„Bienenwachstücher sind eine Bewusstseinsbildung“

Heute sind Bienenwachstücher in aller Munde. Doch als Rosa Binder ihren Mann Benedikt Wurth 2014 bittet, ein Bienenwachstuch für sie zu machen, sind die Öko-Tücher in Europa noch weitgehend unbekannt. Hier erzählt das Paar aus dem Waldviertel in Österreich, was bei der Entwicklung besonders wichtig war – und warum das Jausnwrap mehr als nur ein Produkt ist.

2014 schwärmte Rosas Schwester begeistert von Bienenwachstüchern aus Amerika. Rosa war sofort fasziniert und wollte unbedingt auch eins haben. Aus den USA zu bestellen kam jedoch nicht infrage. Schließlich gilt bei Rosa und Benedikt auch sonst: Was man selbst machen kann, das wird auch selbst gemacht. Außerdem war ihnen Bienenwachs als Werkstoff bereits vertraut. Schon Benedikts Großvater und Vater waren Imker, Großmutter und Mutter verkauften selbst gemachte Bienenwachskerzen. So auch Benedikt, wobei er sich zuletzt vor allem für die Herstellung von Ohrenkerzen begeistern konnte. Sehr praktisch, denn damit waren Baumwollstoff und Wachs für die Bienenwachstücher schon im Haus. 

Bienenwachstücher halten Lebensmittel frisch und genießbar – ganz wie Plastikfolie, nur eben ohne den Einsatz von Erdöl.
 „Am Anfang war das ganz schön viel Tüftelei.“ Benedikt Wurth

Der Plan, ein Unternehmen zu gründen, entwickelte sich erst allmählich, und so vergingen von der Idee bis zum Business zwei Jahre. Es ging den beiden schließlich nie darum, Karriere zu machen oder Reichtum anzuhäufen. Mehr haben, mehr verdienen – Wachstum, Wachstum, Wachstum, die Grundsäulen kapitalistischen Handelns –, für Benedikt und Rosa zweitrangig. Stattdessen gehen sie immer mit einer gewissen sorglosen Leichtigkeit an neue Projekte – auch in finanzieller Hinsicht. Wenn zeitweilig weniger Geld reinkommt, dann geben sie eben weniger aus. Viel wichtiger als Businessplan und Co. war ihnen die Wahl der „richtigen“ Rohstoffe. Regional sollten sie sein, nachhaltig produziert, frei von Schadstoffen, und nicht zuletzt sollte der Honig aus artgerechter Bienenhaltung stammen. „Wir wollten auf keinen Fall noch ein weiteres Produkt auf den Markt bringen, nur um ein weiteres Produkt auf den Markt zu bringen. Uns war enorm wichtig zu hinterfragen, worin die Wertschöpfung liegt, und es anders – vielleicht sogar besser – zu machen“, betont Benedikt. 

„Bei den Rohstoffen genau hinschauen – ein Muss bei der Produktion von Bienenwachstüchern, wenn das Produkt ernst genommen werden soll.“ Rosa Binder

Damit begann die Suche nach den „richtigen“ Erzeuger_innen, die entsprechende biologische Zertifizierungen nachweisen können – angefangen bei den Imker_innen. Für ein Kilo Bienenwachs muss ein Bienenvolk im Schnitt ein Jahr schuften. Werden große Mengen Bienenwachs gebraucht, heißt das jede Menge Bienenvölker. Da macht es einen großen Unterschied, ob das Bienenwachs von anonymen Imker_innen aus Neuseeland oder Irmi aus Österreich kommt. Benedikt und Rosa kennen wirklich jede Imkerin und jeden Imker persönlich und können so sicher sein, dass die Tiere artgerecht behandelt werden. Außerdem gehen mit der Regionalität kurze Transportwege einher, was sich natürlich ebenfalls auf den ökologischen Fußabdruck des Produkts auswirkt. „Die Rückverfolgbarkeit bei Jausnwrap geht so weit, dass wir Kundinnen und Kunden anhand der Chargennummer aufzeigen können, von welcher Imkerin oder welchem Imker das Bienenwachs von genau ihrem Tuch stammt“, erklärt Rosa.  

Auch die Wolle für das Jausnwrap kommt nicht vom Weltmarkt, sondern aus einer Weberei in Deutschland. Die Baumwolle stammt aus Kirgisistan und Uganda. Die Weberei hat mit den dortigen Betrieben schon seit zwanzig Jahren Kontakt. Foto (rechts): Bianca Ackermann/Unsplash
„Als Vorreiter hatten wir es manchmal wahrscheinlich schwerer als die, die in unseren Fußstapfen gefolgt sind“, sagt Benedikt Wurth.

Die Produkt- und Prozessentwicklung der Bienenwachstücher war für das Gründerteam nicht immer einfach. Das lag auch an den rechtlichen Auflagen. Gerade weil sie in Europa die Ersten waren, waren die Behörden besonders argwöhnisch. Zum Beispiel beim Thema Sichtfenster. Das ist nämlich eigentlich nicht erlaubt, da Verunreinigungen an das Tuch gelangen könnten. „Manchmal muss ich dann schon schmunzeln, wenn ich das bei anderen Herstellern sehe“, gibt Benedikt zu. Als schlimm empfanden sie den behördlichen Fokus jedoch nicht. „Das war zwar einerseits nicht immer leicht, andererseits konnten wir so sicher sein, wirklich allen Verordnungen und Vorschriften gerecht zu werden und ein einwandfreies Produkt auf den Markt zu bringen. Das bedeutet Sicherheit für unsere Kund_innen, aber auch für uns als Produzenten“, erklärt Rosa. So gelten für die Produktion von Jausnwrap die gleichen Hygienevorschriften wie in der Lebensmittelindustrie. Außerdem wird jede Charge auf Giftstoffe geprüft. Das fängt bei den Rohstoffen an, denn auch wenn beispielsweise das Wachs von Bio-Imker_innen stammt, könnten die fleißigen Bienen von konventionell beackerten Feldern Pestizide in den Stock getragen haben. Auch die Farbe auf den Tüchern kann insofern heikel sein, als dass Wachs Stoffe aufnehmen und weitergeben kann. Rosa gibt jedoch Entwarnung: „Alle Baumwollstoffe sind nach IVN Best zertifiziert – von der Ernte bis zum Druck. Und um ganz sicherzugehen, werden unsere Bienenwachstücher vom Material bis zum Endprodukt im Labor geprüft, geprüft und noch mal geprüft.” 

Bio-Baumwolle nach IVN Best ist eine noch strengere Zertifizierung als das öfter vorkommende GOTS. Eine Zertifizierung nach IVN Best bedeutet:

  • kein Einsatz von Pestiziden, Insektiziden und Kunstdünger
  • keine Rückstände in den daraus hergestellten Textilien
  • kein Auslaugen der Böden durch Monokulturen
  • keine genmanipulierten Sorten
  • langfristiger Erhalt der Fruchtbarkeit des Bodens
  • Berücksichtigung von sozialen Kriterien

hhh

Benedikt und Rosa sind sich einig, dass die Menschheit ohne die Bestäubungsleistung der Honigbiene verloren wäre. Doch durch Luftverschmutzung, Pestizide und den Verlust der Biodiversität gibt es immer weniger bestäubende Insekten im natürlichen Raum. Solange die Bienen artgerecht gehalten werden, ist für die beiden deshalb die Nutzung von Bienenwachs nicht nur vertretbar, sondern trägt gar zum Schutz unseres Planeten bei.
„Die Begeisterung war einfach der Wahnsinn – das hat uns sehr gepusht.“ Benedikt Wurth 

Für ihren ersten Designmarkt hatten Benedikt und Rosa nur eine relativ bescheidene Menge an Wachstüchern und Flyern im Gepäck – schließlich wussten sie noch nicht, wie groß der Anklang sein würde. Nie hätten sie damit gerechnet, nach zwei Stunden ausverkauft zu sein. Aber genau so kam es. Am meisten schwärmen beide noch heute davon, mit wie viel Begeisterung die Tücher angenommen wurden. „Die Unsicherheit vorher war groß, deshalb der Menschenandrang umso überraschender und schöner“, sagt Benedikt. Der Austausch mit ihren Kund_innen ist ihnen sehr wichtig. Fragen und Rückmeldungen bearbeiten sie persönlich. Das meiste Feedback ist positiv. Aber auch konstruktive Kritik nehmen sie gern an – schließlich ist nichts auf der Welt nur schwarz oder weiß. Worüber Benedikt sich trotzdem manchmal wundert, ist die häufige Sorge, es könnten Pestizide im Wachs sein. „Wir vergiften die ganze Welt und denken dann bei den natürlichsten Dingen, dass sie uns mit Giftstoffen krank machen könnten. Die Konsequenz sollte nicht sein, kein Wachs zu verwenden, sondern die Landwirtschaft zu verändern“, sagt er und wird dabei sehr ernst.

„Wir produzieren nach wie vor auf unserem heimischen ehemaligen Bauernhof. “ Rosa Binder 

Bei der Herstellung werden die sorgfältig ausgewählten Baumwollstoffe in ein Wachsbad getaucht. Neben Bienenwachs enthält dies antibakteriell wirkendes Baumharz von der Schwarzföhre und Sonnenblumenöl aus der Region. Andere Hersteller verwenden Jojobaöl für ihre Bienenwachstücher – oftmals aus Israel. Das bringt zwar viele positive Eigenschaften mit sich, doch per Gesetz ist es in Österreich und Deutschland eigentlich nicht als Lebensmittelkontaktmaterial zugelassen. Jedes Unternehmen kann prinzipiell diese Zulassung bei der staatlichen Behörde urgieren. Doch warum den langen Weg mit unklarem Ausgang gehen, wenn eine gute Alternative so nahe liegt? 


Zur Keimreduktion das Jausnwrap auf eine Backfolie legen und bei 75 Grad für 5 Minuten ins Backrohr schieben. Bienenwachs bildet bei Kälte oder langer Lagerung weiße Flecken. Bei Wärme oder unter lauwarmem Wasser verschwinden sie ganz schnell.
„Wofür ich es gern verwende? Die Frage ist eher: Wofür verwende ich es nicht gern?!“ Rosa Binder

Eigentlich heißt Jausn so viel wie Brotzeit/Stulle. Doch egal ob Kühlschrank, Gefriertruhe, Brotfach –  in der ganzen Küche von Benedikt und Rosa sind Lebensmittel in Jausnwrap eingeschlagen. Einzig Lebensmittel, die hygienisch heikel sind, wie rohes Fleisch, sollte man meiden. Insgesamt hilft es dabei, achtsamer zu sein mit den Lebensmitteln, die man einpackt. Benedikt und Rosa hoffen, dass ihre Kund_innen so auch wieder einen stärkeren Bezug zu Nahrungsmitteln erhalten und lernen, wie lange etwas haltbar ist, statt sich unreflektiert nach Ablaufdaten zu richten.

„Beim Rumprobieren merkt man schnell, inwieweit das Tuch den gewünschten Zweck erfüllt.“ Benedikt Wurth

Benedikt und Rosa ist klar, dass es Menschen gibt, für die Bienenwachstücher nichts sind – und das ist auch okay so. Denn nicht jede Kundin und jeder Kunde hat die gleichen Vorstellungen und Wünsche. Das gilt auch für die Haltbarkeit. Die einen verwenden das Bienenwachstuch ein Jahr lang und finden es dann nicht mehr ansehnlich genug, während die anderen nach drei Jahren noch Freude daran haben. Definitiv überschritten hat das Jausnwrap seine Lebenszeit, wenn es einmal mit Schimmel in Kontakt kam, es unangenehm riecht oder Verschmutzungen erkennbar sind, die sich nicht mehr beseitigen lassen. Kleiner Tipp: Das alte Bienenwachstuch dann einfach als Grill- oder Kaminanzünder verwenden. Funktioniert nicht nur gut, sondern duftet auch prima.

„Wenn jemand Pech hatte, ein Lebensmittel ist darin verschimmelt und das Tuch ist nicht mehr zu gebrauchen, dann schicken wir ein neues zu. Schließlich wollen wir, dass unsere Kund_innen lange Freude am Jausnwrap haben.“ Rosa Binder

Bisher gibt es keine Klima- oder Ökobilanz, die zeigt, wie sich Bienenwachstücher im Vergleich zu Frischhaltefolie schlagen. Prinzipiell gilt: Je länger das Tuch in Benutzung ist, umso besser schneidet es ab. Dafür ist eine gute Pflege besonders wichtig. Wenn man es nicht benutzt, sollte man es am besten in der Verpackung aufbewahren. Bei öligem Schmutz mit ganz wenig Seife die Oberfläche abwischen. Wenn das Jausnwrap ein paar Brösel abbekommen hat, empfiehlt sich das Waschen mit ganz kaltem Wasser. Dadurch wird es recht hart und lässt sich leichter reinigen. Spül- und waschmaschinenfest ist es – natürlich – nicht.

„Zu einer Massenware werden Bienenwachstücher hoffentlich nie.“ Benedikt Wurth

Wie sich der Verpackungsmarkt in Zukunft entwickeln wird? Die beiden sind sich sicher, dass die Diskrepanz zwischen dem, was die Kund_innen verlangen, und dem, was der Markt liefern kann, immer größer werden wird. Schon allein weil viele, zum Teil auch sinnvolle Gesetze es an vielen Stellen nicht erlauben, auf die Verpackung zu verzichten. Das Bienenwachstuch kann und soll diese Lücke nicht schließen. „Schließlich ist es mehr als nur eine Verpackung“, erklärt Benedikt. „Bienenwachstücher sind Bewusstseinsbildung. Das ist ihre Nische, und dort dürfen sie es sich auch gern bequem machen.“ Sie begrüßen es deshalb umso mehr, dass vielerorts an innovativen Alternativen geforscht wird. 

Seit den Anfängen 2014 sind viele Jahre vergangen. Langweilig ist es nicht geworden. Vielleicht auch, weil ihr Bienenwachs-Business kaum Züge eines typischen 9-to-5-Bürojobs trägt. Eher Phasen, in denen bestimmte Aufgaben erledigt werden müssen und an manchen Tagen mehr Zeit einnehmen als sonst, zum Beispiel wenn produziert und gepackt werden muss. Dann kommt die ganze Familie zusammen und hilft mit. An anderen Tagen plant das Paar die nächsten Monate: Fotos machen, sich auf Messen vorbereiten, Kundenfeedback beantworten. Benedikt und Rosa genießen diese Flexibilität und Freiheit. Wenn sie auf Knopfdruck weltweit etwas ändern könnten, würden sie gern in allen Menschen ein Bewusstsein dafür wecken, wie die Dinge zusammenhängen.

Bilder: Jausnwrap

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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