Papier von seiner schönsten Seite

Im Alltag schätzen wir Papier wegen seiner vielen guten Eigenschaften als treuen Begleiter. Wenn wir uns jedoch einmal ansehen, welche Kunstwerke Kreative diesem tollen Material zu entlocken vermögen, sind wir einfach erstaunt. Mit Kristine Braanen und Samantha Quinn, Gründerinnen des Paper Artist Collective, haben wir uns über Kunst aus Papier unterhalten. In diesem Beitrag gibt es außerdem besonders viel Schönes für Sie zu sehen.

Samantha war auf Reisen in Australien, als Kristine sie wegen eines Auftrags anschrieb, von dem sie meinte, er sei bei ihr besser aufgehoben. Die beiden waren über Instagram vernetzt, wie so viele Kunstschaffende es innerhalb ihrer vielfältigen Spezialgebiete sind. Das Spezialgebiet, das zuerst Kristine und Samantha und dann ihre Community zusammenbrachte, ist die Papierkunst. Als der Kontakt zwischen den beiden da war, fragte Kristine, ob Samantha nicht in das ursprüngliche Paper Artist Collective, damals noch eine Facebook-Gruppe, einsteigen wolle. Dort merkte sie schnell, dass Samantha ein besonderes Kaliber an Enthusiasmus und Energie ist – oder, in ihren eigenen Worten, „a super machine woman“. Die beiden stellten noch im selben Jahr – 2015 – das Paper Artist Collective auf die eigenen Beine: Ein virtuelles Zuhause für Papierkünstler:innen der ganzen Welt, wo sie sich über Papier, Werkzeuge, Techniken und Ideen austauschen, diskutieren, ihre Kunst zeigen und sich gegenseitig inspirieren können.

„Papier ist unendlich! Man kann es zerreißen, in Stücke schneiden, es wieder zusammenkleben oder zu Mulch verarbeiten und ein neues Blatt daraus recyceln. Es ist außerdem eines der ältesten Materialien, die in der Kunst verwendet werden. Es hat eine lange Tradition und Geschichte, und alle Kulturen der Welt haben ihre eigene Version. Ob ,Pappmaché‘, ,Origami‘ oder traditionelle ,Knipkunst‘ – ich liebe sie alle.“ – Annemarieke Kloosterhof

„The 6 of Diamonds“, Illustration and Paper Art von Annemarieke Kloosterhof @annemarieke.kloosterhof

„Es sollte ein Ort sein, an dem wir uns in unserer eigenen kleinen Papierwelt gegenseitig helfen können. Von meinen damaligen Freundinnen und Freunden hatte keiner so richtig Interesse daran, über Textur oder dieses oder jenes Skalpell zu reden, deswegen war es toll, endlich diese Gruppe zu haben. Das Kollektiv hat sich seitdem sehr weiterentwickelt, aber ich denke, die Unterstützung, der Rat und das Netzwerk sind immer am wichtigsten geblieben. Das Sahnehäubchen sind die Freundschaften, die bei uns geschlossen werden. Viele unserer Künstler:innen haben sich im ,Real Life‘ getroffen“, erzählt Samantha.

Sie und Kristine haben es nach zwei Jahren auch geschafft, sich persönlich zu treffen – nicht ganz unkompliziert als Leiterinnen eines Kunst-Kollektivs neben Vollzeitjobs und Familien, gerade wenn die eine in Oslo, die andere in London lebt. Weil sie zuvor wöchentlich, manchmal täglich Kontakt hatten, fühlte sich das Treffen ganz natürlich an. „Wir kennen uns sehr gut und respektieren einander, als Künstlerinnen und als Menschen. Es ist auf jeden Fall auch eine Freundschaft fürs Leben“, so Kristine.

„Papier wird heute häufig als Wegwerfmaterial betrachtet, als etwas Gewöhnliches. Ich genieße es, dabei den Spieß umzudrehen und es zu etwas Außergewöhnlichem zu machen. Für meine Kunstwerke beginne ich mit dem Schneiden und Falten der gleichen Form und wiederhole sie immer und immer wieder, dann schichte ich sie und baue sie auf.“ – Clare Pentlow

Werke (von links): „Au“, „Day 14 of #amonthinpaper with @paperartistcollective“ und „Simnia Flare“ von Clare Pentlow @cjpdesigns


„Das Paper Artist Collective ist einfach eine wunderbare Gruppe von Menschen. Alle sind sehr unterschiedlich und haben verschiedene Hintergründe, aber das Medium Papier und unsere Kunst verbinden uns. Wir helfen uns gegenseitig, wo wir können, geben einander Unterstützung und Ratschläge, wir kollaborieren und arbeiten als Gruppe zusammen – ich wertschätze es sehr und hoffe, dass ich noch lange ein Teil davon bin.“ – Raya Sader Bujana

„Tiny Big Paper House Plants“, Paper Art von Raya Sader Bujana @littlerayofsunflower, Foto von Leo García Méndez

„Ich verwende viele verschiedene Techniken. Ich habe sehr traditionell mit Scherenschnitt angefangen, aber jetzt arbeite ich viel in 3D und mache Papierskulpturen. Ich liebe es, mit Papier Probleme zu lösen. Wenn ich einen Auftrag für etwas ganz Neues bekomme, habe ich zum Zeitpunkt meiner Zusage in der Regel keine Ahnung, wie ich es anstellen soll. Experimentieren und das Ausarbeiten von Formen ist mein Lieblingsteil des Prozesses, und ich verbringe oft Stunden damit, Skizzen anzufertigen und mit Papier herumzuspielen.“ – Samantha Quinn

Links: Paper parrot as part of Selfridges 2020 Christmas window campaign
Rechts: Paper bins constructed and suspended around a living tree at Selfridges London as part of the brands 2020 #ProjectEarth campaign, beide von Samantha Quinn @squinnandco

Die Anzahl der Mitglieder ist auf 100 begrenzt, die Mitgliedschaft erfolgt nur auf Einladung. Das hat nichts mit Elitismus zu tun, sondern damit, dass Samantha und Kristine eine Grenze gezogen haben, mithilfe derer das Kollektiv gerade noch überschaubar und persönlich bleibt. Bei 100 Künstler:innen erkennen sie die Arbeit und den Stil jedes Mitglieds wieder. Neben dem hohen Niveau der Arbeiten ist ihnen bei der Aufnahme neuer Mitglieder auch wichtig, dass sie gut in die Community passen. Denn die ist offen, freundlich, solidarisch und hat keinen Platz für große Egos. Nachdem es nun auch zunehmend schwierig wird, die gesamte Organisation zu zweit zu bewältigen, helfen seit Kurzem auch andere Mitglieder aus – und das funktioniert. Dass Kristine und Samantha als Frauen die Führung im Kollektiv innehaben, ist für sie und die Community übrigens nichts Ungewöhnliches, sondern ganz normal – sie wünschten aber, das wäre für alle Menschen so selbstverständlich.

Etwas Besonderes ist es hingegen immer, wenn sie die Community für Kollaborationsprojekte zusammentrommeln: Für diese werden sie manchmal von Unternehmen angefragt, manchmal gehen sie selbst auf Unternehmen zu. Dann einigen sie sich auf ein Kreativ-Briefing und veröffentlichen dieses als Challenge auf ihrer Seite. Von den Mitgliedern, die mitmachen wollen, wählen sie 15 aus, die die Aufgaben auf ihre eigene Art interpretieren und lösen. Die Arbeiten, die dabei entstehen, finden sie jedes Mal aufs Neue überraschend und sind begeistert, wie Menschen, die über die ganze Welt verstreut sind, dieselbe Aufgabe mit demselben Material so unterschiedlich lösen können. Diese speziellen Projekte machen dem Paper Artist Collective viel Freude, und die Ergebnisse sind bemerkenswert.

„Ich habe verschiedene Techniken ausprobiert und experimentiere gerne ein bisschen. Aber den Scherenschnitt mag ich immer noch am liebsten. Mir gefällt das repetitive Schneiden, frei Hand. Das habe ich in der Vergangenheit auch oft genutzt, um mich zu entspannen – als eine Art Meditation. Am Anfang hatte ich viele Aha-Erlebnisse wegen des Papiers an sich, heute häufiger wegen der Arbeiten anderer Künstler:innen.“ – Kristine Braanen

Oben: „Snowball“, Collaboration project The Paper Artist Collective + Excel Blades
Unten: Untitled, beides von Kristine Braanen @kristinebraanen

Wie alle Künstlerinnen, deren Arbeiten Sie in diesem Beitrag sehen können, haben wir natürlich auch Kristine und Samantha gefragt: Wieso eigentlich Papier? Was gefällt ihnen so gut daran?„Mit Papier hat man unendliche Möglichkeiten, es ist so vielseitig – und trotzdem erschwinglich. Mir gefällt die riesige Auswahl an Gewichten, Texturen und Farben. Es ist auch wunderbar, mit einem nachhaltigen Material zu arbeiten – die Kundinnen und Kunden wünschen sich das und beauftragen mich deshalb. Den Zitronenbaum, den Papagei und die Mülleimer, die in diesem Beitrag zu sehen sind, hat ein bekanntes Kaufhaus in London in Auftrag gegeben, für das Nachhaltigkeit zu den Grundwerten gehört“, antwortet Samantha.

„Das ist auch für Samantha und mich persönlich ein wichtiges Thema“, ergänzt Kristine. „Wir werfen Reste nicht weg, es gibt immer etwas, das man noch mit ihnen machen kann – wenn wir etwas wirklich nicht mehr verwenden können, wird es recycelt. Wir haben ein Bewusstsein dafür, welches Papier wir kaufen und wie viel. Ich schätze Papier im Übrigen ebenfalls dafür, dass es simpel und günstig ist – und man trotzdem alles damit machen kann. Als ich anfing, hatte ich großen Spaß daran, all die verschiedenen Papiere zu entdecken, ich hatte keine Ahnung, dass es so viel gibt. Für mich hat die Arbeit mit Papier aber auch einen starken meditativen Aspekt, es hilft mir, mich zu entspannen. Ich mag es, dass sich Papier wie ein ruhiges Medium anfühlt.“

„Warum verwenden Künstler:innen ein bestimmtes Medium? Weil sie es mögen. Ich habe Papier schon immer gemocht, es war eine natürliche Entwicklung, angefangen bei Müslischachteln, Klopapierhülsen und allen Kartons, die ich finden konnte. Meine Skulpturen wurden immer komplizierter und kleiner, je älter ich wurde, und mein Grafikdesignstudium hat meine Obsession mit gutem Papier nur noch verstärkt. Ich mag sogar die Einschränkungen, die es mir auferlegt. Es ist nicht so einfach, eine 3D-Skulptur aus Papier zu machen, da ist Mathematik im Spiel und Problemlösung. Ich mag diese Herausforderung.“ – Amy Mathers

Links: „Splash“, Northern Ireland Hospitality brochure with Usfolk
Rechts: „Turtle“, Foto von Karine Sharpe, beide von Amy Mathers @paperamy

Im Online-Shop des Paper Artist Collective wird im Moment leider nichts angeboten, doch man munkelt, sie würden gerade an einem Charity-Kalender für 2022 arbeiten, und dass er fabelhaft werden und ab Juni erhältlich sein wird. Der Erlös wird für einen guten Zweck gespendet. Möglicherweise werden sie in Zukunft auch ihre beliebten Scherenschnitt-Sets für Anfänger:innen wieder anbieten, das wissen sie noch nicht genau. Aber vielleicht möchten Sie es dann auch einmal mit meditativem Scherenschnitt versuchen, nachdem Sie nun gesehen haben, was mit Papier alles möglich ist?

Titelbild: „Paper Leaves“, Art Direction sowie Paper Art & Set Design von Raya Sader Bujana @littlerayofsunflower, Foto von Leo García Méndez

Wie bewerten Sie diesen Artikel?
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Isabella Bigler

Isabella Bigler ist Redakteurin und Texterin. Für Nachhaltigkeit interessiert sie sich vor allem im Zusammenhang mit Tierrechten. Hier schreibt sie über nachhaltige Themen, die Vergangenheit und die Zukunft.

Themenverwandte Artikel

Papier vs. digital, Teil 1: Umwelt und Verständnis

Die Digitalisierung bestimmt unseren Alltag. Die Welt wird immer schnelllebiger. Doch es gibt eine Konstante, die auch in diesen Zeiten unerschütterlich wirkt: die Liebe zum Papier. Aber warum ist das so? Im ersten Teil der Reihe „Papier vs. digital“ vergleichen wir die beiden Medien hinsichtlich ihrer ökologischen Aspekte und werfen einen Blick auf Erkenntnisse der Leseforschung.

WAS SAGEN SIE ZU DIESEM THEMA?
DISKUTIEREN SIE MIT!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hier bloggt
unsere Redaktion
Alle Autor:innen

avatar for
avatar for
avatar for
avatar for
avatar for
avatar for
avatar for