Mehr als ein Papierschnipsel

Was macht Papier so liebenswert? Ganz einfach: Es ist leicht, kostengünstig, unproblematisch in der Entsorgung und als echtes Recyclingprodukt verfügbar. Druckerpapier, Notizzettel, Versandtaschen, Kartons, Taschentücher, Toilettenpapier, Küchenrolle – wer beim Kauf auf Nachhaltigkeit achtet, muss für keines dieser Produkte auf Frischfasern zurückgreifen. Auch als Plastikersatz sind Papier und Pappe beliebt: Seien es Tüten, Pappbecher oder Strohhalme. So begleiten uns Papier und Pappe in all ihrer Vielfalt im Alltag, auch in unerwarteten Lebensbereichen.

Zeitungen in der Wand

Sie dient als voluminöser Schallschutz, ist resistent gegen Schimmel und Ungeziefer, schützt im Sommer gegen Hitze und hält im Winter die Kälte draußen: Gemeint ist Dämmung aus Altpapier und somit aus Zellulose. Damit unsere Sonntagszeitung vom Frühstückstisch in die Wand kann, wird sie in einer Fasermühle zerkleinert. Bei diesem Vorgang verändert sich die Struktur der Papierschnipsel: Sie werden voluminös und können lose als Einblasdämmung verwendet werden. Alternativ ist Zellulosedämmung in Matten erhältlich. Dafür müssen die Fasern unter enormem Druck zusammengepresst werden. Diese Extrameile in der Produktion führt natürlich zu Extra-Energiekosten. Deshalb sind Zellulose-Flocken die deutlich nachhaltigere Wahl.

Bei beiden Dämmvarianten setzen Hersteller Additive ein, um das Dämmmaterial zu konservieren und um Brandschutzvorgaben einzuhalten. Lange Zeit nutzte man dazu Borsäure, welche mittlerweile von der EU-Chemikalienverordnung jedoch als bedenklicher Stoff behandelt wird. Entsprechend ist Dämmmaterial aus Zellulose, das mit Bor behandelt worden ist, nicht recycel- und kompostierbar. Einige Händler haben reagiert. Als Ersatz für das Bor verwenden sie nun mineralische Additive, mit denen auch Holzspäne ummantelt werden, wenn sie als Naturdämmstoff dienen sollen. Ein genauer Blick auf die Zusammensetzung der Dämmstoffe lohnt sich also.

Tiny House trifft Wellpappe

Wer noch einen Schritt weiter geht, wohnt in einem Haus aus Pappe. Etwa dem Wikkelhouse des niederländischen Unternehmens Fiction Factory aus Amsterdam. Nach Herstellerangaben ist es dreimal nachhaltiger als ein traditionell gebautes Haus und büßt dabei keine Annehmlichkeiten ein. Stattdessen kann jedes Wikkelhaus dank des modularen Systems individuell gestaltet werden. Und braucht dank des vergleichsweise geringen Gewichts und der in sich geschlossenen Bauweise kein Fundament. Für jedes Hauselement werden 24 Lagen Wellpappe um eine hausförmige Konstruktion gewickelt und miteinander verklebt. Die entstehende Sandwich-Struktur ist besonders stabil und bildet den Rahmen der Module, die später zu einem Haus zusammengesetzt werden. Zum Schutz gegen Wind und Wetter wird das Haus abschließend mit einer wasserdichten Aluminiumfolie überzogen und mit Holz verkleidet. Die einzelnen Module können in nur einem Tag aufgebaut und miteinander verbunden werden und das (fast) überall, denn das Wikkelhouse wird an den Wunschort in Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien, Skandinavien, Belgien oder den Niederlanden geliefert.

Ob im Wald, auf der Dachterasse oder im Schrebergarten – das Wikkelhouse steht einfach an Ihrem Lieblingsort. Foto: Wikkelhouse
Einrichten mit Leichtgewichten

Umziehen, was ein Graus! Lästiges Tragen von schweren Möbelstücken, möglichst aus dem dritten in den fünften Stock. Altbau, versteht sich. Mit Möbeln aus Pappe hat diese Plackerei ein Ende. Die Kartonagen wiegen meist nur ein Bruchteil von dem, was die Verwandtschaft aus Holz, Metall oder Kunststoff auf die Waage bringt. Egal ob Sessel, Couch, Bett oder Regal – die Möbel werden einfach zusammengefaltet. Fertig. Keine Schraubenberge, die sorgsam getrennt und verwahrt werden müssen. Kein mühseliges Tetris im Umzugswagen. Der Transport ist kein Thema mehr, ja, wenn man wollte, man könnte die Möbel sogar verschicken. In der neuen Wohnung ist mehr Platz? Oder weniger? Möbel aus Pappe passen sich den Bedürfnissen an, denn oft sind sie individualisier- und veränderbar. Zugleich sind sie durch intelligente Steckkonstruktionen aus Doppel-Wellpappe äußerst stabil und haltbar. Mit dem Rohstoffgewicht von nur einem Kilo wird bisweilen die 1000-fache Tragfähigkeit erreicht. Und: Sie sind kostengünstig. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aber eben nur fast. Verschiedene Unternehmen haben sich inzwischen auf die Herstellung von Hockern, Betten und Regalen aus Pappe spezialisiert. Besonders nachhaltig sind die Möbel, wenn sie aus Recycling-Materialien regionaler Produzenten stammen und wieder zu 100 Prozent recycelbar sind.

Ein bisschen SciFi

Mit Biosensoren aus Papier den Glukosegehalt im Blut bestimmen. Oder die Aktivität von Enzymen. Oder den Gehalt von Schwermetallen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Und besonders in Entwicklungsländern unverzichtbar. Gerade dort sind nämlich aufwendige Laboruntersuchungen nicht immer möglich. Biosensoren ermöglichen hingegen eine patientennahe Diagnostik. Sie sind kostengünstig, stromunabhängig und unproblematisch in der Entsorgung. Einziger Haken: Viele bisher entwickelte Biosensoren arbeiten mit Farbskalen, deren Messdaten für viele Einsatzbereiche zu ungenau sind. Genauer wird es nur, wenn eine externe Stromversorgung eingesetzt wird. Wenn herkömmliche Batterien ins Spiel kommen, schwindet jedoch die technoide Eleganz der Biosensoren. Außerdem sind kommerzielle Batterien teuer, müssen verfügbar sein und sind in der Entsorgung viel problematischer.

Ein kleiner Streifen Papier, der sich bunt verfärbt, kann viel bewirken. Foto: iStock
Papier unter Strom

Eine Lösung für genauere Messdaten wäre eine von Forschern der Binghamton University im US-Bundesstaat New York 2018 präsentierte Batterie auf Papierbasis. Aufgedruckte Elektroden und Bakterien erzeugen bei Kontakt mit Flüssigkeit Energie. Bisher ist die maximal erreichte Stromstärke von 100 Mikroampere und die Leistung von 45 Mikrowatt im Vergleich zu herkömmlichen Modellen gering. „Für die meisten praktischen Anwendungsszenarien muss auch die Leistung um etwa das 1.000-fache verbessert werden“, sagt Dr. Seokheun (Sean) Choi, der die Batterie 2018 auf der National Meeting & Exposition der American Chemical Society vorstellte. Die erhöhte Leistung könne seiner Meinung nach durch das Stapeln und Verbinden mehrerer Papierbatterien erreicht werden. Auch die Lebensdauer im gefriergetrockneten Zustand ist mit vier Monaten noch deutlich zu kurz. Doch die bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend.

Papierkonsum neu denken

Papier und Pappe sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Egal ob als Taschentuch, Toilettenpapier, Zeitung oder eben Stuhl, Biosensor oder Dämmmaterial. Wir brauchen es zur Information, Kommunikation, Hygiene und erschließen parallel ständig neue innovative Einsatzmöglichkeiten. Bei diesem Papier-Boom ist es unsere Verantwortung, den Planeten zu schützen. Am besten schaffen wir das, wenn wir auf Recyclingprodukte achten, die mit dem Blauen Engel zertifiziert sind. Für die Umwelt. Für den Wald. Und letztlich auch für uns.

Titelbild: unsplash

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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