Qualität hat einen Namen – Einblicke in das Technische Marketing bei Steinbeis Papier

37 Jahre ist Andreas Steenbock für die Steinbeis Gruppe tätig. Heute ist er für das Technische Marketing Büropapiere beim Recyclingpapierhersteller verantwortlich. Kaum einer kennt die Prozesse, Qualitätsstandards und Innovationskraft des Unternehmens so gut wie der 53-Jährige. Im Gespräch erklärt Andreas Steenbock seine Aufgaben, wie Qualität bei Steinbeis Papier gesichert wird und wo die Reise mit Recyclingpapier im digitalen Zeitalter hingeht.

Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Meine Themen und Aufgaben sehen täglich sehr unterschiedlich aus. In der Regel schaue ich mir die Produktions- und Qualitätsaufzeichnungen der Papierproduktion aus den vergangenen 24 Stunden an. Wenn in diesem Zeitraum Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind, dann erörtere ich diese mit den Produktions- und Prozessverantwortlichen. Anschließend beschließen wir Korrekturmaßnahmen und schauen, wie man so etwas zukünftig vermeiden kann. Dabei unterstützen mich IT-gestützte Analysetools, die Abweichungen der Prozess- und Qualitätsdaten erkennen.

Quelle: Steinbeis Papier GmbH
Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Grafiken und sekundengenaue Analysedaten helfen mir, die Qualitätsparameter mit beispielsweise bestimmten Maschineneinstellungen abzugleichen. Dadurch ist erkennbar, was sich an und in der Papiermaschine ereignet hat. Diese Ergebnisse können dann exakt dem zu diesem Zeitpunkt produzierten Papier zugeordnet werden. Und damit kann ich vergleichen, ob eine mögliche technische Abweichung Auswirkungen auf die Papierqualität hat. Sollte dies der Fall sein, kann nun gegengesteuert werden, wodurch eine durchgängig gute Papierqualität sichergestellt wird.

Meine Arbeit hat aber auch eine weitere Dimension. Ich führe viele Abstimmungsgespräche mit Kunden, Drucksystemherstellern, Behörden und Dachverbänden. Ich erhalte dadurch Daten, Informationen zu neuen Technologien und Gesetzesverordnungen auf nationaler und internationaler Ebene und kann so bei entsprechender Relevanz neue Rahmenbedingungen für Steinbeis Papier anzeigen. Ich schaue, wo die Entwicklung hingeht, und entwickle in Abstimmung mit meinen Kollegen/innen Möglichkeiten zur Anpassung unserer Produkte. Aus diesen Rahmenbedingungen ergibt sich ein Feedback für die gesamte Produktion und vor allem auch für die Entwicklungsabteilung.

Welche Relevanz hat ökologische Nachhaltigkeit für Ihren Job?

CO2-Bilanz, Luft- und Wasseremissionen spielen eine große Rolle in der Diskussion und der Auseinandersetzung mit Branchentrends. Als Pionier für nachhaltige Papiere haben wir immer Trends gesetzt. Daher schaue ich immer, ob es neue umweltfreundliche Technologien gibt, die wir verwenden können.

Aber auch für unsere Kunden ist eine umweltfreundliche Produktion in geschlossenen Kreisläufen sehr wichtig. Daher habe ich auch die Aufgabe, zusammen mit externen Instituten und NGOs über technologische und ökologische Daten wie zum Beispiel Ökobilanzen zu diskutieren und zu schauen, wie wir unsere Prozesse und Prozesstechnologien in ökologischer und ökonomischer Hinsicht optimal gestalten können.

Findet hier eine Abwägung statt?

Die Qualität ist das oberste Ziel, die muss gleichbleibend hoch sein. Unser Leitsatz „Ausdruck echter Nachhaltigkeit“ bedeutet bei uns aber auch, dass wir dabei nicht die ökologische Komponente aus dem Blick lassen. Technologisch ist das Produkt perfekt, ein echtes Hightech-Produkt, aber wir müssen auch schauen, dass wir unseren Ressourcenbedarf noch weiter verbessern.
Durch unser hocheffizientes Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung und unter Nutzung von Brennstoffen mit einem hohen biogenen Anteil haben wir beispielsweise unsere CO2-Bilanz deutlich verbessert und tragen somit zur Erreichung der Klimaziele in Deutschland und Europa bei. Damit sind wir vermutlich weltweit führend. Aber dennoch arbeiten wir auch hier ständig an Verbesserungen.

Wie schafft Steinbeis Papier es, dass aus Altpapier – das immer andere Gegebenheiten aufweist – ein immer gleich hochwertiges Qualitätsprodukt entsteht?

Die Voraussetzung für ein gleichbleibend hochwertiges Endprodukt wird schon zu Beginn des Prozesses geschaffen. Das Altpapier, das wir beziehen, wird nach der Norm EN 643 eingekauft und dann durch engmaschige Eingangskontrollen von unserer Qualitätskontrolle qualitativ bewertet. Daraus entwickeln wir entsprechende Altpapierrezepturen, die möglichst homogene qualitative Eigenschaften aufweisen. Während des eigentlichen Aufbereitungsprozesses werden bestimmte Qualitätseigenschaften kontinuierlich überwacht. Dies geschieht weitgehend durch automatisierte, aber auch durch manuelle Messungen.

Wie muss man sich diese manuellen Messungen vorstellen?

Im Labor werden regelmäßig Proben aus dem laufenden Prozess gezogen, die dann mit den Online-Messwerten verglichen werden. So wird beispielsweise geschaut, ob die Sensoren an Pumpen und Ventilen noch alle in Ordnung oder Abweichungen festzustellen sind.

Wie wird Qualität bei Steinbeis Papier definiert?

Wie für alle technischen Prozesse gibt es Spezifikationen, die über Jahre aus Branchenvergleichen, Messwerten und Kundenerwartungen gewachsen sind. Weiß- und Reinheitsgrad, Flächenmasse, Feuchtigkeit, Dicke, Oberflächenbeschaffenheit – diese Parameter vergleichen wir ständig mit den Ist-Werten. Für die Rückverfolgung werden dann Qualitätsstatistiken ausgefertigt, um auch langfristige Trends erkennen zu können.

Wie muss man sich diese Überprüfungen in der Praxis vorstellen?

Für unsere Kopierpapiere, für die ich verantwortlich bin, ist es enorm wichtig, dass die Funktionalität und die Laufeigenschaften des Produkts sichergestellt sind. In unserer Ausgangskontrolle laufen die Kopierpapiere durch Geräte und Drucksysteme der verschiedenen Hersteller.
Das geschieht in unserem hauseigenen Drucktechnikum. Hier werden von jeder Charge Testdurchläufe gemacht, um sicherzustellen, dass das Papier die gestellten Anforderungen hinsichtlich Bedruckbarkeit und Weiterverarbeitung, wie zum Beispiel die Ablage im Stapel oder auch die Heftung und Bindung zu Broschüren, sicher bewerkstelligen kann.

Andreas Steenbock fungiert als Schnittstelle zwischen Entwicklung, Produktion und Kunden.
Was kann sich der Laie unter technischem Marketing vorstellen?

Die Qualitätssicherung erfasst Messdaten, und wir vom technischen Marketing werten diese dann aus, um sie für unsere Analysen heranzuziehen. Wir identifizieren Veränderungen und Trends und bereiten die Daten so auf, dass sie für unsere Kollegen im Vertrieb und auch für Kunden verständlich werden.

Sehen Sie sich als Schnittstelle zwischen Produktion und Kunden?

Auf der einen Seite bewege ich mich zwischen Produktion und Entwicklung. Auf der anderen Seite hat meine Arbeit auch einen externen Bezug. Ich greife Feedback vom Kunden und Neuerungen seitens des Gesetzgebers auf, um diese intern zu kommunizieren. Die Produktion und/oder Entwicklung kann dann entsprechend reagieren.

Wie setzt man eine Benchmark beim Recyclingpapier?

Die Benchmark ist zunächst ein Vergleich von Leistung. Die Leistung, die unsere Produkte erbringen, vergleichen wir mit denen unserer Marktbegleiter und den Erwartungen der Kunden als auch Drucksystemhersteller. Für uns ist es maßgeblich, dass unsere Produkte die an sie gestellten Erwartungen erfüllen. Darüber hinaus gehen wir die Herausforderung an, das Ökonomische mit dem Ökologischen zu verbinden. Umweltaspekte wie unsere Kreislaufwirtschaft – dass unsere Produkte zu 100 Prozent wiederverwertet werden können – sind bei uns essenziell.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat Steinbeis Papier gegenüber anderen Papierherstellern?

Wir sind eine integrierte Papierfabrik. Wir produzieren ausschließlich Recyclingpapiere, die es schaffen, mit dem strengsten Umweltzeichen der Welt, dem Blauen Engel, ausgezeichnet zu werden.

Den Rohstoff dazu, der aus Altpapier aus der näheren Umgebung gewonnen wird, bereiten wir in der Fabrik auf und stellen daraus unser Recyclingpapier her. Wir haben alle Prozesse hier am Ort – neben der eigentlichen Fertigung beispielsweise auch die Vorsortierung des Altpapiers und die Energieversorgung bis hin zur Abwasserreinigung. Diese enge Verzahnung der einzelnen Prozesse verstehen wir unter einer integrierten Fabrik, die nach dem Kreislaufprinzip funktioniert und dadurch ressourcenschonend die ökologischen Vorteile unserer Produkte generiert. Das ist dann auch unser Alleinstellungsmerkmal in der Branche. Und wie gesagt, hier sind wir weltweit führend.

Wo sehen Sie noch Optimierungsmöglichkeiten bei der Herstellung von Recyclingpapier?

Wir haben vor zehn Jahren ein neues Kraftwerk in Betrieb genommen und von reiner fossiler Energieträgerschaft auf weitgehend biogene Brennstoffe umgestellt. Diese Entwicklung forcieren wir. Beim Produkt verfolgen wir einen kontinuierlichen Anpassungsprozess mit kleinen Schritten bei der Energieeffizienz, den Emissionen und einer noch höheren Verwertungsrate. Das sind die Ziele, die wir uns gesetzt haben, und die sich auch wie ein roter Faden durch die Produktentwicklung ziehen. Aber bereits jetzt stehen wir in puncto Energie- und Wasserverbrauch sowie CO2-Emissionen mit Abstand deutlich besser da als andere Papierfabriken und setzen hier weltweite Maßstäbe.

Welche Schritte stehen als Nächstes an?

Auch in Zeiten der Digitalisierung gibt es einen hohen Bedarf an Papier. Vor allem bei den grafischen Papieren, die als Informations- und Werbebotschafter weiter Verwendung finden. Ein Buch oder eine Broschüre mit der haptischen Dimension lässt sich nicht durch digitale Alternativen ersetzen.

Erwiesenermaßen können Informationen besser aufgenommen werden, wenn sie auf Papier in gedruckter Form vorliegen. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich auch mit neuen Drucktechnologien neue An- und Verwendungen für das Papier. In Bezug auf umweltspezifische Themen gewinnt das Papier an Bedeutung, da auch die digitale Kommunikation einen eigenen und gar nicht mal so kleinen Fußabdruck hinterlässt.

Titelbild: Steinbeis Papier

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Benjamin Seibring

Benjamin Seibring

Benjamin Seibring ist Redakteur für die Bereiche Lifestyle und Mobilität. Er interessiert sich zudem für Kulturthemen mit den Schwerpunkten Musik, Film und Medienanalyse.

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