Zwischen der Magie des Papiers und Macht des Digitalen – ein Essay

Das Wunderbare am Stöbern in Buchhandlungen mit Coffee-Shop und realer Lesekundschaft ist das Überraschungsmoment. Wenn mir plötzlich ein Buch in die Hände fällt, dessen Publikation komplett an mir vorbeiging, obwohl es, wie es neudeutsch so schön heißt, für mich „relevant“ ist. Wie „Weiße Magie – die Epoche des Papiers“ von Lothar Müller, Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin und Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Die Vorherrschaft des Papiers als „Bild- und Zeichenträger neige sich dem Ende zu“, schreibt Lothar Müller mit Bezug auf den französischen Philosophen Derrida. Es rückt von seiner „Schlüsselposition“ ab. Es überlässt den digitalen Medien mehr und mehr Anteile von seiner zivilisatorisch verankerten Anerkennung und Macht. Papier hat und hatte eine exekutive Kommunikationsmacht, indem papierbasierte Trägermedien wie Zeitungen verbreiteten, was die Welt wissen musste und Gesetzesblätter, -texte und-bücher festlegen, was Recht und Ordnung ist. Papier als legitimiertes Verlautbarungsorgan – diese Rolle nehmen ihm digitale Formate immer mehr ab.

Die Vorherrschaft des Papiers als „Bild- und Zeichenträger neige sich dem Ende zu“, schreibt Lothar Müller mit Bezug auf den französischen Philosophen Derrida. Es rückt von seiner „Schlüsselposition“ ab.

Befreiung von Schreibkrämpfen durch die Kraft der Elektronik

Der Titel „Weiße Magie“ weckte meine Neugier. Auch, weil ich von einer sowohl analogen als auch digitalen Kommunikations- und Schreibkultur geprägt wurde. Die Frage nach dem Fortbestand von Papier und Gedrucktem in der digitalen Zukunft beschäftigt mich umso mehr, als das Medium Papier ein bedeutender pädagogischer Wegbegleiter in meinem Leben war. Angefangen bei den ersten unbeholfenen Schreibversuchen und Kritzeleien zunächst auf der Schiefertafel, dann der Switch zu Heft und Bleistift, später zum Füller – nicht ganz ohne kleine Kollateralschäden mit Tinte und Löschblatt zu verursachen. Im Studium war es dann der Collegeblock. Für Exzerpte und Konzepte wurde von mir meterweise Papier genutzt. Bis dann die IBM Kugelkopfschreibmaschine und der Personal Computer die Handgelenke von Krämpfen befreite, aber auch eine neue Geschwindigkeit und neue Ästhetik ins Schreiben brachte. Keine umständlichen Tipp-Ex-Quälerei und keine Wutanfälle mehr, weil die Fußnoten auf der Seite nicht hinhauten. Das Schreiben wurde der Ordnung und den Regeln der Elektronik unterworfen – in Echtzeit Texte produzieren, korrigieren und in alle möglichen Multi-Channel-Richtungen distribuieren zu können, kam einer Kulturrevolution gleich.

Die Kulturrevolution – Papier verliert seine Schlüsselposition

Schreiben findet heute mehr und mehr im öffentlichen Raum des Internets statt. Tweets, Posts, Meinungen, Empfehlungen, Blogs, Foren. Wer daran teilnimmt, kann multifunktional agieren – als Content-Produzent, als Rezipient von Inhaltsangeboten, als „Verleger“ von Manuskripten über Print-Demand-Services. Sich potenziell als Medienmarke zu positionieren, Fans, Abonnenten und Reichweite zu gewinnen, die Chance besteht für jeden. Das Angebot an Kanälen ist vielfältig, die Einstiegsbarrieren sind niedrig. Das mag den Abschied vom haptischen Erlebnis mit Papier erleichtern: „Papier läßt sich falten und knicken, zusammenknüllen und zerschneiden, zerreißen und verbrennen, beidseitig mit Ziffern, Buchstaben und Linien bedecken, fortlegen und wieder hervorziehen, verschicken oder verstecken. Es begegnet in einer Vielzahl von Formaten und Qualitäten, vom Zettel bis zum Folianten, vom Packpapier bis zum Schmuckpapier.“ (Weiße Magie – die Epoche des Papiers, Lothar Müller, S. 12, Hanser Verlag München, 2012).

Schreiben findet heute mehr und mehr im öffentlichen Raum des Internets statt. Tweets, Posts, Meinungen, Empfehlungen, Blogs, Foren. Wer daran teilnimmt, kann multifunktional agieren – als Content-Produzent, als Rezipient von Inhaltsangeboten, als „Verleger“ von Manuskripten über Print-Demand-Services.

Was sind digitale Werte wert?

Papier erlaubt manuelle und verarbeitende Vielfalt, die wahre Kunstwerke und hochwertigste Printobjekte von unschätzbarem ideellen, aber auch finanziellen Wert hervorgebracht hat. Wie historische Bücher von Galileo oder Kopernikus, für die Höchstpreise geboten werden. Kaum vorstellbar, dass digitale Formate auch nur annähernd solche Werte erzielen. Im Gegensatz zu Papier sind digitale Formate in ihrer Handhabung eindimensional. Als User bewege ich mich trotz Features auf einer räumlich gleichbleibenden Oberfläche – es sei denn ich nutze eine 3D-Brille. Aber die Wirklichkeit zu simulieren, ist nur ein Als-ob. Während ich das „Blatt wenden“ kann. Die Meinungen unter Pädagogen und Wahrnehmungspsychologen zum digitalen Lernen gehen auseinander. Schadet es dem Gestaltungssinn oder fördert es die Kreativität? Rezeptionsästhetik wird heute durch intuitive Nutzung und Displays bestimmt.? Doch ein Wettstreit zwischen analogen und digitalen Medien, zwischen konventionellem Lernen und E-Learning, zwischen Papier und Elektronik klärt nicht die Frage, ob wir die Verdrängung des Handschriftlichen sowie der Nutzung von Papier durch Displays und Apps auch wollen. Und ob wir das überhaupt noch ändern können.

Das Langzeitgedächtnis von Papier

Die Stelle des Chronisten Papier übernehmen digitale Medien mit exorbitanten Storage-Kapazitäten. In einem Interview mit Liane von Billerbeck im Deutschlandfunkt sagte Lothar Müller: „Also eine der wichtigen Funktionen des Papiers war ja nicht nur als Ausdrucksmedium für Künstler, sondern eben doch auch als Speichermedium, das auch langfristige Überlieferung erlaubt (…) Also die Bibliotheken digitalisieren ja so ziemlich alles, und das ist auch gut so, zugleich aber werfen sie natürlich die Papierbestände, die sie haben, nicht weg, und das ist auch eine sinnvolle Unternehmung, weil gerade das ältere Papier sozusagen langzeitüberlieferungsfähig ist, und diese Fähigkeiten des Papiers (…) das hat, glaube ich, dazu beigetragen, dass es so in alle Kapillaren der Gesellschaft eingedrungen ist.“ (Was wäre Kunst ohne Papier? Lothar Müller im Gespräch mit Liane von Billerbeck 28.03.2017). Das Durchdringen der „Kapillaren der Gesellschaft“(ebd.) wird auch am Beispiel eines Gedankenexperiments des Schriftsellers Paul Valéry deutlich, auf das Lothar Müller sich in seinem Buch „Weiße Magie – die Epoche des Papiers“ bezieht – ausgehend von einer Mikrobe, die alles Papier auf der Welt zerstöre. Valery spielte damit auf die Bedeutung, „Unentbehrlichkeit und Allgegenwart des Papiers in der Zivilisation“ an.

Also die Bibliotheken digitalisieren ja so ziemlich alles, und das ist auch gut so, zugleich aber werfen sie natürlich die Papierbestände, die sie haben, nicht weg, und das ist auch eine sinnvolle Unternehmung, weil gerade das ältere Papier sozusagen langzeitüberlieferungsfähig ist, und diese Fähigkeiten des Papiers (…) das hat, glaube ich, dazu beigetragen, dass es so in alle Kapillaren der Gesellschaft eingedrungen ist. aus: Lothar Müller, Weiße Magie – die Epoche des Papiers

Eine Welt ohne Papier? Denkbar, aber nicht wünschenswert.

Vor diesem Hintergrund ist zu überlegen, ob alles Reden vom papierlosen Büro und die Verdrängung des Papiers durch die Digitalisierung auf eine Markt- und Wettbewerbsentwicklung reduziert werden kann? Oder ob wir es uns überhaupt vorstellen können und wünschen, dass Papier aus der Bildungs-, Informations- und Kommunikationsgesellschaft verschwindet? Bei dieser Frage werde ich etwas nostalgisch. Offen gestanden. Obwohl ich den Kulturwandel hautnah miterlebt habe – den kommunikativen Sozialisationswechsel vom Handschriftlichen zum Digitalen, von der Schreibmaschine zum Laptop, vom stundenlangen Exzerpieren in Universitätsbibliotheken zur digitalen Recherche in Online-Bibliotheken und Archiven – ein Leben ohne Papier ist für mich undenkbar und nicht erwünscht. Heute besitze ich zwei Laptops, zwei SmartPhones, ein E-Book-Reader, ein Tablet und immer noch meine Bibliothek mit fast 1.000 Büchern. Diese bleiben nach wie vor für mich der Garant eines elektrisierenden haptischen Leseerlebnisses, in denen ich weiterhin meine Post-its, Anmerkungen und Zettelchen anbringe. Als mein persönliches Markenzeichen.

 

Quellen:

Weiße Magie – die Epoche des Papiers, Lothar Müller, S. 12, Hanser Verlag München, 2012
Was wäre Kunst ohne Papier? Lothar Müller im Gespräch mit Liane von Billerbeck 28.03.2017 https://www.deutschlandfunkkultur.de/digitales-zeitalter-was-waere-kunst-ohne-papier.1008.de.html?dram:article_id=382415

Titel-/Fotos: iStockphoto: Eerik, Noska, doomu

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Klaus E. Jopp

Klaus E. Jopp

Klaus E. Jopp ist PR- und Marketingfachmann, Buchautor und Blogger. Er schreibt zu den Bereichen Digitalisierung, Marketing 4.0, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Medizin. Dem gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und philosophischen Aspekt der Themen gilt sein besonderes Interesse.

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