Nachhaltigkeit – der ökologische Imperativ für das digitale Zeitalter

Der „digitale Wandel“, künstliche Intelligenz und Datenschutz (DSGVO) sind die bestimmenden Themen im Mittelstand und der Industrie. Doch sollten darüber nicht der „ökologische Wandel“ und Ressourcenschutz vergessen werden. Denn trotz der hohen Medien- und Diskussionspräsenz und Benchmarks, die verschiedenste Industrien gesetzt haben, einen Durchbruch kann Nachhaltigkeit noch lange nicht verbuchen. Obwohl die Deutschen spitze sind in Mülltrennung, Altpapiersammeln und Recycling, so liegt die Nation beim Ressourcenverbrauch weit über dem Durchschnitt. „Deutschland lebt auf Pump“,  titelte Welt online kürzlich und bezog sich auf Berechnungen der Forschungsorganisation Global Footprint. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren die Ressourcen in Deutschland aufgebraucht. „Von da an lebten die Menschen in Deutschland für den Rest des Jahres auf Kosten kommender Generationen.“

Der ökologische Fußabdruck – ungerecht verteilt

Die Entkoppelung von Ressourcennutzung und Wirtschaftswachstum ist eine Kernforderung nachhaltiger Programme in Politik und Wirtschaft. Führende Unternehmen, die sich zu Corporate Social Responsibility (CSR) verpflichten, setzen auf Lösungen, die in der gesamten Wertschöpfungskette den Prinzipien von Recycling, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit folgen. Viele Konsum- und Investitionsentscheidungen werden nach CSR-Kriterien getroffen. Dennoch leben die Deutschen über die Verhältnisse, die ihnen der „ökologische Fußabdruck“  zugesteht. Er berechnet die für den Pro-Kopf-Naturverbrauch benötigte Fläche und CO2, um die entsprechende Energie und Rohstoffe bereitzustellen. Im Sinne einer gerechten Verteilung von Ressourcen läge der „gerechte ökologische Fußabdruck“ (global Footprint) bei 1,9 Hektar. Der deutsche Fußabdruck ist allerdings 5,09 gha groß. In Bangladesch sind es dagegen nur 0,8 gha.

Ökologischer Stresstest – die Natur vorm Kollaps

Schon seit ein paar Jahrzehnten kommen die Ökosysteme mit der Bereitstellung von Biokapazitäten nicht mehr hinterher. Seit den 80er Jahren verbraucht die Weltbevölkerung mehr an Ressourcen, als die Erde „nachliefern“ kann. Die Folgen dieser Entwicklung sind der Klimawandel durch Erderwärmung und Ressourcenknappheit. Was das bedeuten kann, erleben wir bereits im Sommer 2018. Die lange Hitzewelle und Wasserknappheit schadet massiv der Landwirtschaft, die 50 bis 70 % an Einbußen bei den Erträgen in Kauf nehmen muss. Zu frühe Ernten, notwendiger Hinzukauf von Futtermitteln, da die geringen Grasbestände für die Nutztiere nicht reichen. Seen und Flüssen mit Niedrigwasser heizen auf 29 Grad auf – ab 27 Grad beginnt das Fischsterben. Spätestens 2030, so sehen es Wissenschaftler, wird es um die Ressource Wasser Kriege geben. Falls wir nicht vorher schon im Plastikmüll ersticken, der in Haushalten, Industrie und Gewerbe anfällt.

Unser ökologische Fußabdruck bedroht die Nachhaltigkeit.

Photo: Evie Shaffer via Unsplash

Entsorgung – ein kostenintensives Geschäft, das Verbraucher zu spüren bekommen

Das deutsche Entsorgungssystem gehört zu den teuersten der Welt. Die Entsorgung von Plastikmüll wird in Zukunft allerdings noch teurer. Jeder Deutsche produziert durchschnittlich 37 kg Plastikmüll pro Jahr allein aus Verpackungsmüll. Insgesamt fallen jährlich rund 6 Millionen Tonnen zu entsorgendem Plastikabfall an. Bisher musste ein Drittel des Plastikmülls wiederverwertet werden, ab 2019 soll der Wiederverwertungsanteil auf 63 Prozent angehoben werden. Allerdings hat die Entsorgungsbranche schon jetzt Probleme, die Plastikberge zu bewältigen, die zum Teil verbrannt, recycelt und exportiert werden. Auch weil China als einer der größten Exportmärkte für Deutschland und Europa seit Anfang 2018 für Altkunststoff die Grenzen geschlossen hat. Damit bricht ein wichtiger Finanzierungsbaustein für das Recyclingsystem weg, lässt der Handelsverband Deutschland verlauten. Die Entsorgungskosten für Kunststoffverpackungen sind in 2018 gegenüber dem Vorjahr bereits um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Kosten, die auf die Produktpreise umgelegt werden.

Differenzierte Hightech-Systeme für das Plastikrecycling gibt es noch nicht

Die unterschiedlichen Plastikmaterialien allein in der Lebensmittelindustrie müssen unterschiedlich recycelt werden. Doch Lösungen für ein Hightech-Recycling gibt es noch nicht. Als Maßnahme zur Plastikreduzierung sieht die EU vor, bis 2030 Einwegverpackungen abzuschaffen, Mikroplastikzusätze zu verbieten, wie sie in Duschgels oder Zahnpasta verwendet werden und wiederverwertbare Plastikverpackungen sollen auf den Markt kommen. 

Umwelt und Ressourcen gehen uns alle an

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde,“ schrieb der deutsche Philosoph Immanuel Kant 1785 in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Er formulierte damit einen der wohl prägendsten Sätze für die Gemeinwohlorientierung. Jeder ist ein Teil des Umweltproblems und des übermäßigen Ressourcenverbrauchs. Klimawandel, der katastrophale Zustand von Meeren, die Luftqualität lassen sich nicht allein politischen Gremien und der Industrie zuschieben. Konsumenten sind ein wesentlicher Baustein in der Müllproduktion und sind mit verantwortlich für die Überlastung der Entsorgungsindustrie. Der ökologische Wandel muss im Kopf der Konsumenten beginnen. Verbraucher, die nachhaltige Produkte fordern, werden den Angebotsmarkt entsprechend prägen.

Unternehmen wollen Nachhaltigkeit, können aber nicht

Die Beratungsgesellschaft Baker Tilly führte gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Internationale Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung der TU Dortmund eine Studie bei 229 mittelständische Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit und dessen Stellenwert durch. Als Ergebnis fasst Martin Weinand, Partner bei Baker Tilly und Co-Autor der Studie zusammen: „Die meisten mittelständischen Unternehmen wollen – können aber nicht (…) Es fehlt die verbindliche Orientierung, so wie sie in anderen Unternehmensbereichen vorgegeben ist, wo es primär und unmittelbar um Profitabilität geht.“ Doch dies ist mit Blick auf knapper werdende Ressourcen sekundär. Verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen, ihren Fortbestand zu sichern und die Potenziale von Recycling und Kreislaufwirtschaft zu nutzen, sichert Produktivität und Wirtschaftlichkeit. Hier kann selbst die Digitalisierung Vorteile bieten. „Die Digitalisierung aller möglichen Industrie und Lebensbereiche geht mit enormem Potenzial für Effizienzsteigerung einher. Einerseits kann Digitalisierung die Ressourcen- und Energieeinsparung erhöhen, etwa wenn Verkehrsmittel intelligent vernetzt werden oder Industrien weniger Abfall produzieren,“ schreibt Tilman Santarius, Nachhaltigkeitsforscher an der Technischen Universität Berlin, in seinem Blog „Digitalisierung: Chancen und Risiken für die Nachhaltigkeit?“

Photo: Bryan Minear via Unsplash

Ressourcenschutz fängt beim Papier an

Ressourcenschutz lässt sich auch indirekt umsetzen und dennoch als Nachweis in der CSR Berichtspflicht aufzählen, u.a. durch die Förderung der ökologischen Wertschöpfung, die Industrien mit einer nachhaltigen Beschaffungs-, Herstellungs- und Lieferkette erzielen. Wie die Verwendung von Recyclingpapier für Drucker und Kopierer. Die Einspareffekte bei Holz, Wasser- und Energieverbrauch sowie beim CO2-Ausstoß sind überdurchschnittlich und tragen zum Erhalt des ökologischen Gleichgewichts bei. Wenn 18 Millionen Büroangestellte, die im Schnitt täglich 25 Blatt Papier ausdrucken, ausschließlich Recyclingpapier aus 100 Prozent Altpapier verwenden, müsste man sich erheblich weniger um die Wälder sorgen. „Pro Stunde werden weltweit Bäume auf einer Fläche von rund 500 Fußballfeldern gefällt. Die Hälfte davon wird zu Papier verarbeitet“,  heißt es in dem Stern online Beitrag „Wie Amazon den Papiermüll vermüllt.“

Nachhaltigkeit sollte der „ökologische Imperativ“ für Verbraucher und Industrien sein, die auch für die nächsten Generationen den nötigen Bedarf an Ressourcen sichern wollen. Es ist ein globales Thema, doch Deutschland kann auch hierin spitze werden.

 

 

Quellen:

Titelbild: dan carlson via Unsplash

Helmut Bündner: Grenzen des Recycling: Deutschland versinkt im Plastikmüll, FAZ net, 05.01.2018, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/deutschland-versinkt-im-plastikmuell-15374075.html

Deutschland lebt auf Pump: Ressourcen für 2018 verbraucht; Welt online, https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article175971951/Deutschland-lebt-auf-Pump-Ressourcen-fuer-2018-verbraucht.html

Ressourcenknappheit, Klimawandel und Ökologischer Fußabdruck; http://www.going-green.info/themen/konsum/ressourcenverbrauch/

Christoph Fröhlich und Christian Krug: Altpapier: Wie Amazon den Papiermüll vermüllt, Stern Spezial, 18.April 2018: https://www.stern.de/wirtschaft/muell/altpapier-wie-amazon-den-papiermuell-vermuellt-7879824.html

Doku / planet e.-Deutschland macht Müll, 28.01.2018, zdf online; https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-deutschland-macht-muell-100.html

Plastikmüll Zahlen, Fakten & Studien 2017/2018; https://www.careelite.de/plastik-muell-fakten/

Tilman Santarius, „Digitalisierung: Chancen und Risiken für die Nachhaltigkeit?“ http://n21.press/digitalisierung-chancen-und-risiken-fuer-die-nachhaltigkeit/

Nachhaltigkeit: Deutschem Mittelstand fehlt Orientierung, Pressemitteilung Baker Tilly, 30.08.2017, https://www.bakertilly.de/aktuelles/presse/detailansicht/nachhaltigkeit-deutschem-mittelstand-fehlt-orientierung/

 

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Klaus E. Jopp

Klaus E. Jopp ist PR- und Marketingfachmann, Buchautor und Blogger. Er schreibt zu den Bereichen Digitalisierung, Marketing 4.0, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Medizin. Dem gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und philosophischen Aspekt der Themen gilt sein besonderes Interesse.

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