Warm up to WormUp

Recycling schont unsere Ressourcen – egal ob es dabei um Papier oder organische Abfälle geht. Deshalb hat das Schweizer Start-up-Unternehmen WormUp einen nachhaltigen Wurmturm gebaut, der Abfälle geruchsneutral in Kompost verwandelt. Der Clou: Mit dem WormUp Home wird kompostieren auch in Haushalten ohne Garten oder Balkon möglich.

Abfall ist eine Ressource

Gartenkomposter sind den meisten Menschen ein Begriff. Hier werden organische Abfälle gesammelt, die im Garten und Haus anfallen, und in Humus verwandelt. Doch nicht jeder hat Platz für die XXL-Version. Im besten Fall landet der grüne Abfall dann in der Biotonne, im schlechtesten Fall im Restmüll – 500.000 Tonnen jährlich. Selbst heute, in Zeiten von Klimastreiks, ist die Biotonne längst nicht obligatorisch. Liegenschaften oder Vermieter:innen entscheiden darüber, ob sie kommt – oder eben nicht. Wer sich nicht selbst organisiert, muss den Biomüll in den normalen Abfall werfen. „Der Schmerz, zu sehen, welche Massen an wertvollen Rohstoffen vergeudet werden, hat uns inspiriert und treibt uns bis heute an“, erklärt Sarah Steiner, Co-Founder und Co-CEO von WormUp. Alle Gründer:innen sind auf dem Land aufgewachsen. Da lag der Gedanke zu kompostieren also nahe. Doch im beengten Stadtleben finden herkömmliche Komposter selten Raum. Eine praktikable und nachhaltige Lösung sollte her – und so ist die Idee für einen Indoor-Komposter entstanden, der in den eigenen vier Wänden aus vermeintlichen Abfällen neue Erde macht: der WormUp Home. 


Alt-Text Recycling von Bioabfall im WormUp HOME
Wer keinen Garten oder Balkon hat, muss auf nährstoffreichen Kompost nicht verzichten. Der WormUp Home bringt den Gartenkompost auf die Küchenzeile, in den Hausflur oder Keller. Er funktioniert natürlich auch auf dem Balkon. Fotos: Markus Spiske/Unsplash, Claude Gasser/WormUp GmbH

Vitalisierungskur für Erde und Pflanzen

Drei Ebenen hat der Wurmturm WormUp Home, der dauerhaften Zugang zu nährstoffreichem Wurmhumus verspricht. Dafür werden zu Beginn rund 1.000 Würmer in mit regulären Kompost-Mikroorganismen reichem Substrat im Bodenelement platziert. Darauf wird der Bioabfall deponiert. Mikroorganismen zersetzen den Abfall, die Würmer saugen ihn auf und verarbeiten ihn zu Wurmhumus. „Es kann vorkommen, dass zu Beginn die Masse nicht ausreicht, in die sich die Würmer auch während einer Trockenperiode zurückziehen könnten. Ein einfacher Hack ist dann, ein paar Handvoll Erde hinzuzugeben“, verrät Sarah und ergänzt: „Am besten von draußen, denn gewachsener Boden ist wesentlich vitaler als Erde aus dem Gartencenter. Gut ist auch, wenn dieser Boden zusätzlich eher lehmig ist.“ Nun wird täglich eine dünne Schicht an neuem organischen Material verfüttert – pro Woche etwa 800 bis 1.200 Gramm. Immer wenn die Schicht der frischen Abfälle die Mitte des darüberliegenden Elements erreicht, auf das neues organisches Material eingelegt werden kann. Dank des Gitters können sich die Würmer zwischen den Etagen hinauf und hinab bewegen. Alle zwei bis vier Monate sind etwa 7,5 Liter Wurmhumus erntereif. Das abgeerntete Element wird dann wieder oben aufgesetzt, und der Prozess beginnt von Neuem. Im Vergleich zu einem großen Gartenkomposter ist die geerntete Kompostmenge deutlich geringer. Dafür verläuft der Kompostierungsprozess viel kontrollierter, und der Wurmhumus ist entsprechend reich an Nährstoffen. Über diesen natürlichen Dünger freuen sich die Mikroorganismen in der Erde, egal ob bei der Monstera auf der Fensterbank, den Balkontomaten oder den Kürbissen im Gartenbeet. Außerdem können ausgelaugte Topferden mit dem Wurmhumus vitalisiert werden. So muss weniger Erde aus dem Gartencenter gekauft werden, was nicht nur Kosten und Kräfte beim Schleppen, sondern auch Ressourcen spart.

Ein agiler Wurm ist ein glücklicher Wurm

„Würmer brauchen mehr Aufmerksamkeit als ein Kaktus, aber definitiv weniger als ein Meerschweinchen“, erklärt Sarah. Wurmnovizen rät sie oft dazu, vor der Bestellung ehrlich zu hinterfragen, wie es den eigenen Zimmerpflanzen geht. So kann jede:r herausfinden, mit wie viel Enthusiasmus man wahrscheinlich auch die neuen Mitbewohner pflegen wird. Insgesamt sind die Würmer als Haustiere aber doch vergleichsweise pflegeleicht. Über ungekochte – auch bereits schimmelnde – Küchenabfälle und Kaffeesatz freuen sie sich genauso wie über Tierhaare und Wurzelballen von Zimmerpflanzen. Sie müssen weder gekämmt noch bespaßt werden, und Tierarztbesuche fallen ebenfalls weg. Wichtig für das Wohlbefinden der Würmer ist jedoch, bei der Standortwahl Extreme zu meiden: In der prallen Sonne ist es den Würmern zu heiß. Wird es zu kühl, verlangsamt sich die Kompostierung, und es kann wesentlich weniger organisches Material verwertet werden. Idealerweise bleiben die Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad Celsius. „Mein bevorzugter Standort ist drinnen, an einem Ort, an dem im Sommer und Winter die Temperatur ungefähr gleich bleibt. Deshalb steht mein WormUp Home aktuell im Keller“, erklärt Sarah. Grundsätzlich gilt: Wer den Deckel des Wurmturms anhebt und nach einer knappen Minute keine Würmer mehr entdecken kann, kann sicher sein, dass es den Würmern gut geht, denn sie sind extrem lichtscheu und verstecken sich dann sofort. 

Alt-Text Kompostwürmer fühlen sich im WormUp HOME wohl
Ist der Wurmturm eingerichtet, können die Würmer täglich oder auch nur ein- bis zweimal wöchentlich gefüttert werden. Die Population passt sich ihrem Habitat an. Heißt: Wer viel füttert, wird mehr Würmer haben und kann die eigene Population wie bei einem Bienenschwarm teilen, um sie an andere Kompostbegeisterte abzugeben. Foto: Virginia State Parks/flickr, CC BY 2.0
Wurmtürmer für die Ewigkeit

Ein Alleinstellungsmerkmal des WormUp Home ist sein Material: Ton. So können Wurmkomposter auch aus Holz oder Plastik bestehen. Doch während unbehandeltes Holz vergleichsweise schnell modert, ist verleimtes nicht mehr recycelbar und nicht hinreichend offenporig. Plastik kam nie infrage. „Es mag an bestimmten Stellen seine Daseinsberechtigung haben, doch nicht als Komposter“, sagt Sarah. Ton hingegen ist ein natürlicher, recycelbarer Rohstoff, der beständig ist – man denke nur an die Scherben antiker griechischer und römischer Keramik. Dank des gewählten Brandverfahrens kann der Ton außerdem atmen. Das ist wichtig, da beim Kompostieren die Strukturen der organischen Materialien aufgebrochen werden, was bis zu 90 Prozent Wasser freisetzt, das anschließend irgendwohin muss. Bei vielen anderen Wurmkompostern kann dieses Wasser über einen Hahn abgelassen und als Dünger verwendet werden, doch besser ist es, wenn die Nährstoffe im Wurmhumus bleiben. Ein weiterer Nachteil der Ablassmethode: Würmer können sich verfangen und sterben. 

Alt-Text Herstellung des WormUp HOME in Handarbeit
Der Ton ist regional gewählt – aus Ransbach-Baumbach (Rheinland-Pfalz), wo auch die Keramikmanufaktur beheimatet ist. Mit der Zeit kann sich der Ton verfärben durch Flechten sowie Ausblühungen von den Mineralien, die aus der Erde nach außen getragen werden. Das kann man einfach mit Essigwasser abwischen. Fotos:WormUp GmbH
Auf kleinem ökologischen Fuß

Mit dem Prototyp im Gepäck begann im April 2016 die Suche nach einem geeigneten regionalen Produzenten, denn eine Fertigung in Asien kam nie infrage. Keramikverarbeitung gehört jedoch nicht gerade zu den florierenden Branchen der Schweiz. Außerdem musste eine Werkstatt gefunden werden, die den Produktionsmengen des WormUp Home gerecht wird. Gar nicht so einfach, denn in Kunst-Manufakturen sind die Ofenkapazitäten zu gering, während Ziegeleien Großproduktionen gewohnt sind. Fündig wurden die Gründer:innen im Westerwald Deutschlands. In zwei traditionsreichen Keramik-Manufakturen werden dort die Turmelemente mithilfe von Formen in Handarbeit produziert. Mit dem gleichen Fokus auf einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck wendete sich das Team der Logistik zu. „Wir wollten auf keinen Fall Plastikmüll produzieren”, erklärt Sarah. Deshalb wurde eine Verpackung entwickelt, die zu 100 Prozent aus Karton besteht. Darüber hinaus steht eine CO2-Kompensation als Ausgleich für den Versand und die Produktion im Raum. Sarah ist überzeugt: „Wenn kompensieren, dann sinnvoll!“ Besonders interessant findet sie ein aktuelles Projekt in der Ökoregion Kaindorf in Österreich, bei dem Bäuer:innen mit Firmen kooperieren, um den Humusaufbau zu fördern und so reichlich freigesetztesCO2 zu binden. „Eine Kompensation wie diese würde der Vision von WormUp treu bleiben“, erklärt sie.

Das Biotop auf der Kücheninsel

In der Natur gibt es keinen Abfall – nur Ressourcen. Alles vergeht, ist Teil des natürlichen Kreislaufs und wird als Rohstoff für Neues genutzt. Das Team von WormUp macht diese natürlichen Prozesse erlebbar – auch in der Stadt –, zeigt Groß und Klein, dass aus einer Bananenschale wieder Humus werden kann und welche Rolle selbst die kleinsten Lebewesen im großen Ganzen spielen.

Portrait von Sarah Steiner, Co-Founder und Co-CEO von WormUp
Mit WormUp möchte Sarah Steiner wieder Mensch und Natur einander näher bringen. Zusammenhänge erlebbar machen und zum Nachdenken anregen. Foto: Laura Egger

Häufig sind bei einer Unternehmensgründung andere Fähigkeiten gefragt als dann, wenn es darum geht, das Business zu leiten. Entsprechend hat sich im Laufe der Start-up-Entstehung die Konstellation des Teams etwas verändert. Heute teilen sich Sarah Steiner (Worm Strategy), Erich Fässler (Worm Pope) und Nikolai Räber (Pitching Captain) den Posten des CEOs. Sie alle vereinte der Schmerz darüber, tagtäglich wertvolle organische Rohstoffe einfach in den Müll zu werfen. Dafür packt jede:r da an, wo gerade Unterstützung gebraucht wird. Die Mühe lohnt sich: Erst kürzlich ging der WormUp Home im Kassensturz-Funktionstest, dem Schweizer Pendant von Stiftung Warentest, als Gewinner hervor. Auch das Design und die Materialwahl wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. durch das „Wallpaper Magazine UK“ und zuletzt 2019 mit dem Bundespreis Ecodesign der Bundesrepublik Deutschland

Titelbild: Claude Gasser/WormUp GmbH

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Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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