Mehr als nur kurze Wege: Was die 15-Minuten-Stadt wirklich bedeutet
Für die einen eine urbane Utopie, für andere die große Chance, Metropolen nachhaltig lebenswerter zu machen. Ein Blick auf das Konzept der „15-Minuten-Stadt“.
Die „15-Minuten-Stadt" klingt wie ein gut gemeintes Versprechen, das überall auf der Welt mittlerweile in aller Munde ist. Die Vision, alle täglichen Besorgungen in einer Viertelstunde zu Fuß oder mit dem Rad erledigen zu können, klingt verlockend. Doch oft wird das Konzept missverstanden. Der überzeugte Urbanist Carlos Moreno formulierte die Idee, bei der es um eine Neuinterpretation des städtischen Raumes und dessen Nutzung geht. Der Klimawandel und die Folgen der Corona-Pandemie verschaffen Morenos Ansatz weltweit Gehör.
Vom Konzept zum Ergebnis
Um die Idee zu durchdringen, müssen das grundlegende Konzept und die konkrete Umsetzung betrachtet werden, findet auch Zukunfts- und Mobilitätsforscher Dr. Stefan Carsten. "Die 15-Minuten-Stadt wie sie von Carlos Moreno gedacht und zum Beispiel in Paris politisch genutzt wird, ist ein Konzept", so Carsten. "Aber das, was wir uns alle wünschen – die lebenswerte Stadt – ist das Ergebnis." Um dorthin zu gelangen, braucht es radikale Veränderungen, unter anderem ganz konkrete Entscheidungen zum Umgang mit Flächen, die den Menschen Raum zurückgeben. Sonst, so der Experte, der sich mit dem Konzept immer wieder in seinem jährlich erscheinenden `Mobility Report’ auseinandersetzt, bleibt es beim Status quo: ein homogener Siedlungsbrei mit getrennten Zonen für Wohnen, Arbeit und Einkauf.
Ein neues Modell für Gesellschaft und Wirtschaft
Die 15-Minuten-Stadt soll daher weit mehr sein, als nur ein stadtplanerisches Schlagwort. Stefan Carsten beschreibt sie als ein ganzheitliches "Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell“, da sie die Frage in den Diskurs stellt: “Was brauche ich täglich und welche Wege muss ich dafür zurücklegen?" Arbeit, Einkauf, Schule, Arzt, der Park zur Erholung – wenn all das in der Nähe liegt, werden plötzlich andere Werte zur Währung: Quality-Time, also Zeit als Ressource für individuelle Lebensqualität, gewinnt an Bedeutung, Nähe wird zum neuen Wohlstand.
Dass dieser Wandel auch die Wirtschaft erreicht hat, zeigt das Beispiel des Metro Campus in Düsseldorf. Der Handelskonzern baut seinen eigenen Unternehmensstandort zu einem offenen, multifunktionalen Quartier um. "Unternehmen sind gezwungen, in einem sich verändernden Umfeld attraktiv zu bleiben", analysiert Carsten. “Schon ein Standort in der inneren Peripherie einer Stadt, scheint dafür nicht mehr zu taugen." Die Konsequenz: Unternehmen schaffen selbst die attraktive, erreichbare Umgebung, die sie für ihre Mitarbeiter benötigen.
Was haben Stadt und Bewohner davon?
Die Vorteile beginnen beim Einzelnen: Wer weniger Zeit mit Pendeln verbringt, gewinnt wertvolle Lebenszeit, und wer aufgrund kurzer Wege öfter zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein kann, tut aktiv etwas für die eigene Gesundheit. Dieses veränderte Verhalten im Kleinen hat große Auswirkungen auf die Gemeinschaft. Lokale Geschäfte florieren, weil die Kaufkraft im Viertel bleibt, und die soziale Interaktion auf Straßen und Plätzen stärkt die Identifikation mit dem eigenen 'Kiez'. Darüber hinaus führt das Konzept zu mehr sozialer Gerechtigkeit, da eine gute Erreichbarkeit nicht länger vom Besitz eines Autos abhängt. Schließlich, auf einer übergeordneten Ebene, macht dieser Wandel die gesamte Stadt als System resilienter. Ein Netzwerk aus kurzen Wegen ist weitaus weniger störanfällig als komplexe Pendlerketten, die bei der kleinsten Störung im Verkehrssystem zu kollabieren drohen.
Die Pioniere im Check: Vier Städte, vier Wege
Weltweit verfolgen Metropolen Konzepte, die mit der „15-Minuten-Stadt“ überschrieben sind. Doch werden unterschiedlichste Wege zum Ziel genutzt, und wie sich zeigt, sind die 15 Minuten auch eher als ein Richtwert zu verstehen.
- Paris: Der politische Wille zur Transformation Bürgermeisterin Anne Hidalgo machte 2020 die "ville du quart d'heure" zu ihrem zentralen Wahlversprechen und setzte es um. Über 1.000 Kilometer Radwege wurden bis heute geschaffen, unzählige Parkplätze in Grünflächen oder Begegnungszonen umgewandelt und vor über 200 Schulen "Schulstraßen" eingerichtet, die temporär für den Autoverkehr gesperrt sind.
- Barcelona: Die radikale Flächenumverteilung Mit seinen "Superblocks" (Superilles) geht Barcelona bereits seit 2016 einen Schritt weiter. Mehrere Häuserblocks werden zusammengefasst, der Durchgangsverkehr verbannt. Der Lärmpegel sank um bis zu 5 Dezibel, die Stickoxid-Belastung um über 40 %. Innerhalb der Blöcke wurden zudem 70 % der Verkehrsfläche für Menschen zurückgewonnen.
- Melbourne: Grüne Achsen und Nachbarschaft Unter dem Titel "20-Minute-Neighbourhoods" fokussiert sich die australische Metropole auf die Schaffung sicherer Fuß- und Radwege sowie die systematische Begrünung von Verkehrsachsen. Das Ziel ist klar definiert: Alle wichtigen Alltagsziele sollen für die Bewohner in einem 20-minütigen Radius erreichbar sein.
- Bogotá: Gerechtigkeit durch Anbindung In der kolumbianischen Hauptstadt überwinden kurze Wege soziale Gräben. Mit dem Projekt "Barrios Vitales" (Vitale Viertel) werden ehemalige Durchgangsstraßen in lebendige Nachbarschaftszentren transformiert. Das Seilbahnsystem "TransMiCable" verbindet diese Viertel in nur 13 Minuten mit dem Hauptverkehrsnetz und macht damit Bildungseinrichtungen und Arbeitsplätze für Hunderttausende erst wirklich erreichbar.
Von der 15-Minuten-Stadt zur "Adaptiven Stadt"
Geht es nach Stefan Carsten, ist die „15-Minuten-Stadt“ nur ein Etappenziel. Die logische Weiterentwicklung manifestiert sich in der "adaptiven Stadt". Er meint damit eine Stadt, die nicht nur kurze Wege plant, sondern ihre Räume in Echtzeit auf die Bedürfnisse der Menschen anpasst. Ein und dieselbe Fläche kann morgens sicherer Schulweg, nachmittags belebter Marktplatz und abends ein Ort der Begegnung sein. Dazu benötigt es neben dem politischen auch den gesellschaftlichen Willen. Demgegenüber stehen jedoch auch kritische Stimmen, die vor einer sozialen Verdrängung durch steigende Mieten und Bevormundung warnen oder die Erreichbarkeit für Handwerk und Logistik durch Straßenumwidmung gefährdet sehen. Für Carsten überwiegen die Vorteile einer immer lebenswerteren Stadt jedoch deutlich. "Die Frage“, findet er, „ist nicht ob, sondern wann wir anfangen, den Stadtraum wirklich mehrfach zu nutzen."
Titelbild: Valentin Ilas / Pexels