Nachhaltige Dauerbrenner

Wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, machen wir es uns zu Hause gemütlich. Gerade in bewegten Zeiten ist dieses bewusste Innehalten wichtig. Während der anhaltenden Pandemie dienen diese achtsamen Momente dazu, Kraft zu tanken für das, was noch kommen mag. Für jeden kann das etwas anderes bedeuten, doch eines steht fast sinnbildlich für die so oft zitierte Hyggeligkeit: Kerzenlicht. So zeigt eine 2017 von Statista veröffentlichte Umfrage, dass Kerzen einen festen Platz in unserem Wohlfühl-Gefüge einnehmen. Andere Lichter – egal ob innen oder außen – folgen auf der Beliebtheitsskala erst mit weitem Abstand.¹ Es wundert deshalb kaum, dass der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch mit 2,6 Kilogramm pro Jahr doppelt so hoch ist wie der EU-Durchschnitt.² Wie nachhaltig – und gesund³ – eine Kerze ist, hängt vor allem davon ab, woraus sie hergestellt wurde, denn längst nicht jedes Wachs ist gut für unsere Umwelt.  


So können sich die Zeiten ändern: Dieser Holzstich von Jean Bungartz aus dem Jahr 1885 zeigt das traurige Schicksal vieler Wale während des 19. Jahrhunderts. Die Tiere wurden unter anderem gejagt und getötet, um aus ihrem Fettgewebe Tran für Lampen und Kerzen herzustellen. Im späten 19. Jahrhundert wurde mit dem Aufkommen der Erdölindustrie Tran zunehmend durch Petroleum und Kerzen aus Paraffin ersetzt. 
Abbildung: Jean Bungartz/wikimedia commons (public domain)
Stimmungskiller: Paraffin

Am häufigsten kommt bei der Kerzenproduktion in Europa Paraffin zum Einsatz – ein Nebenprodukt der Erdölproduktion. Noch immer ist Erdöl weltweit der wichtigste Energielieferant. Die globale Förderung von Erdöl ist in den letzten fünfzig Jahren kontinuierlich gestiegen – auf einen Spitzenwert von rund 15 Milliarden Litern pro Tag im Jahr 2019.⁴ Erdöl belastet die Umwelt von der Suche über die Förderung, Verarbeitung und den Transport bis hin zum Verbrauch. Und es ist nicht klar, wie lange die weltweiten Erdölvorkommen noch reichen.⁵ Eines ist jedoch sicher: Der Rohstoff Erdöl ist endlich. Schon jetzt greift die Ölindustrie nach allem, was irgendwie Öl enthält. Dabei dringt sie in immer entlegenere Regionen vor und macht auch vor sogenannten unkonventionellen Lagerstätten nicht halt. Die hier lagernden Ölvorräte sind nur mit hohem technischen Aufwand und zum Teil extrem negativen Folgen für die Umwelt zu gewinnen.⁶ Hinzu kommen Ölkatastrophen wie zum Beispiel Tankerunglücke, die unsere Umwelt enorm belasten und den Lebensraum vieler Tiere zerstören. Deshalb ist der Ölausstieg so wichtig – selbst wenn es um etwas so vermeintlich Triviales geht wie eine Kerze.

Die schmutzigste Art der Gewinnung findet derzeit in der kanadischen Provinz Alberta statt: der Ölsandabbau. Das Ölsandgeschäft ist äußerst energieintensiv und setzt dreimal so viele schädliche Klimagase frei wie die konventionelle Ölförderung. Auf rund 149.000 Quadratkilometern – das entspricht mehr als der Größe Englands – werden Waldflächen, Erde und Torf abgebaggert, um das Öl aus dem Erdboden zu filtern. Auch der nördliche Nadelwaldgürtel Kanadas soll dem Tagebau weichen. Etwa 8,73 Milliarden Tonnen CO₂ sind in diesen Wäldern gespeichert.⁷
Wolf im Schafspelz: Stearin

Kerzen aus Stearin bestehen zwischen 80 und 100 Prozent aus Palm- oder Kokosfett. Damit ist Stearin zwar grundsätzlich biologisch abbaubar, doch aus ökologischer Sicht problematisch. Um Platz für Ölpalmplantagen zu schaffen, muss Regenwald weichen. Schon jetzt breiten sich riesige industrielle Ölpalm-Monokulturen weltweit auf etwa 27 Millionen Hektar in den Regenwaldgebieten am Äquator aus – eine Fläche so groß wie Neuseeland. Diese Monokulturen zerstören die heimische Flora und Fauna und berauben uns der grünen Lunge unseres Planeten, denn besonders im Regenwald wird viel CO₂ gebunden und Sauerstoff produziert.⁸ 

Für eine nachhaltige Produktion von Palmöl ist vor allem wichtig, dass Anbauflächen nicht zulasten der Umwelt geschaffen werden. Entsprechende Entwicklungen sind in der Industrie erkennbar, doch die nötige Transparenz für den Verbraucher, um die schwarzen Schafe zu erkennen, ist nicht unbedingt gegeben. Schon 2016 ergaben Unternehmensbefragungen seitens Stiftung Warentest, dass einige Produzenten in Deutschland bereits mal mehr, mal weniger stark auf RSPO-Palmöl (Round­table on Sustainable Palm Oil) in der Kerzenherstellung zurückgreifen.⁹ Doch bis heute ist anhand des Kerzenlabels oftmals nicht zu erkennen, woher das Palmöl stammt und inwiefern auf nachhaltige Anbauweisen geachtet wurde.10

Bisher gibt es keine Deklarierungspflicht für die Inhaltsstoffe von Kerzen. Wenn überhaupt ist ein Hinweis zu finden, dass die Inhaltsstoffe besonders hochwertig seien11 – allerdings kann dies kaum als Zeichen für Transparenz wahrgenommen werden. Im Marketing wird so manches als hochwertig bezeichnet.


Der Palmölboom hat dazu geführt, dass Indonesien Brasilien als Waldvernichter Nummer eins weltweit abgelöst hat.“ (10) Borneo, Indonesia, 2012 Foto: glennhurowitz/flickr (CC BY-ND 2.0)

Neben Palmöl können Stearin-Kerzen außerdem tierische Fette wie Rindertalg enthalten – ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Wer denkt, das wäre ein nachhaltiger Deal, ignoriert die inzwischen unbestreitbar dokumentierten Auswirkungen der Massentierhaltung auf die Umwelt. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind sogenannte Nutztiere für 14,5 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich.12 Damit emittiert die Tierhaltung etwa die Hälfte aller ernährungsbedingten Treibhausgase,13 denn insgesamt trägt das globale Ernährungssystem zu rund 30 Prozent der vom Menschen verursachten Emissionen bei.14 Die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne sorgen weltweit für mehr Treibhausgasemissionen als ganz Deutschland.15 

Dufte Alternative: Bienenwachs

Bienenwachs wird von Arbeitsbienen produziert, die es durch Drüsen ausscheiden und damit ihre Waben bauen. Die bekannte Farbe und den Duft bekommt das Bienenwachs im Stock durch den Honig und die Pollen. In Imkereien werden in die Jahre gekommene Waben eingeschmolzen und von Schmutzpartikeln gereinigt. Durch das Erhitzen entsteht wieder reines Bienenwachs. Mit diesem Rohstoff kann der Imker neue Waben bauen oder zum Beispiel Kerzen gießen. Doch für jedes Kilo Bienenwachs muss ein Bienenvolk mindestens ein Jahr produzieren.16 Bei dem deutschen Verbrauch wären das also 2,5 Bienenvölker pro Einwohner. Das ist natürlich nicht möglich. Und selbst wenn wir versuchen würden, entsprechende Mengen zu importieren, ruiniert der CO₂-Ausstoß des Transports die positive Klimabilanz. Damit können Kerzen aus Bienenwachs im Hinblick auf ihre Ökobilanz im Vergleich zu Stearin- und Paraffin-Kerzen eine Alternative sein – insbesondere wenn das Wachs aus einer regionalen Bio-Imkerei stammt –, der aktuelle Bedarf könnte jedoch nicht gedeckt werden.


Für Honig und Wachs müssen Bienen ganz schön schuften. Was wir dafür mindestens als Dank leisten können, ist eine artgerechte Haltung. Achten Sie deshalb beim Kauf von Bioprodukten auf Bioqualität und Regionalität. Wenn Sie darüber hinaus zum Schutz der bedrohten Wildbienen etwas beitragen möchten, können Sie selbst ein Insektenhotel aufstellen. (17) Foto: Scott Hogan/Unsplash
Der Ökosieger: Pflanzenöl

Die vegane Alternative zu Bienenwachs wird aus dem Öl von Sojabohnen unter Hydrierung hergestellt. Ähnlich wie bei der Margarineherstellung wird dabei unter hohem Druck und bei hoher Temperatur das Sojaöl zu einer wachsähnlichen Masse gepresst.18 Soja ist als Rohstoff nicht unumstritten: In den letzten sechzig Jahren wurde die Produktion von 27 Millionen Tonnen auf 360 Millionen Tonnen um mehr als das Zehnfache gesteigert. Weltweit kommen 80 Prozent der Sojabohnen aus den USA, Brasilien oder Argentinien. Durch die Umwandlung von Wald- und Savannenflächen in Ackerflächen gehen einzigartige Lebensräume für Pflanzen und Tiere verloren, fruchtbarer Boden wird zerstört und Wasser verseucht. Doch nicht für Tofu und Sojakerzen werden diese Ackerflächen geschaffen. 80 Prozent der begehrten Bohnen werden zu Schrot verarbeitet, das anschließend als Futtermittel in Tiertrögen der intensiven Massentierhaltung landet – auch in Deutschland.19

Sojawachskerzen sind biologisch abbaubar, bestehen aus einem nachwachsenden Rohstoff und haben durch ihren höheren Schmelzpunkt im Schnitt eine längere Brenndauer als herkömmliche Kerzen. Für Sojawachs spricht außerdem, dass es fast rußfrei verbrennt.20 Damit die positive Ökobilanz allerdings ganz zum Tragen kommt, müssen die Sojabohnen aus biologischem und gentechnikfreiem Anbau stammen – idealerweise aus Europa. Eine neue Alternative sind Kerzen aus Rapsöl, deren oftmals kürzere Transportwege sogar Sojakerzen in der Ökobilanz schlagen.21


Egal wie nachhaltig die Kerze ist – eine Aluminiumschale zerstört die positive Ökobilanz. Dabei können Sie den unnötigen Müll und die Ressourcenverschwendung ganz leicht vermeiden: Achten Sie beim Kauf auf Teelichter ohne Schale.
Foto: Liset Verhaar/Unsplash
Recycling zum Dahinschmelzen

Egal für welche Kerze Sie sich entscheiden – die nachhaltigste Variante ist immer noch Vorhandenes aufzubrauchen oder zu recyceln. Besonders Kerzen eignen sich zu Letzterem hervorragend. Einfach die Wachsreste sammeln und zu einer neuen Kerze verschmelzen. Als Gefäße können Sie zum Beispiel alte Tassen oder Schraubgläser verwenden. Kerzendochte oder Baumwollgarne sind im gut sortierten Bastelladen erhältlich. 

Im warmen Kerzenschein können wir den Alltag vergessen. Doch die Verantwortung liegt bei uns, den im restlichen Jahr sorgsam gepflegten ökologischen Fußabdruck nicht zu vergessen. Denn sind wir ehrlich: Kerzen sind Luxusartikel. Da stellt sich vielleicht besonders die Frage, ob wir unnachhaltig handeln möchten. Schließlich können schon beim Abbrennen Rußpartikel entstehen, die nicht notwendig sind. Deshalb spielt Qualität eine besondere Rolle bei Kerzen. Einen Anhaltspunkt dafür bietet das sogenannte RAL-Gütezeichen Kerzen. Dieses soll garantieren, dass Kerzen nicht sichtbar rauchen und rußen, vollständig abbrennen und keine gesundheitsschädlichen Stoffe wie PAK (Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe), Schwermetalle, Schwefel und auch keine problematischen Duftstoffe enthalten. Auch Grenzwerte für Nickel und Blei sind festgelegt, die Kerzen mit dem Siegel nicht überschreiten dürfen.22 Achten Sie darüber hinaus auf die Inhaltsstoffe. Meiden Sie Paraffin und Stearin und setzen statt auf Quantität auf Qualität aus regionaler Erzeugung, dann steht dem nachhaltigen Kerzen-Genuss nichts mehr im Wege.

Titelbild: Siora Photography/Unsplash

Quellen:

  1. Statista-Umfrage: Womit dekorieren wir in Deutschland zur Weihnachtszeit
  2. Welt: Kerzen gehen immer
  3. Massoudi, R. und Hamidi, A: Some Candles Emit Hazardous Materials for Human Health and are Indoor Air Pollutants, Int. Journal of Tropical Disease & Health (Juli 2017)
  4. Statista-Umfrage: Erdölproduktion in 1.000 Barrel pro Tag
  5. Focus: Energie-Mythen
  6. Das Erste: Arktis
  7. Greenpeace: Ölsand
  8. Regenwald: Palmöl
  9. Utopia: RSPO – das steckt dahinter
  10. Centrum3: Die Auswirkungen des monokulturellen Anbaus von Ölpalmen in Südostasien
  11. Quarks: Wie nachhaltig können Kerzen sein?
  12. Gerber, P.: Tackling climate change through livestock: a global assessment of emissions and mitigation opportunities. FAO (Rome 2013)
  13. Vermeulen, S. J. et al. (2012): Climate Change and Food Systems. Annual Review of Environment and Resources 37, p. 195–222
  14. Herrero, M., B. Henderson, P. Havlík, et al. (2016): Greenhouse gas mitigation potentials in the livestock sector. Nature Clim. Change. 6, p. 452–461
  15. Heinrich Böll Stiftung, GRAIN & Institute for Agriculture & Trade Policy (2017): Big Meat and Dairy’s supersized Climate Footprint
  16. Je nach imkerlicher Betriebsweise
  17. Weitere Informationen unter anderem unter Imkerei ist kein Bienenschutz
  18. Chemie: Sojawachs
  19. WWF: Soja als Futtermittel
  20. Lilligreen: Kerzen aus Sojawachs
  21. BR: Expertentipps vom Umweltkommissar
  22. Ral-C

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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