Reine Chefsache

Markenrelaunch, Digitalisierung und Pandemie – für Steinbeis Papier sind turbulente Zeiten angebrochen. Das alles erfordert vor allem auch bei den Entscheidern besonderes Handlungsgeschick. Ulrich Feuersinger hat mehr als 30 Jahre Managementerfahrung und setzt diese seit fast sieben Jahren erfolgreich als Geschäftsführer beim Recyclingpapierhersteller ein. Im Gespräch gibt der 62-jährige gebürtige Bayer nicht nur persönliche Einblicke, er liefert auch Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit und wie Steinbeis Papier diese angeht.

Herr Feuersinger, wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ich starte zwischen 7.30 und 8 Uhr. Mein Single-Frühstück fällt eher spartanisch aus. Mit einem schwarzen Kaffee in der Hand gehe ich den bevorstehenden Arbeitstag – meist zwölf Stunden – dann schon mal gedanklich und konzeptionell durch. Natürlich erkundige ich mich im Büro nach den Befindlichkeiten der Mitarbeiter:innen und führe so manches Flurgespräch. Im ganzen Werk kann ich mich aber nicht umschauen, dafür ist dieses viel zu weitläufig, und der technische Bereich ist auch nicht mein primäres Aufgabengebiet. Dann folgen unterschiedliche Sitzungen, je nachdem, welche Projekte gerade anstehen.

Die Wirkungsstätte von Ulrich Feuersinger: das Werk von Steinbeis Papier in Glückstadt. Neben zwei Papiermaschinen, die pro Jahr 300.000 Tonnen Recyclingpapier herstellen, verfügt der Standort über eine Altpapier- und Reststoffsortierung, eine Aufbereitungsanlage für Ersatzbrennstoffe und ein hochmodernes Kraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung. (Foto: Steinbeis Papier)
Sie sind gebürtiger Bayer. Inwiefern war es eine Umstellung für Sie – sowohl beruflich als auch privat – in den hohen Norden zu ziehen?

Es war schon eine Umstellung, wobei ich Land und Leute schnell sehr zu schätzen gelernt habe. Und natürlich ist die Nordsee ein bisschen was anderes als das bayerische Voralpenland, aber durchaus mit hohen Reizen verbunden. Speziell im Frühling und Sommer bin ich sehr gerne in Schleswig-Holstein. Und die Metropolregion Hamburg lässt ja auch keine Wünsche offen. Ehrlicherweise ist mein Hauptwohnsitz immer noch in Bayern – das heißt, ich pendle regelmäßig nach Hause, sodass sich die Eingewöhnungszeit recht unproblematisch gestaltet hat. Und beruflich bin ich sowieso gewohnt, viel unterwegs zu sein.

Was war ausschlaggebend, die Position des Geschäftsführers bei Steinbeis Papier anzunehmen?

Nach 25 Jahren in der Holzindustrie suchte ich eine neue Herausforderung. Meine Karriere begann in der Papierindustrie. Da bedeutete der Wechsel zu Steinbeis Papier einen Schritt „back to the roots“ und den Wiedereinstieg ins Papiergeschäft.

Was macht Steinbeis Papier zu einem herausragenden Unternehmen in seinem Segment?

Wir haben uns sehr frühzeitig mit Recycling auseinandergesetzt – zu Anfang weniger aus ökologischen, als vielmehr aus ökonomischen Gründen. Wir sind anders als die anderen Papierhersteller, die im Regelfall auf der Basis Holz und Frischfaserpapier arbeiten. Wir können uns deutlich differenzieren, indem wir ein klares Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft abgegeben haben. Vor diesem Hintergrund fahren wir auch eine eindeutige Strategie.

Was waren die Meilensteine aus Ihrer Sicht, die Steinbeis Papier zu einem der modernsten Recyclingpapierhersteller Europas gemacht haben?

Ausgangspunkt war natürlich die Auseinandersetzung mit einem innovativen Rohstoff. Also nicht Holz zu Zellstoff zu verarbeiten und daraus Papier zu produzieren. Man wollte bewusst Altpapier einsetzen, um es mit entsprechenden Kostenvorteilen und weniger Energiebelastungen wieder aufzubereiten. Diese Pionierarbeit markiert den wesentlichen ersten Schritt. In der Konsequenz wurde über die Jahrzehnte die Altpapieraufbereitung mit viel Geld immer weiter ausgebaut. So haben wir heute eines der modernsten Werke dieser Art in Europa, das an ein eigenes Kraftwerk angeschlossen ist. Somit ist die Energieversorgung ökologisch und ökonomisch optimal eingestellt. Allein in den letzten zehn Jahren hat Steinbeis 300 Millionen Euro in den Standort Glückstadt investiert.

Steinbeis Papier in neuem Look: Mit Steinbeis No. 1 bis No. 4 und Color wird ein Portfolio an hochwertigen Druck- und Kopierpapieren angeboten. Sie entstehen aus 100 Prozent Altpapier, sodass zur Herstellung kein einziger Baum gefällt werden muss – für Unternehmen und andere Kunden ein guter Grund, umzudenken und auf „ReThinkingPaper“ umzusteigen.
Vor welchen Herausforderungen steht das Unternehmen – die Pandemie zunächst mal ausgenommen?

Die Digitalisierung ist ein Kernthema – der Bildschirm verdrängt das bedruckte Papier. Wir als Steinbeis Papier sind der festen Überzeugung, uns trotzdem behaupten zu können. Wir glauben an unser Produkt. Andererseits ist die Digitalisierung auch hilfreich, um unsere Prozessabläufe zu verbessern und neue Kundengruppen zu erschließen. Dazu zählt auch, dass wir unsere Botschaften auf neuen Wegen nach außen kommunizieren. Weiter setzen wir uns mit einer sich verändernden Arbeitswelt auseinander. Durch Homeoffice und andere Arbeitsstrukturen erschließen sich neue Kundengruppen. Diese erreichen wir über neue Absatzwege. Ein Ansatz ist hier unser gerade entstehender Webshop.

Neuer Webshop, neuer Markenauftritt – was verändert sich gerade bei Steinbeis Papier?

Wir sind bekannt für unsere hochwertigen Büropapiere aus 100 Prozent Altpapier. Die Klimakrise hat uns noch mal darin bestärkt, einen Schwerpunkt bei der Nachhaltigkeit zu setzen. Mit „ReThinkingPaper“ wollen wir zum Umdenken anregen und diese Botschaft auch als Argument unseren Verkäuferinnen und Verkäufern mitgeben. Auf der anderen Seite geht es uns darum, neue Produkte zu entwickeln und neue Papiervarianten zu etablieren. Neben Unternehmen nehmen wir auch immer stärker den Endkunden in den Blick. In der Ansprache tun wir da auch schon einiges, sei es über Social Media oder eben unseren Blog. Letztendlich richten wir uns mit unseren Produkten an jeden, der Papier verwendet.

Steinbeis Papier geht mit „ReThinkingPaper“ noch einen Schritt weiter: Mit den nachhaltigen Produkten ist eine Markenbotschaft für ein konsequentes Umdenken beim Thema Ressourcenschonung verknüpft. Eine eigens entwickelte Website mit integriertem Webshop animiert auch andere Unternehmen zum Umdenken.
Welche Resonanz haben Sie erfahren?

Kurz nach der Einführung unseres neuen Markenauftritts haben wir direkt im Januar den PBS Report Green Award gewonnen. Prämiert werden dabei nachhaltige Produkte der PBS-Branche (Papier-, Büro- und Schreibwarenbranche). Die Resonanz gerade von unseren Großkunden auf „ReThinkingPaper“ fiel durchweg positiv aus.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich von dem neuen Markenauftritt?

Wir wollen mit dem Markenauftritt – klar – mehr Papier verkaufen. Es geht uns darum, unsere Rolle als Marktführer bei den Büropapieren weiter zu stärken. Im nächsten Schritt wollen wir die Marke internationalisieren und europaweit mit „ReThinkingPaper“ an den Start gehen.

Zum neuen Markenauftritt gehört auch ein neuer Farbcode samt extra entwickelter Icons. Beides unterstreicht den nachhaltig innovativen Charakter von Steinbeis Papier.
Inwiefern hat die Pandemie Steinbeis Papier betroffen?

Der Einzelhandel mit seinen Werbe-Flyern ist uns als Kundengruppe weggebrochen. 2020 wurde kein Reisekatalog mit Steinbeis Papier gedruckt, weil der Tourismus quasi gar nicht stattgefunden hat. Wir sind dennoch optimistisch, dass sich die Lage in absehbarer Zeit wieder verbessert.

In der Pandemie ist „New Work“ zum zentralen Thema avanciert. Welche Konzepte haben Sie bei Steinbeis Papier etabliert und wollen Sie noch etablieren?

Nach der Pandemie werden wir sicherlich die Diskussion zu neuen Arbeitsweisen führen. Derzeit stelle ich fest, dass viele Mitarbeiter:innen, die derzeit gezwungenermaßen im Homeoffice sind, sich darauf freuen, wieder ins Büro zurückzukehren. Es fehlt der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Hinzu kommt, dass die Abstimmung schwieriger geworden ist. Homeoffice wird daher nicht zum generellen Arbeitskonzept bei Steinbeis Papier. Eine gewisse Flexibilisierung, um an ein paar Tagen im Monat von zu Hause aus arbeiten zu können, ist aber bestimmt möglich.

Wo sehen Sie noch Potenziale für neue Arbeitsweisen?

Geschäftsmeetings stellen wir zu 50 Prozent auf Online-Konferenzen um. Das haben wir bereits in der Vergangenheit etabliert. Anders verhält es sich bei unseren Verkäufer:innen. Sie machen derzeit eine sehr schwierige Zeit durch und sehnen sich nach ihren üblichen Arbeitsweisen – der persönliche Kontakt mit dem Kunden ist für sie und Steinbeis Papier essenziell. Anders in der Produktion – hier sind stetige Veränderungen angesichts der Digitalisierung vorgesehen.

Wie sieht die Zukunft für Steinbeis Papier aus?
(Foto: Florian Thoss für Steinbeis Papier)

Weiterhin werden wir Ökologie und Nachhaltigkeit in unserer DNA fest verankern. Büropapiere stellen wir auch langfristig als Marktführer bereit. Deshalb steht hier auch der Ausbau unseres Produktportfolios an. Weiter suchen wir nach Alternativen, die außerhalb des Zeitschriften- und Werbebedarfs liegen. Derzeit vermarkten wir unser neues Etikettenpapier. Entsprechende Getränkehersteller mit Nachhaltigkeitsanspruch wollen ihre Produkte mit Etiketten versehen, die mit dem „Blauen Engel“ zertifiziert sind. Nach den Testläufen bei den entsprechenden Druckern werden wir mit unseren bestehenden Plänen voranschreiten.

Als Geschäftsführer eines führenden Recyclingpapierherstellers – wann kommt Papier bei Ihnen ganz persönlich zum Einsatz?

Bei Notizen oder beim Drucken – ich benutze kein anderes Papier als das von Steinbeis. Ich bin mir auch sicher, dass ich in unserem Haus kein anderes Papier bekommen würde. Die Verwendung von Papier ist sicherlich auch eine Generationenfrage. Dennoch, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen funktioniert das kognitive Lernen über Papier viel besser. Komplexe Textstücke drucke ich mir aus. Und wenn ich ein Konzept erarbeite, mache ich das meist handschriftlich auf Papier.

Welche Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen Sie im Privaten?

Ich ganz persönlich schaue schon, wie ich meinen CO2-Fußabdruck reduzieren kann. Nach der Pandemie stehen für mich aber auch wieder Reisen an. Ich achte darauf, dass regionale und saisonale Nahrungsmittel auf meinem Tisch landen. Meine Heizung läuft demnächst über ein Fernwärmenetz. Für Steinbeis Papier gibt es aber auch schon konkrete Pläne zu noch mehr Nachhaltigkeit: Wir wollen flächendeckend Elektromobilität im Unternehmen einführen. Die Infrastruktur mit Ladesäulen wird dazu aufgebaut, und Geschäftswagen sollen in Zukunft – so weit das mit der Reichweite vereinbar ist – nur noch elektrisch angetrieben werden.

Foto: Sam Mueller/Pexels

(Titelbild: Florian Thoss für Steinbeis Papier)

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Benjamin Seibring

Benjamin Seibring

Benjamin Seibring ist Redakteur für die Bereiche Lifestyle und Mobilität. Er interessiert sich zudem für Kulturthemen mit den Schwerpunkten Musik, Film und Medienanalyse.

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