Mission Mars: Liegt die Lösung für irdische Müllberge im All?
Der Aufbruch zu den Sternen zwingt uns, radikal umzudenken – und liefert dabei die Blaupause für eine nachhaltige Zukunft auf der Erde.
Der Drang der Menschheit, zu neuen Welten aufzubrechen, ist so alt wie die Seefahrt. Doch wenn wir uns eine Zukunft auf dem Mars ausmalen, sollten die Fehler von heute nicht im Gepäck sein. Ein Blick in den Orbit genügt, um zu sehen, was passiert, wenn wir es doch tun. Nach Schätzungen der Europäischen Weltraumorganisation ESA umkreisen über 10.000 Tonnen Weltraumschrott die Erde – ein Friedhof ausgedienter Satelliten und Raketenstufen. Auf dem Mond befinden sich schätzungsweise 200 Tonnen an menschengemachten Objekten, die dort im Laufe der Jahrzehnte zurückgelassen wurden. Ein Aufbruch zum Mars kann nur gelingen, wenn wir eine unserer größten irdischen Sünden von Anfang an vermeiden – den Müll.
Die Bedingungen auf dem Roten Planeten sind extrem. Es gibt keine uns bekannten Ressourcen, keine Atmosphäre zum Atmen und erst recht keine Müllabfuhr. Jedes Kilogramm Fracht kostet zudem ein Vermögen. Überleben ist nur in einem perfekten Kreislauf möglich, in dem Abfall als der einzige verfügbare Rohstoff angesehen wird. Die US-Raumfahrtbehörde NASA treibt im Rahmen ihrer „In-Situ Resource Utilization“-Strategie gezielt Technologien voran, die aus Vorhandenem Neues erschaffen.
Drei Konzepte stehen dabei im Fokus:
- Der Recycling-Drucker: Auf der Internationalen Raumstation ISS wird bereits mit dem sogenannten Refabricator experimentiert. Er schmilzt Kunststoffabfälle wie Verpackungen oder alte Bauteile ein und wandelt sie in druckfähiges Filament um. Aus diesem Müll entstehen dann per 3D-Druck dringend benötigte Ersatzteile, medizinische Schienen oder individuell angepasste Werkzeuggriffe.
- Sauerstoff aus CO₂: Das Instrument MOXIE an Bord des NASA-Rovers „Perseverance“ hat erfolgreich bewiesen, dass man Sauerstoff mittels Elektrolyse aus der dünnen, CO₂-reichen Marsatmosphäre gewinnen kann. Für eine Crew bedeutet das: Die eigene ausgeatmete Luft wird zur Quelle für frischen Sauerstoff.
- Biologische Kreisläufe: Auch hier liefert die ISS das Vorbild. Im „VEGGIE“-Gewächshaus wird bereits erfolgreich Salat angebaut. Auf dem Mars könnten künftig aufbereitete organische Abfälle als Dünger für solche Systeme dienen. Aus Abfall entsteht so nicht nur Leben, sondern auch ein Stück psychologischer Normalität in Form frischer Nahrung.
Diese Innovationen sind aber mehr als nur Überlebensstrategien für eine Handvoll Astronauten. Sie können Blaupausen sein für eine nachhaltigere Zukunft auf der Erde. Recycling-Drucker könnten lokale Ersatzteilproduktion ermöglichen und globale Lieferketten entlasten. Technologien zur CO₂-Umwandlung sind ein entscheidender Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. Und geschlossene Nährstoffkreisläufe inspirieren bereits heute Konzepte für urbane Landwirtschaft („Vertical Farming“) und effizientere Ressourcennutzung.
Der Wettlauf zum Mars ist in vollem Gange, und eine Lösung für das Müll- und Ressourcenproblem ist ein zentraler Aspekt. Die Forschung dazu läuft auf Hochtouren. So wird das größte Abenteuer der Menschheit vielleicht zu ihrer größten Chance: für eine Zukunft ohne Müll – auf dem Mars wie auf der Erde.
Titelbild: Zelch / Pexels