, nach Luxemburg, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und Chile. 

Die Innenverkleidung wird aus Holz hergestellt, was dem ganzen Haus einen stylishen und minimalistischen Look verleiht.
Schwups, fertig!

Wann Kundinnen und Kunden mit dem fertig gebauten Wikkelhouse rechnen können, hängt unter anderem von der aktuellen Auftragslage ab. Ist die Nachfrage groß, dauert es naturgemäß etwas länger. Im Moment beträgt die Wartezeit zwischen Auftragsbestätigung und Lieferung vor Ort bis zu sechs Monate. Dafür steckt bei Fiction Factory echtes Handwerk in jedem Arbeitsschritt. Außerdem wirken sich Ausstattung und individuelle Kundenwünsche auf die Herstellungszeit aus, wie die Integration von Smart-Home-Elementen oder ob ein Küchen- oder ein Badsegment gewünscht ist. Vor Ort geht es dann unglaublich schnell: Die Installation dauert nicht länger als einen, maximal zwei Tage. Dann kann der Umzug losgehen.

Der Preis ist von der Anzahl der Module sowie der Ausstattung abhängig. Ein Häuschen aus drei Modulen bekommt man ab etwa 30.000 Euro plus Mehrwertsteuer, Transport und Aufstellung. Die meisten Wikkelhouses werden aber zu Preisen zwischen 50.000 und 80.000 Euro verkauft.
Zukunftsmusik

In Zukunft möchte das Team von Fiction Factory weitere Länder beliefern und mit dem Wikkelhouse die ganze Welt erobern. Gerade ist das Team jedoch ganz glücklich damit, wie es mit dem Wikkelhouse läuft. Weitere Hoffnungen für die Zukunft sind eher globaler Natur: So wünscht sich das Team, dass alle sich künftig vor dem Kauf neuer Waren drei simple Fragen stellen: Brauche ich das wirklich? Ist das eine langfristige Investition? Wie groß ist die Umweltbelastung durch meinen Kauf?

Wohnen auf kleinem (ökologischen) Fuße

Seine Schöpfer:innen sprechen dem Wikkelhouse eine minimale Lebenszeitgarantie von 50 Jahren zu – wenn es gut gepflegt wird. Schließlich sei Karton auch nur eine andere Verwendungsart von Holzfasern, und Holzkonstruktionen können Jahrzehnte halten. Es sei alles eine Frage der richtigen Konservierung. Doch selbst wenn das Wikkelhouse seine Lebensdauer überschritten hat – dank der recycelbaren und biologisch abbaubaren Materialien ist sein ökologischer Fußabdruck verglichen zu traditionellen Häusern wesentlich geringer. Kein Wunder also, dass das Wikkelhouse 2020 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis im Bereich Design ausgezeichnet wurde. So beweist Ficton Factory mit dem Wikkelhouse einmal mehr, wie mittels zeitgenössischem Design bewohnbare und nachhaltige Räume geschaffen werden können. Und das alles „nur“ dank ein bisschen Pappe und dem Mut, etwas Neues zu wagen.

Bei Wikkelhouse packen alle mit an.

Fiction Factory wurde 1989 von dem gelernten Bühnenbildner Oep Schilling gegründet. Aktuell arbeiten 60 Angestellte an den kreativen Designs und Visionen der Firma. Durch den einfachen Aufbau müssen vor Ort allerdings nur eine Handvoll anpacken. Wer neugierig geworden ist, kann zum Beispiel auf Helgoland in einem Wikkelhouse  übernachten (zu sehen auf dem Titelbild) – vielleicht das nächste Urlaubsziel, wenn es die Corona-Bestimmungen wieder zulassen? Titelbild und alle weiteren Fotos: Wikkelhouse/Yvonne Witte www.wikkelhouse.com

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Redakteurin, Projektmanagerin und Chefin vom Dienst. Sie leitet eine Nachhaltigkeits-Arbeitsgruppe. Und sie liebt ihren Garten. Hier schreibt sie unter anderem über nachhaltige Lebensweise und Ernährung sowie den bewussten Umgang mit Ressourcen.

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