Wirtschaft kommt von Werte schaffen

Ökonomie soll dem Menschen dienen. Leider ist es in der Realität, vor allem global gesehen, oft umgekehrt: Ressourcen, Klima und damit auch wir leiden unter gedankenlosem Konsum und ausschließlich profitorientierten Wirtschaftsmodellen. Die Firma Steinbeis versucht durch einen nachhaltigen Produktionskreislauf und die Einhaltung strengster Umweltschutzkriterien, ihren Teil zur Lösung dieses Dilemmas beizutragen. Der Wissenschaftler, Wirtschaftsdozent und Autor Christian Felber will ebenfalls etwas verändern – mit seinen Ideen zu einem allumfassenden Verständnis von Ökonomie. Im Interview verriet er uns einige seiner Ansätze.

Christian Felber ist eigentlich kein Ökonom. Dennoch – oder gerade deshalb – ruft er in seinem neuen Buch „This is not Economy“ zu einer Revolution der Wirtschaftswissenschaften auf. Der studierte Philologe, Politologe und frühere Wissenschaftsjournalist war in seiner Heimat Österreich Gründungsmitglied und Sprecher des Globalisierungsgegnernetzwerks Attac. Heute ist er Autor, Aktivist, Dozent und aktuell Fellow am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung. Felber lehrt sowohl an Wirtschafts- als auch an geisteswissenschaftlichen Hochschulen und bemüht sich dort um einen allumfassenderen Blick auf unsere Wirtschaftssysteme. Seit er 2010 das Buch „Die Gemeinwohlökonomie“ herausbrachte, gilt er als Gesicht der gleichnamigen Bewegung, deren Kernanliegen Folgendes ist: Die Ideen von unendlichem Wirtschaftswachstum und Freien Märkten sind dem Wohl von Mensch und Umwelt abträglich – also müssen nachhaltige Alternativen entwickelt werden. Faktoren wie ethische Werte, Menschenrechte und Ressourcenschutz sollen Eingang finden in die Umsetzung und Erfolgsbewertung wirtschaftlicher Prozesse. Felber und die Gemeinwohl-Ökonomie plädieren unter anderem dafür, dass Unternehmen mit einer positiven Energiebilanz gegenüber Umweltsündern wirtschaftliche Vorteile genießen sollten. Solange umwelt- und damit gemeinwohlschädlich produzierte Produkte preisgünstiger sind als solche, die sich um nachhaltige Produktion bemühen, wird sich unser Konsumverhalten kaum oder zu langsam ändern, glaubt Felber. Wir haben mit ihm über seine Theorien gesprochen.

Herr Felber, Ihr großes Problem mit heutigen Wirtschaftswissenschaften und Finanzmarkttheorien ist, dass sie sich als Teil der Naturwissenschaften begreifen und nicht der Sozialwissenschaften. Können Sie das näher erläutern? Wozu führt die Fehleinordnung?

Die heute dominante neoklassische Wirtschaftswissenschaft, die um 1870 auf die klassische Ökonomik (berühmtester Vertreter: Adam Smith) folgte, wollte alle ethischen und politischen Fragen ausklammern und sich nur auf das Messbare konzentrieren. Das Messbarste sind jedoch reine Finanzkennzahlen, die nichts über Glück, Werte, Sinn, Umwelt oder Demokratie aussagen, diese Werte, auf die es letztlich ankommt im Leben, bleiben unterbelichtet oder ausgeblendet. So kam es zur tunnelhaften Fokussierung auf Rendite, Profit und BIP – einer „Wirtschaft, die tötet“, weil sie das Leben nicht in den Blick nimmt. Symptome für diese radikale Verirrung sind die Verletzung von Menschenrechten und der Menschenwürde, die Herausbildung systemrelevanter Banken, die mit Steuergeld gerettet werden und extreme Ungleichheit oder Wettbewerbsvorteile durch die legale Externalisierung von Gesundheit-, Umwelt- und Klimakosten.

Warum ist der Begriff der „Freien Marktwirtschaft“ Ihrer Meinung nach irreführend?

Oft wird missverstanden, dass freie Märkte frei von staatlicher Regulierung wären, was ein irreführendes Bild ist, weil die Grundbausteine des Marktes – Privateigentum, Unternehmen, Verträge, Geld oder Ausbildung – staatliche Infrastrukturen und Leistungen sind. Die „Intervention“ des Staates in den Markt macht sprachlich genauso viel Sinn wie die „Intervention“ des Hausbesitzers in die Küche. Der Markt ist Teil des demokratischen Gemeinwesens wie die Küche Teil des Hauses ist. Sie muss geplant, gestaltet und nach bestimmten Regeln geführt werden. Welche Unternehmensrechtsformen es gibt, ob Banken gewinn- oder gemeinwohlorientiert sind, ob sie systemrelevant werden dürfen, ob Klimaschützer einen Wettbewerbsvorteil haben oder Klimasünder und ob Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen müssen oder nur eine Finanzbilanz – all das sind demokratische Gestaltungsentscheidungen des Staates. Auch die Frage, in welchen Bereichen es keine Märkte geben soll, muss demokratisch entscheiden werden. Bei Menschen-, Organ- und Kinderhandel oder Zwangs- und Sklavenarbeit ist das weitgehend geklärt. Zentralbank, Schienennetz und Gefängnisse sind bereits umstritten, und völlig unklar ist es in den Bereichen Altenpflege, Kinderbetreuung, Gesundheit oder Bildung. Die Bürger*innen könnten und sollten in demokratischen Prozessen entscheiden, wo es anstelle von Märkten öffentliche Güter und Dienstleistungen geben sollte.

Was sind die wichtigsten Indikatoren für eine positive Gemeinwohl-Bilanz?

Die Gemeinwohl-Bilanz umfasst zunächst 20 Bausteine. Diese machen ein ethisches Grundsatzthema auf, z. B. die Sinnhaftigkeit von Produkten und Dienstleistungen, ihre ökologischen und Klimawirkungen oder menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Sodann vertiefen konkrete Aspekte das Thema, z. B. Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz, Sinnerfüllung, Zeitmanagement oder Mitbestimmung. Indikatoren messen am Ende konkrete Teilaspekte, z.B. Arbeitsunfälle, Krankenstände oder Kündigungsraten. 

Beim volkswirtschaftlichen Gemeinwohl-Produkt kommen die wesentlichen Komponenten von Lebensqualität  zum Tragen: Gesundheit, Zufriedenheit, Beziehungsqualität, sozialer Zusammenhalt, demokratische Beteiligung, gerechte Verteilung, ökologische Stabilität oder Friede. Interessante Indikatoren sind hier z. B. der Anteil von Frauen in Führungspositionen, Schlafqualität, Auslandsmilitäreinsätze oder trinkbare Flüsse.

Schließen sich der Faktor Wirtschaftlichkeit und der Faktor Gemeinwohl in der Realität nicht dennoch oft gegenseitig aus

Das hängt ganz davon ab, wie „Wirtschaftlichkeit“ definiert ist. Wenn ich ein Verbrechen begehe, weil es mir wirtschaftlich zugute kommt, liegt auf der Hand, dass sich so verstandene „Wirtschaftlichkeit“ und Gemeinwohl ausschließen. Und solange die Zerstörung der Regenwälder, die Aufheizung des Weltklimas, die Nutzung von Steueroasen, die Zerrüttung des sozialen Zusammenhalts oder die Schaffung extremer Ungleichheit in die legale Definition von Wirtschaftsfreiheit fallen, gilt derselbe Ausschluss. Erst wenn die Wirtschaftsfreiheit so definiert wird, dass Mensch und Umwelt nicht geschädigt werden dürfen, kommt es zur Vereinbarkeit von Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl. Eine Gemeinwohlbilanz stellt eben dieses sicher. Wirtschaft kommt von Werteschaffen. Nur wenn Werte geschaffen werden, ohne dabei andere Werte zu zerstören, können wir ernsthaft von „freier“ Wirtschaft sprechen – oder eben von Gemeinwohl-Ökonomie.

Titelbild: José Luis Roca

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Nadine Kaminski

Nadine Kaminski

Nadine Kaminski ist Lifestyle- und Gesellschaftsjournalistin. Ihr Hauptinteresse gilt den Themen Fairness am Arbeitsplatz, neue Mobilitäts- und Wohnlösungen, Ernährung und Gesundheit, nachhaltige Mode und umweltbewusstes Reisen.

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