Eine #milchrevolution – pläin and simple

Nachhaltige Konsumalternativen sind vielfältiger, als wir denken. Der Einsatz von Recyclingpapier, Mülltrennung und Fahrradfahren liegen nahe. Aber wie sieht es bei der Ernährung aus? Zum Beispiel bei Kuhmilch? Sie galt lange als gesundes Lebensmittel – unter anderem gut für Zähne und Knochen. Heute weiß man allerdings, dass Milch nicht groß und stark macht. Stattdessen kann sie bei Unverträglichkeiten Probleme hervorrufen. Und: Die industrielle Milchwirtschaft schädigt das Ökosystem unseres Planeten. Deshalb suchen immer mehr Menschen nach Alternativen. Im Frühjahr 2020 kommt pläin auf den Markt, eine pflanzliche Milchalternative, die alles kann, was Kuhmilch auch kann – das behaupten zumindest Julia Deuter, Michael Sysoev und Jonathan Herrmann, die Gründer des Start-ups.

Wie überzeugt man Kuhmilch-Fans von Pflanzenmilch? Indem man eine Alternative bietet, die alles kann, was Kuhmilch auch kann. Mit dieser Vision startete Michael 2014 die ersten Experimente in der heimischen Küche. Alle Zutaten in den Mixer, schreddern, probieren, repeat. Als er merkt, dass er mit den Küchenexperimenten nicht weiterkommt, schließt er sich mit der Hochschule Weihenstephan als Kooperationspartner zusammen, nicht zu verwechseln mit dem Milchkonzern. Ab 2016 kann er dort die Labore nutzen, weitere Mitstreiter schließen sich ihm an und so wird aus den ersten Prototypen allmählich ein ernst zu nehmendes Produkt. Kommilitonen, Laboranten, Freunde, Mama, Opa – die aktuellsten pläin-Prototypen werden von allen verkostet. „Das schmeckte teilweise auch ziemlich grausig“, sagt Julia, die seit 2017 mit an Bord ist. Im Interview erklärt sie, welche Hürden das Team bei der Markteinführung meistern musste und warum ein nachhaltiges Umdenken dringend nötig ist, damit wir das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen.

Soja, Cashew, Haselnuss, Hafer, Mandel, Hirse, Lupinen –  zahlreiche Pflanzenmilchsorten gibt es inzwischen auf dem Markt, der jährlich um rund 20 Prozent wächst. Was hebt pläin von anderen Marken ab?

Erst einmal wäre da das Offensichtliche: pläin gibt es in der 500-ml-Glasflasche. Die ist an das Pfandsystem angeschlossen. Auf dem Markt sind sonst Tetra Paks gängig. Auf den ersten Blick ist das auch nachvollziehbar: Sie sind bequem und kostensparend, das Produkt ist bis oben hin voll, im Regalfach wird der Platz durch die viereckige Form perfekt ausgenutzt und die Schachtel an sich wiegt nicht viel. Tetra Paks bestehen jedoch aus vielen verschiedenen Materialschichten und können deshalb nur in sehr wenigen Fällen recycelt werden. Unsere Glasflaschen werden durch den Anschluss an das Pfandsystem hingegen wiederverwendet.

Glasflaschen haben durch ihr Gewicht prinzipiell einen höheren CO2-Ausstoß beim Transport. Wie wollt ihr damit in Zukunft umgehen?

Im Moment wird pläin im Technikum in der Hochschule Weihenstephan mit Ökostrom produziert und nur im Umkreis von bis zu 200 Kilometern ausgeliefert. Wenn wir den Verkauf ausweiten, könnten wir pläin aus mehreren Abfüllstandorten ausliefern. So müssten die Flaschen nicht quer durch Deutschland transportiert werden. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik und nur eine von vielen Ideen. In Sachen Packaging ist im Moment auch viel im Umbruch, weil die Nachfrage riesig ist und weiter wächst. Es könnte sein, dass wir pläin irgendwann in eine nachhaltige Verpackung abfüllen, die wir aktuell noch gar nicht kennen.

Einer eurer wichtigsten Leitsätze besagt, dass ihr Lebensmittel mit dem Anspruch produziert, das Leben der Menschen einfacher zu machen. Das ist ein klares Statement und auch ein großes Versprechen.

Ja, das wissen wir. Ein Blick ins Internet zeigt, dass es viel Aufklärungsbedarf für die Verwendung der jeweiligen Alternative gibt. Der Umstieg ist also sehr aufwendig. pläin ist nicht nur eine Milchalternative auf pflanzlicher Basis. Es ist ein Kuhmilch-Ersatz mit all den Eigenschaften, die wir an Kuhmilch zu schätzen gelernt haben, und das in Bioqualität. Sie lässt sich zu einem stabilen, cremigen Schaum aufschlagen, fällt beim Kochen und Backen nicht aus und hat ein ausgewogeneres Nährwertprofil. So musst du auf nichts verzichten, bekommst aber dennoch ein pflanzliches Produkt.

Bei pläin ist alles mit der europäischen Biozertifizierung ausgezeichnet. Das bedeutet, dass beim Anbau der Rohstoffe auf Gentechnik und chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel verzichtet wurde und nicht mehr als 53 Zusatzstoffe zugelassen sind. Im Vergleich: Konventionelle Produkte dürfen in der EU bis zu 316 enthalten. Bei pläin ist es nur ein Zusatzstoff.
Was macht ihr anders als die anderen?

Herkömmliche Pflanzenmilch besteht meist aus einer Zutat, die verflüssigt wird. Der Clou bei pläin ist die Mischung verschiedener Zutaten. Während in Hafermilch vor allem Kohlenhydrate stecken, sind in pläin Fett, Proteine und Kohlenhydrate enthalten. Das sorgt für eine andere Konsistenz und für ein komplexeres Nährwertprofil. Die Zutaten sind Freisinger Brauwasser, Reis, Kokos, Sonnenblumenöl sowie pflanzliche Proteine und pflanzliche Lecithine aus Sonnenblumen.

Für jeden, der sich pflanzlich ernährt, ist B12 ein wichtiges Thema. In einigen Pflanzenmilch-Sorten, die auf dem Markt sind, wird es daher zugesetzt. Ist das bei euch ebenfalls der Fall?

Momentan nicht, aber wir schließen es nicht aus.

Was war die größte Hürde, die ihr bei der Produktentwicklung nehmen musstet?

Eine harte Nuss war das Patent. Dabei hat unser Mentor und Wegbegleiter, Prof. Dr. Thomas Lötzbeyer, ein Doktor der Lebensmittelchemie, uns sehr unterstützt. Er hat selbst schon Food-Start-ups gegründet und weiß, wie der Hase läuft. In der Lebensmittelindustrie sind Patente nicht so gängig, und die, die es gibt, sind schon älter, weil die ganze Branche bis vor 15 Jahren ziemlich verschlafen war. Die ganzen neuen Food-Start-ups haben das etwas auf den Kopf gestellt.

Was sind die nächsten Schritte für pläin?

Erst mal wollen wir schauen, wie das Produkt auf dem Markt funktioniert und ob es angenommen wird. Wenn es sich ein bisschen etabliert hat, werden wir bestimmt über Folgeprodukte nachdenken. Zum Beispiel Milchshakes, Joghurt oder Käse. Es gibt viele Möglichkeiten, weil Pflanzenmilch ein Baustein für viele Lebensmittel sein kann.

Warum war die Herstellung von Pflanzenmilch für dich ein relevantes Thema?

2012 habe ich angefangen, Lebensmitteltechnologie zu studieren. Dabei wird man zwangsläufig damit konfrontiert, wie Milch produziert wird. Dass hinter konventioneller Kuhmilch-Wirtschaft meist Massentierhaltung steckt und die Tiere leiden, war mir schon zuvor bewusst. Das ist nicht nur absurd, sondern auch unnötig. Ich glaube, man darf kein Tier für Milchschaum quälen. Im Studium wurde mir dann bewusst, welche Belastung für das Ökosystem durch die konventionelle Kuhmilch-Wirtschaft entsteht – das hat mich wirklich schockiert, weil es ebenfalls so unnötig ist. Als mir das klar wurde, hat es bei mir ein grundlegendes Umdenken in Bewegung gesetzt.

Der klimaschädliche „Ausstoß“ von Methangasen und der Futteranbau in Monokulturen machen die Massen an Kühen zu einem Klimakiller. Das gilt im besonderen Maße, wenn die Tiere mit Soja gefüttert werden, für dessen Anbau Regenwald gerodet wird. Im Vergleich dazu schneidet jede Pflanzenmilch besser ab. Wie gut, hängt von Anbaugebiet und Wasserhunger der Pflanzen ab. Wer Sojamilch trinkt, sollte darauf achten, dass für den Anbau kein Regenwald gerodet wurde. Die Grafik zeigt gleichzeitig aber auch: Im Vergleich schneidet Mandelmilch am schlechtesten, Hafer am besten ab. Wer also auf Pflanzenmilch umsteigt, hat auch hier die Möglichkeit, seinen ökologischen Fußabdruck so schlank wie möglich zu halten.
Quelle: Poore and Nemecek (2018), Science
Wie bewertest du die aktuellen Entwicklungen in Sachen Zero Waste, Nachhaltigkeit, Klimakrise?

Die finde ich mega, aber auch echt überfällig. Seit zwei, drei Jahren habe ich das Gefühl, dass Schwung in die Sache kommt und sich auch in der breiten Masse etwas bewegt. Die Supermärkte verbannen Plastik aus den Regalen, weil die Nachfrage besteht. Weil Konsumenten keine Gurke mehr kaufen wollen, die zweifach verschweißt ist. Ganz besonders merkt man das in der Generation, die uns folgt. Mein Halbbruder Maximilian (20) studiert in Frankreich und fliegt nicht, obwohl mit Zug und Bus die Anreise viel komplizierter ist und länger dauert. Er nimmt das in Kauf, bevor er massig CO2 in die Umwelt bläst. Und weil die Kinder es einfordern, fangen auch die Eltern an umzudenken. Bei unseren Produktverkostungen ist es häufig vorgekommen, dass die Eltern uns davon erzählen, dass ihre Kinder Kuhmilch und Plastikverpackungen verweigern.

Wie werden wir uns in 50 Jahren ernähren?

Viel pflanzenbasierter, regionaler und saisonaler. Auch das sehe ich schon in der Generation meines Bruders. Die essen alle kein Fleisch und wollen keine Milchprodukte mehr. Aber nicht, weil es ein Trend ist, sondern weil sie ein echtes Bewusstsein dafür haben, die Thematik ernst nehmen und sich tatsächlich aus tiefster Überzeugung für den Klimaschutz einsetzen. Die wissen, dass es nicht gut für die Umwelt ist und Tiere leiden müssen. Mehr noch: Sie wissen es nicht nur, sie fühlen es richtig. Das Empfinden ist ganz anders.

Wie wichtig ist es dir, Nachhaltigkeit auch im privaten Umfeld zu leben

Sehr wichtig. Ich gehe zum Beispiel nur auf dem Markt einkaufen und verzichte auf Produkte, die aus meiner Sicht unnötig sind, zum Beispiel Servietten. Letztens war dann meine Familie zum Essen da und hat sich beschwert, dass es keine gibt. In solchen Situationen ist es mir wichtig, niemanden zu belehren. Wenn überhaupt möchte ich versuchen, andere zu inspirieren. Einfach dadurch, dass ich es ihnen vorlebe und zeige, wie einfach es sein kann. Vergangenes Weihnachten gab es dann bei meiner Mama beim Essen waschbare Stoffservietten und keine Einwegservietten mehr.

Glaubst du, dass wir es noch schaffen, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen?

Na klar, da habe ich keine Zweifel. Aber es muss viel mehr passieren – vor allem auf Regierungsseite. Bahn- und Bustickets müssten viel günstiger werden, Flugtickets hingegen viel, viel teurer. Geld spielt eine große Rolle beim Thema Nachhaltigkeit. Aber auch Bequemlichkeit. Deshalb ist es manchmal auch durchaus sinnvoll, sinnlose Dinge wie einen Strohhalm einfach zu verbieten.

Das Team von pläin ergänzt sich wunderbar: Michael (l. i. Bild) kümmert sich als Umwelttechnologe und Wirtschaftsingenieur um die Strategie und das Finanzielle. In Sachen Produktentwicklung ist Jonathan (r. i. Bild) federführend. Als Lebensmitteltechnologe hat er sich in den vergangenen Jahren vor allem auf pflanzliche Produkte fokussiert. Unterstützt wird er von Julia, die sich um das Qualitätsmanagement, Marketing und Vertrieb von pläin kümmert.

Fotos: munichfoodstyling

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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