„Corona zeigt, dass es auch anders geht – wenn wir wollen“

Im Interview erklärt Jessica Böhme, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, wie ein sozial-ökologischer Wandel für den Klimaschutz nach der Corona-Pandemie gelingen kann.

Frau Böhme, wie sollten wir Ihrer Meinung nach in Zukunft über Nachhaltigkeit sprechen?

Wir sollten zeigen, wie ein nachhaltiger Lebenswandel die Welt und das eigene Leben bereichern kann. Noch immer verbinden viele Menschen Nachhaltigkeit mit Verzicht. Sie denken, alles wird durch Verbote kontrolliert. Aber die Frage ist doch, was geben uns die Maßnahmen zurück? Wenn weniger Autos fahren würden, könnten wir die Straßen wieder als Lebensraum nutzen, auf dem Kinder sorglos spielen und man sich nachbarschaftlich begegnen kann – ist das nicht großartig? Oder nehmen wir das Thema Ernährung. Die Dinge, die gut für die Umwelt sind, sind auch für uns gut. Bio-Fleisch, das nicht mit Antibiotika vollgepumpt ist, schmeckt nicht nur besser, sondern belastet auch den eigenen Körper weniger. Sicherlich kennt jede:r einen Park oder Wald, in dem er oder sie gerne spazieren geht. Wir sollten darüber sprechen, wie wir mehr von diesen natürlichen, schönen Dingen fördern können.

Die Hand eines Erwachsenen zwischen gesunden Tomatenpflanzen. Rechts: Ein Kind skateboarded in der Stadt.
In einem nachhaltigen Lebenswandel steckt viel Potenzial, zum Beispiel wenn urbane Räume wieder anders genutzt werden. Fotos: Loes Klinker/Unsplash, Marie-Michèle Bouchard/Unsplash 

Welche Rolle spielt Vertrauen bei dem Thema Nachhaltigkeit?

Eine große Rolle. Mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen wurde schon ein wunderbarer Meilenstein gelegt. Wenn wir uns als Menschheit auf diese Ziele einigen können und vertrauen, dass jedes Land, jede Kommune und jeder Mensch darum bemüht ist, diese zu erreichen, dann wäre das besser als ihnen mit Kontrolle und Maßnahmen zu begegnen. Misstrauen fördert Fehlverhalten. Vertrauen fördert das gewünschte Verhalten. Darüber hinaus brauchen wir das Vertrauen, dass es sich lohnt sich für den Planeten und das Leben einzusetzen, ohne natürlich genau wissen zu können, wie es ausgeht.

Was können wir aus der Corona-Pandemie hinsichtlich der Klima- und Umweltkrise lernen?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass ein erforderlicher Wandel in sehr kurzer Zeit möglich ist, wenn wir wollen. Und dass Veränderung auch Chancen birgt. Um wirklich alle zu mobilisieren, sollten wir allerdings lernen, nicht nur mit Kontrolle und Angst auf eine Krise zu antworten. Diese Reaktion ist zwar sehr menschlich, hilft aber nur bedingt. Sie lässt uns nicht immer die besten, sondern oft nur kurzfristige Lösungen finden. Sinnvoll ist es, wenn wir uns stärker auch den Ursachen der Corona-Krise widmen und die Bevölkerung aufklären, dass Pandemien wahrscheinlicher werden, eben weil wir Ökosysteme bedrohen. Zum Beispiel wenn wir Wälder abholzen, Tieren ihren Lebensraum nehmen und damit Mensch und Tier auf immer engerem Raum zusammenleben. Diese Zusammenhänge zu erkennen ist enorm wichtig. Aktuell geht es jedoch häufig vor allem darum, der Lage Herr zu werden. Das ist natürlich grundsätzlich nicht falsch, aber wir müssen uns auch den Ursachen stellen, um langfristige Lösungen zu finden.

 Links: Ein Kind läuft auf die Kamera zu. Rechts: Schafe auf einer Weide unter einem Baum.
Jessica Böhme sieht vor allem im Erzählen positiver Geschichten eine Chance. Viel zu oft werde Klimawandel stark mit Angst und Kontrolle konnotiert. Fotos: Luna Lovegood/Pexels, Jens Mahnke/Pexels
Wie schaffen wir es, alle im Kampf gegen den Klimawandel zu mobilisieren? 

Wir sollten uns davon distanzieren, von einem Kampf gegen den Klimawandel zu sprechen. Vielmehr geht es um die Frage, wie wir mit den sich verändernden Bedingungen unser Leben gestalten. Deshalb ist es sinnvoll, Geschichten zu erzählen, die Lust auf Veränderung machen und zeigen, dass ein anderer Weg möglich ist. Darüber hinaus müssen wir gar nicht alle mobilisieren. Zum einen, weil tatsächlich nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung zum Klimawandel in hohem Maße beiträgt, und zum anderen, weil uns die Geschichte zeigt, dass bereits zwischen 10 und 20 Prozent der Bevölkerung ausreichen, um große Veränderungen zu bewirken. Was wir jetzt brauchen, sind viele Menschen, die diese Veränderungen vorleben und mitgestalten.   

Und wie kann das gelingen? Gibt es Erkenntnisse aus der Wissenschaft?

Wie wir auf Krisen reagieren, basiert auf einem mittlerweile überholten Weltbild. In meiner Forschung spreche ich von einem mechanistischen Weltbild. Gemeint ist, dass wir die Welt wie eine Maschine verstehen, die wir in einzelne Teile zerlegen können. Wir denken, wir können sie kontrollieren. Ist ein Teil kaputt, reparieren wir es oder tauschen es aus. Aber unsere Welt ist keine Maschine, sondern ein komplexes System, in dem die Folgen unserer Eingriffe nicht vorhersagbar sind. Wir können nur Annahmen treffen. Ob diese falsch oder richtig sind, sehen wir meistens erst viel später. Aus der Forschung zu komplexen Systemen wissen wir, dass es nicht die einzelnen Maßnahmen sind, die große Veränderungen bewirken. Wir verändern beispielsweise wenig, wenn wir einzelne Gesetze veranlassen. Was nicht heißt, dass wir das nicht tun sollten. Aber die größten Veränderungen erleben wir, wenn sich die Beziehungen innerhalb des Systems verändern. Es geht also um das „Dazwischen“. Beispielsweise die Beziehung zu anderen Menschen: Ist sie von Konkurrenz oder Kooperation geprägt? Die Beziehung zu Tieren: Ist sie von Ausbeutung oder Wertschätzung geprägt? Verändert sich dieses „Dazwischen“, verändert sich das System.

Wie genau können wir aktuell diese Strukturen verändern?

Wir sollten nicht den Anspruch haben, die ganze Welt auf einmal zu verändern. Eine einzige Lösung für den ganzen Planeten wird es sowieso nicht geben – dafür ist die Welt zu vielfältig. Viel einfacher ist es, zu überprüfen, was wir in unserem eigenen System – dem Alltag – verändern und bewirken können. Dafür sind kleine Experimente am vielversprechendsten. So findet man schnell heraus, was funktioniert und was nicht, man kann unmittelbar reagieren und verbessern. Dafür ist eine gewisse Fehlerkultur die Basis. Jede:r muss wissen, dass es okay ist, Fehler zu machen, diese anzuerkennen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Das bringt uns viel weiter, als immer mit dem Finger aufeinander zu zeigen und Schuldige zu suchen. Wir können viel aus der Start-up-Szene lernen, die diese Kultur des Trial and Error meist etabliert hat.

Gebetstücher, die über eine Schlucht im nebeligen Gebirge gespannt sind.
Bereits im 18. Jahrhundert wurde das Glück der Bevölkerung als Ziel von Entwicklung und Politik in Bhutan definiert. Foto: Manoj Vivek/Unsplash

Was ist aus politischer und wirtschaftlicher Sicht für einen Wandel notwendig?

Das Handeln von Unternehmen und Politik wird noch immer maßgeblich vom Streben nach wirtschaftlichem Wachstum bestimmt. Wir sollten uns fragen, ob dieses Ziel noch zeitgemäß ist. Persönlich glaube ich, dass es seine Zeit hatte und auch viel Gutes bewirkt hat, aber nun ist es eben Zeit für neue Ziele. Zum Beispiel unsere Lebensgrundlage zu erhalten, Menschen und anderen Lebewesen ein gutes Leben zu ermöglichen, Systeme zu schaffen, die Leben und die Vielfallt an Lebewesen fördern und nicht zerstören. Das südasiatische Königreich Bhutan wird hier oft als Beispiel herangezogen, aufgrund des etablierten Bruttonationalglücks (Gross National Happiness). Es geht darum, den Lebensstandard breiter zu definieren und dem herkömmlichen Bruttonationaleinkommen, welches von monetärem Streben getrieben ist, einen Gegenentwurf entgegenzustellen. Es spielen weiterhin wirtschaftliche Faktoren eine Rolle, aber auch ökologische und soziale. Ich glaube nicht, dass das Streben nach Wachstum falsch ist. Die Frage ist eher, ob wir uns auch ein anderes Wachstum als das wirtschaftliche vorstellen können. Und daran anschließend, wie wir gemeinsam Systeme aufbauen, die dieses andere Wachstum fördern. 

Foto: Jessica Böhme/Lotte Ostermann

Jessica Böhme ist seit Mai 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt AMA (A Mindset for the Anthropocene) am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam tätig. Sie hat Wirtschaftsingenieurwesen, Nachhaltigkeitsmanagement und Journalismus studiert. Ihre Forschung konzentriert sich auf den Zusammenhang psycho-spiritueller innerer und sozial-ökologischer äußerer Transformation. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der Frage, wie nachhaltige Lebensstile erforscht, gefördert und gelebt werden können und in welchem Zusammenhang nachhaltige Lebensstile mit dem guten und erfüllten Leben stehen. Sie schreibt derzeit ihre Dissertation über die Notwendigkeit und Potenziale einer relationalen Weltanschauung in der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

Titelbild: Mason Dahl/Unsplash

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Nadia Riaz-Ahmed

Nadia Riaz-Ahmed ist Online-Redakteurin. Sie interessiert sich am meisten für alles, was mit Digitalisierung und neuen Technologien zu tun hat – am besten in Kombination mit den Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

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