Innovation & Technologie

Fair schenken: Eco-Schmuck von fremdformat

07.12.2021 - Industrieschrott, Verschnitt, Stanzreste – die Designerinnen Julia und Steffi Gerner des Labels fremdformat stellen Schmuck aus recycelten Materialien her. Dabei werden oft Reste der metallverarbeitenden Industrie verwendet. Aus Werkstoffen wie Messing, Kupfer oder Edelstahl entstehen so nachhaltige Schmuckstücke in klarem minimalistischen Design.

Links: Besonders oft hören die Designerinnen die Frage, ob sie auch Schmuck für Männer anbieten. Dabei ist es ihnen als ein queer-owned Business ein besonderes Anliegen, hier keine Grenzen zu ziehen. Alle ihre Produkte sind unisex. Rechts, Symbolbild: Silber wird meist als Beiprodukt von Gold abgebaut, reine Silberminen sind im Vergleich eher selten. Fotos: fremdformat, Dan Zen/flickr (CC BY 2.0)

Schmuck formatiert

Das richtige Geschenk zu finden ist nicht immer leicht – gerade wenn es etwas Besonderes sein soll. Ein Klassiker ist sorgfältig ausgewählter Schmuck, der zur Persönlichkeit des Beschenkten passt und dessen Stil unterstreicht. Hinter dem Glanz verbergen sich jedoch oft die Schattenseiten der konventionellen Schmuckherstellung, denn Ohrringe, Ketten und Co. entstehen häufig unter verheerenden Bedingungen für die Umwelt und Arbeiter:innen. So muss zum Beispiel eine Tonne Gestein bewegt werden, um ein Gramm Gold zu gewinnen – was bleibt, sind Kraterlandschaften. Mit Quecksilber oder Cyanid wird das Edelmetall aus dem Gestein gelöst. Dabei werden Flüsse und Grundwasser verseucht, Tiere sterben, und die Menschen vor Ort erkranken. Nichts anderes gilt für Industriemetalle wie Kupfer, dessen Abbau als nicht weniger giftig und gefährlich gilt. Gleichzeitig ist Kupfer nach Eisen und Aluminium der mengenmäßig am meisten geförderte metallische Rohstoff. Die gute Nachricht: Kupfer lässt sich ohne Qualitäts- und Funktionsverlust beliebig oft recyceln.

Messing und Kupfer (siehe Symbolbild oben) lassen sich beliebig oft und ohne jeglichen Qualitätsverlust einschmelzen. So sagt man, dass 10.000 Jahre altes Kupfer heute noch in Umlauf ist. Symbolbild, Foto: Alexas_Fotos/Pixabay

Genau da setzen Julia und Steffi Gerner mit ihren Designs an. Ihr Label fremdformat steht für Schmuck aus ungewöhnlichen Materialien mit einem Ziel: Ressourcen schonen und umweltbewusst einsetzen. „Wir wollen zeigen, dass man Schmuck auch anders denken kann“, betont Julia. Seit 2014 fertigen die Heidelbergerinnen genderneutralen Schmuck aus Industrieabfällen und greifen damit auf die Rohstoffe zu, die schon da sind und nicht erst abgebaut werden müssen. Auch lange Transportwege fallen für ihre Rohstoffe nicht an. Stattdessen beziehen sie die Materialien aus den metallverarbeitenden Betrieben der Region Heidelberg, wo täglich Reste im Verarbeitungsprozess anfallen. Bevor diese in Recyclingprozessen wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden, kommt fremdformat ins Spiel.

Glänzende Rohstoffe

Lange fertigten sie ihre Designs vor allem aus Messing, Kupfer oder Edelstahl. Anfangs war es für Julia und Steffi jedoch gar nicht so leicht, an die Rohstoffe zu kommen: „Auf Anfragen per Mail an unterschiedliche metallverarbeitende Firmen haben wir meist keine Antwort erhalten. Am Telefon hat man uns abgewimmelt, leider”, erklärt Julia. Eine Zeit lang wühlten die Designerinnen direkt im „Müll” der Firmen und bargen ihre Schätze. Auf diese Weise ergatterten sie jedoch meistens nur Reste von einzelnen Aufträgen und keine verlässliche, skalierbare Menge, um sie als Kollektion online und für die Retailer anzubieten, ohne Gefahr zu laufen, dass gar nicht alle davon bestellen können. Inzwischen haben die Designer:innen jedoch Kooperationspartner:innen gefunden, darunter auch Firmen der Schmuckindustrie, die ihre Produkte aus recyceltem Material anbieten. So konnten Steffi und Julia die Materialauswahl um 925er Eco-Recycling-Silber und recyceltes 14 Kt Gold erweitern.

Links, Symbolbild: Das Know-how zum Bearbeiten von Industriemetall mussten sich die Designerinnen selber beibringen. Rechts: Statt langweiliger, komplizierter Artikelnummern trägt jedes Schmuckstück einen Unisex-Namen – so zum Beispiel Kette und Armband Bobby wie auf dem Foto zu sehen. Fotos: Maximilian Paradiz/flickr (CC BY 2.0), fremdformat

Theoretisch gäbe es auf dem Markt auch ökologisches, faires Gold, welches an der Oberfläche abgebaut und nach der Schwerkraftmethode ausgewaschen wird, sodass der Einsatz von Chemikalien überflüssig wird. Aktuell werden jährlich über 3.000 Tonnen Gold abgebaut. Der Anteil von Fairtrade Gold beträgt davon unter ein Prozent – das könnte also den massiven Bedarf der Schmuckindustrie bei Weitem nicht decken. Julia und Steffi setzen auch hier lieber auf Recycling und sprechen von Eco-Silber und Eco-Gold, wenn das Material zu 100 Prozent aus recycelten Rohstoffen hergestellt wurde. Dabei werden beispielsweise Produkte aus der Schmuck-, Medizin- und Elektrobranche eingeschmolzen.

Neue Wege gehen

Schon in der Designphase steht für Julia und Steffi die möglichst effiziente Nutzung der vorhandenen Materialien im Fokus. Ideal ist, wenn das Einschmelzen sogar vermieden werden kann und die Industriereste direkt wiederverwendet werden können. Oft ergibt sich dann das Design aus den Formen des vermeintlichen Abfalls, wie bei den Ketten Evin, Charly oder Mechthild – auch ganze Kollektionen können so entstehen. 

Foto: Markus Werner/fremdformat

Die Verarbeitung übernimmt aktuell meist Julia. Das nötige Handwerk hat sie sich selbst beigebracht, denn es gibt in Deutschland kaum Goldschmied:innen, die auch mit unedlen Metallen wie Messing und Edelstahl arbeiten und ihr die Verarbeitung der Industriereste hätten beibringen können. „Auch das zeichnet unseren Stil aus: Wir machen es anders – in Bezug auf die Materialien und auf die Verarbeitung“, betont sie. Sollte mal ein Schmuckstück kaputtgehen, so gilt für Steffi und Julia: reparieren statt neu kaufen. Auch das bedeutet für sie Nachhaltigkeit. Deshalb reparieren sie gern Schmuckstücke ihrer Kund:innen, wenn es irgend möglich ist.

360 Grad Ressourcenschonung 

Auch ansonsten legt fremdformat Wert darauf, Ressourcen zu schonen. Die Designerinnen arbeiten ausschließlich mit Produkten nicht-tierischen Ursprungs. Das heißt, es wird nie Schmuckstücke mit Elementen aus Leder oder Ähnlichem geben. Verarbeitungsreste werden eingeschmolzen oder in neuen Designs verarbeitet. Bestandteile, wie zum Beispiel Verschlüsse oder Kettenglieder, die sie zur Schmuckherstellung zukaufen müssen, beziehen sie ausschließlich aus Deutschland. Bei Verpackung und Versand verzichten sie vollständig auf Plastik. Stattdessen bestehen zum Beispiel die in Deutschland produzierten Geschenkschachteln aus grauer Recycling-Pappe. Auch bei Werbematerialien kommen ausschließlich Recyclingpapiere zum Einsatz – ohne Veredelungstechniken wie Lacke oder Folien, die ein weiteres Recycling unnötig erschweren würden. B2B-Kunden beliefern sie außerdem mit Kartons, die schon mehr von der Welt gesehen haben. Der Trend geht klar zum Second-, Third- oder Fifth-life-Karton. Der Versand erfolgt mit DHL Go Green, einem Programm von DHL, welches klimafreundliche Lieferungen fördert. Für alle Kund:innen aus Heidelberg und Umgebung bieten sie außerdem auch „Abholung im STUDIO“ an. An anderer Stelle setzen sie auf digitale Prozesse, um Ressourcen zu schonen. So verschickt das Team Rechnungen und Lieferscheine an Endkund:innen generell nur digital. „Nur auf Wunsch legen wir diese auch bei, das kam bis heute aber noch kein einziges Mal vor. Das zeigt einmal mehr, wie großartig unsere Kund:innen sind”, erzählt Julia. Im Büro, in der Werkstatt, überall wird Strom eingesetzt, der zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien stammt – selbst dort, wo ihre Server stehen. „Muss man nicht drüber reden, denn eigentlich sollte das selbstverständlich sein”, sagt Julia. Vielleicht ist es das irgendwann auch, doch aktuell beweisen sie damit vor allem, dass sie keine Ausnahme zulassen. Das Konzept von fremdformat ist rundum nachhaltig gedacht und zeigt: Ein schönes Geschenk muss nicht die Welt kosten.

So geradlinig wie ihr Schmuck war der Weg zum eigenen Schmuckatelier für das Paar nicht. „Ich wollte zwar schon immer Schmuckdesignerin werden, aber nach meinem Realschulabschluss fand ich keinen Ausbildungsplatz“, erklärt Julia. „Doch mein Herz schlug immer dafür, mit den Händen zu arbeiten.” Mit Steffi teilt sie die Leidenschaft für Kunst und Design: „In meiner Freizeit beschäftige ich mich mit Fotografie, Malerei, Grafik- und Webdesign. fremdformat ist zunächst aus einem Kunstprojekt heraus entstanden. Als ich Julia kennenlernte, kam mit ihr ein neuer spannender Bereich dazu: Schmuck.“ Gegründet haben Steffi und Julia das Unternehmen dann erst einmal nebenbei – neben dem Fulltime-Job. Als sie merken, dass die Doppelbelastung zu viel wird, kündigt Julia, um sich ganz dem Schmuckdesign zu widmen. Dabei erleben sie zu Beginn eine Menge Gegenwind. „Auch jetzt denken einige, dass wir in der Werkstatt „nur ein bisschen basteln“, schmunzelt Julia. Doch die beiden Frauen haben eine Vision, an der sie festhalten.

 

Titelbild: fremdformat

Autor/-in

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

Beiträge von Valerie Bachert

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