Everybody’s darling: Fahrräder aus Bambus

Für die längste Zeit bestanden unsere Drahtesel standardmäßig aus Stahl. Dieser bietet jedoch nicht nur Vorteile, denn er wiegt viel und ist anfällig für Rost. Andere gängige Materialien wie Aluminium oder carbonfaserverstärkter Kunststoff hingegen sind nicht nachhaltig. Jonas Stolzke und Maximilian Schay haben deshalb für die Fahrradproduktion auf einen neuen Baustoff gesetzt: Die Fahrräder ihres Kieler Unternehmens my Boo wachsen gewissermaßen im Gebüsch, denn sie bestehen aus Bambus. Damit zeigt das Team von my Boo, dass längst nicht nur im Papiersektor die bewusste Wahl der Rohstoffe einen nachhaltigen Unterschied ausmachen kann. Im Interview erklärt PR- und Marketingleiter Felix Habke, wie es zu der ungewöhnlichen Geschäftsidee kam und wie aus einem Bambusrohr ein Zweirad wird.

Was ist die Idee hinter my Boo?

Ein bisschen verrät es schon der Name: Wir bauen dir dein individuelles Traumfahrrad, das perfekt zu deinen Bedürfnissen passt – aus dem nachhaltigen Rohstoff Bambus und fair produziert. Für uns ist es enorm wichtig, dass jeder Teil der Wertschöpfungskette in gleichem Maße profitiert. So entstehen nicht nur fair bezahlte Arbeitsplätze hier in Deutschland, sondern auch in Ghana.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr ausgerechnet Fahrräder aus Bambus in Ghana herstellt?

Unsere Fahrräder werden in dem Dorf Yonso gefertigt, im Landesinnern von Ghana. Dort ist das Yonso Project beheimatet. Leiter und Gründer ist Kwabena Danso, der selbst in dem Dorf aufgewachsen ist. Nach seinem Studium in Accra, der Hauptstadt Ghanas, kehrte er mit dem Wunsch zurück, anderen die gleichen Bildungschancen zu ermöglichen. Das Besondere an dem Projekt ist, dass die Dorfgemeinschaft in alle Steps von der Planung bis zur Umsetzung involviert ist. So werden unter anderem Stipendien finanziert, Lehrer angeworben und Mikrofinanzierungen ermöglicht. 2012 markierte jedoch einen Wendepunkt: Wurde das Projekt bis dato durch Spenden getragen, wollte Kwabena nun einen Weg finden, unabhängiger zu sein. Und genau zu diesem Zeitpunkt sind Maximilian und Jonas, die schließlich auch die Gründer und Geschäftsführer von my Boo wurden, auf den Plan getreten.

Wie das?

Eigentlich durch einen Zufall. Maximilian und Jonas waren damals Anfang zwanzig und haben BWL studiert. Beide wollten sich schon immer selbstständig machen. Aber eben nicht mit einer klassischen Firma, sondern mit einem Unternehmen, das einen Wert für die Gesellschaft schafft – es fehlte nur die richtige Idee. Ein Schulfreund von Maximilian war 2012 für ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana und hat dort ein Fahrrad aus Bambus gesehen. Viel schlichter als die Fahrräder, die wir heute produzieren, aber es war ein Fahrrad aus Bambus. So kam eines zum anderen, Maximilian erzählte Jonas von dem Rad, die beiden stürzten sich in die Recherche und stießen schließlich auf Kwabena. Wie der Zufall es wollte, weiß er nämlich ganz genau, wie diese Fahrräder gebaut werden.


Kwabena Danso vor der Schule im Dorf Yonso mit zwei Schulkindern
Foto: my Boo

Das heißt, in Ghana ist ein Bambusrad ein relativ gängiges Fortbewegungsmittel?

Nein, nicht so richtig. Das Fahrrad, das der Schulfreund gesehen hat, entstammte einem UN-Projekt, das Craig Calfee 2010 gestartet hat. Craig ist der amerikanische Guru der Bambusfahrräder schlechthin, er gibt weltweit Workshops, wie man Fahrradrahmen aus Bambus fertigt. In diesem UN-Projekt ging es darum, für den Markt in Ghana mit dem heimischen Bambus Fahrradrahmen zu fertigen. Am Ende hat sich das leider nicht durchgesetzt, weil die Fahrräder, obwohl damals schon großzügig subventioniert, noch immer zu teuer waren. Aber Kwabena hat dabei gelernt, wie es geht.

Wie ist aus der Idee ein Business geworden? 

Maximilian und Jonas haben sich gleich 2012 auf den Weg nach Ghana gemacht. Zu dem Zeitpunkt bestand das Yonso Project aus drei Mitarbeitern und einem kleinen Raum, in welchem Bambusprodukte gefertigt wurden. Kwabena erzählte den beiden von seiner Vision, neben der Bibliothek eine Schule zu bauen. Maximilian und Jonas waren gleich Feuer und Flamme und wollten unbedingt gemeinsam mit Kwabena etwas auf die Beine stellen. Zurück in Deutschland haben sie einen Investor gesucht und schließlich Hans-Helmut Schramm gefunden, der neben Startkapital vor allem jede Menge Know-how mitbringt – dank jahrelangem erfolgreichen Unternehmertum. Damit waren alle Puzzlestücke gefunden, und es konnte losgehen.



Besprechung der nächsten Schritte in der Produktion,
Auswahl des richtigen Bambusrohres
Foto links: Felix Pape, Foto rechts: Robert Strehler

Transport der Bambusrohre aus dem Wald zur Produktionsstätte
Foto: Robert Strehler

Die internationale Produktion hat den Nachteil, dass Bauteile importiert werden müssen. Vor allem im Hinblick auf Emissionen stehen sie aufgrund der Transportwege oftmals in der Kritik. Wie steht ihr dazu?

Für uns gehört das alles zusammen: Das Yonso Project ist Teil der Idee von my Boo. Dort wächst der Riesenbambus, den wir verarbeiten wollen, also möchten wir auch dort ein Glied der Wertschöpfungskette schaffen. Wir nutzen einen extrem schnell nachwachsenden Rohstoff. Dadurch ist es zunächst einmal ein ökologisch nachhaltiges Produkt. Doch wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, meinen wir auch soziale Nachhaltigkeit. Viele Fahrräder auf deutschen Straßen werden heute im Ausland produziert – vor allem in Kambodscha. Dort werden sie unter miserablen Arbeitsbedingungen hergestellt.
Und was den Transport angeht: Der Seeweg von Ghana ist um einiges kürzer (16 Tage) als der Seeweg von Kambodscha nach Hamburg (31 Tage). Also ist das die bessere Alternative zu sehr vielen anderen hier erhältlichen Fahrrädern.

Wo bekommt ihr den Bambus her?

Geerntet wird der Rohstoff in wild wachsenden Bambuswäldern rund um das Dorf. Es gibt keine Plantagen, und es wird nichts künstlich bewässert. Sobald die Bambusrohre den richtigen Durchmesser für den Rahmenbau haben, werden sie mit der Machete von Hand geschlagen. Die Pflanzen sind dann etwa 20 bis 25 Meter hoch. Bei ihrem rasanten Wachstum dauert das nicht einmal zwei Jahre. Noch vor Ort werden die langen Rohre zersägt – so lassen sie sich besser transportieren. Im Dorf werden sie imprägniert, um sie vor Schädlingen zu schützen, und für etwa zwei bis drei Monate getrocknet. Erst dann können sie verarbeitet werden.

Und wie wird aus den Bambusrohren ein Fahrrad?

Die Form des Rahmens gibt die sogenannte Rahmenlehre vor. Das ist ein Metallgestell, in das die Bambusrohre eingepasst werden. Dabei werden auch die Aluminiumkomponenten fixiert, sodass die Geometrie immer gleich bleibt. Mit etwas Harz werden die Bambusrohre am Metall fixiert. Über Nacht trocknet der Kleber, sodass alles fest sitzt. Um die Knotenpunkte der Bambusrohre zu fixieren und so das Gestell zu stabilisieren, verwenden wir klassische Hanfseile, die man in Ghana leicht auf dem Markt erwerben kann. Die Suche nach einem passenden Harz, um die Seile darin zu tränken, ist schon wesentlich schwieriger.


Nachdem die Rohre getrocknet sind, werden sie für die sogenannte Rahmenlehre (oben links) vorbereitet (unten). Die Knotenpunkte werden mit Hanfseil fixiert und in Harz getränkt.
Foto links: my Boo, Foto rechts: Felix Pape, Foto unten: Robert Strehler


Die beiden Gründer Jonas Stolzke (links) und Maximilian Schay
Foto: Robert Strehler

Wie geht es mit dem Rahmen weiter, wenn die Knotenpunkte fixiert sind?

Wenn das Kunstharz getrocknet ist, wird der Rahmen optisch perfektioniert. Dafür werden Unebenheiten im Bambus begradigt und die Knotenpunkte geschliffen – alles von Hand. Dann wird kontrolliert, ob alle Dimensionen des Rahmens stimmen. Dadurch wird sichergestellt, dass jeder klassische Zweiradmechaniker an diesem Fahrrad arbeiten und jährliche Inspektionen durchführen kann. Schließlich geht es darum, eine ernsthafte Alternative zu einem normalen Fahrradrahmen zu bauen. Außerdem dient dieser Schritt als Qualitätskontrolle. Zuletzt wird der Rahmen lackiert, um ihn auf die europäische Witterung vorzubereiten, dann verpackt und verschifft. Zweimal im Jahr bekommen wir eine große Lieferung von ein paar Hundert Rahmen nach Kiel.

Vom Schlagen des Bambusrohrs bis zum Verladen in den Container sind dann etwa 80 Stunden Handarbeit in den Rahmen geflossen. In unserer Manufaktur in Kiel werden die letzten Komponenten angebracht. Das dauert nur noch etwa vier bis zwölf Stunden – je nachdem, welche individuellen Wünsche berücksichtigt werden müssen. Jedes Fahrrad wird in Einzelplatzmontage gefertigt. Das bedeutet: Ein Mechaniker oder eine Mechanikerin baut ein Fahrrad von Anfang bis Ende komplett auf. Als Meisterbetrieb bilden wir auch aus. Fünf Kolleginnen und Kollegen absolvieren aktuell ihre Ausbildung zum Zweiradmechatroniker.

Stahl und Aluminium sind zu 100 Prozent recycelbar. Wie sieht das bei euren Fahrrädern aus? 

Tatsächlich ist das Recycling problematisch, da der Rahmen lackiert wird und wir Kunstharz verwenden müssen. Allerdings bringt die Gewinnung von Stahl und Aluminium wieder andere Belastungen für die Umwelt mit sich. Dazu gehören direkte Auswirkungen wie Oberbodenentfernung und Erosion, Entwaldung und Biodiversitätsverlust, Wasser- und Bodenkontaminierung, aber auch indirekte durch Aluminiumraffination und Stahlerzeugung. Das heißt nicht, dass Aluminium- oder Stahlfahrräder schlecht wären, aber sie sind eben auch nicht perfekt. Alles hat Vor- und Nachteile. Deswegen ist es uns immer wichtig, die bestmögliche Alternative zu suchen.

Welche Vorteile bringt ein Bambusfahrrad in Sachen Fahrerlebnis mit sich?


20 Modelle werden aktuell angeboten mit nahezu unendlichen Variationsmöglichkeiten. Im Durchschnitt sind ein paar Hundert Rahmen auf Lager, die dann nach Wunsch zu einem Fahrrad aufgebaut werden.
Foto: Robert Strehler

Bambus verbindet die Vorteile von Stahl- und Aluminiumrahmen. Stahl ist wahnsinnig stabil und komfortabel, weil er flexibel ist. Der Nachteil bei Stahl ist allerdings, dass er schwer ist und relativ weich. Das heißt, wenn du zum Beispiel einen Berg zu schnell runterfährst, reicht es, ein bisschen am Lenker zu wackeln, und schon schwingt ein Fahrrad mit einem Stahlrahmen auf. Diese Probleme gibt es bei Aluminium nicht. Es ist leicht und verbindungssteif. Dafür ist Aluminium aber nicht komfortabel. Weil es so hart ist, schluckt es keine Vibration, und beim Fahren über Kopfsteinpflaster merkt man jeden Schlag. Bambus vereint die guten Eigenschaften beider Materialien: Er ist stabil und komfortabel wie Stahl, aber leicht und verbindungssteif wie Aluminium. Gleichzeitig hat Bambus eine natürliche Dämpfung. Das heißt, er schluckt Vibrationen, wie es auch Stahlfahrräder tun.

Was meinst du, wie sich die Mobilität in den nächsten 15 Jahren entwickeln wird?

Elektromobilität wird sicher eine immer größere Rolle spielen, auch wir haben inzwischen E-Bikes im Programm. Diese Technisierung wird beeinflussen, wie in Zukunft Fahrräder gebaut werden. Vielleicht sehen die Fahrräder von morgen gar nicht mehr so aus, wie wir sie heute kennen. So wie die Evolution von Röhrenfernsehgeräten zu LED-Monitoren bis hin zur Augmented Reality. Außerdem werden Carsharing sowie autonomes Fahren eine immer größere Rolle spielen. Und das wird sich auch auf alltägliche Abläufe in unserem Leben auswirken.


„Um die 6.500 Kilometer liegen zwischen den Teams in Yonso und Kiel, dennoch fühlt es sich an wie eine ganz große Familie.“ – Felix Habke, Leiter PR und Marketing
Foto oben: Felix Pape, Foto unten: Robert Strehler

Wie bewertest du die aktuellen Entwicklungen beim Thema Nachhaltigkeit?

Wir freuen uns natürlich, dass Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit immer mehr an Bedeutung gewinnt und von der Gesellschaft als wichtiges Thema betrachtet wird. Als wir vor sieben Jahren damit angefangen haben, war das noch nicht der Zeitgeist. Inzwischen ist es für die Verbraucher viel wichtiger, woher die Güter kommen – egal ob Lebensmittel, Strom oder Kleidung. Es gibt natürlich immer noch viele Menschen, die denken, sie könnten sich aus der Verantwortung ziehen. Oft mit dem Argument, dass ein nachhaltiger Lebensstil zu teuer wäre. Doch geht es ja auch darum, nicht zehn T-Shirts zu kaufen, sondern eben eins. Viele vergessen: Massenware hinterlässt nicht nur einen ökologischen Fußabdruck, sondern auch Leid und Armut. Meiner Meinung nach kann jeder einen Teil beitragen und nachhaltiger leben. Such dir ein Thema und achte darauf.

Was wünschst du dir für die Zukunft von my Boo?

Eigentlich sind wir gerade ganz zufrieden damit, wie sich alles entwickelt. Wir sind im Team im vergangenen Jahr stark gewachsen, was uns mehr Möglichkeiten bietet, auch in Ghana in das gemeinsame Projekt zu investieren. Dort haben wir drei Jahre lang eine neue Schule gebaut, die gerade eröffnet wurde. Aktuell können dort 200 Kinder unterrichtet werden – es sollen aber 1.000 werden. Außerdem sind in der Region, in der die Räder gefertigt werden, inzwischen viele Bambusfahrräder unterwegs. Mit UNICEF haben wir bereits 150 Bambusräder an Kinder ausgegeben, damit sie mit ihnen zur Schule fahren können. Wenn ich mir also etwas wünschen dürfte, dann wäre es wohl, dass wir so viel Gutes tun können wie bisher.


Ein Bild aus der Klasse, kurz nach der Eröffnung der Schule
Foto: my Boo

Felix Habke ist bei my Boo verantwortlich für PR, Marketing, Kooperationen und Events. Er ist seit 2013 an Bord. Ein einzigartiges Produkt zu verkaufen, das nachhaltig und fair ist, macht für ihn den besonderen Reiz aus.

Foto: Robert Strehler

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Valerie Bachert

Valerie Bachert

Valerie Bachert ist Journalistin, Chefin vom Dienst und Nachhaltigkeits-Beauftragte. Ihr Interesse gilt den Bereichen ökologischer Landbau, bewusster Konsum, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und nachhaltige Ernährung.

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