Catwalk Altpapierhof – nichts für Heidi, Coco und Karl

Eins ist sicher: Diese Kreationen schaffen es niemals auf die Laufstege. Auch für Deutschlands nächstes Top-Model oder YouTube-Modebloggerinnen kommen sie nicht in Frage. Doch selbst wenn keines der Models jemals auf einem Cover der führenden Modemagazine zu sehen sein wird, ein Hingucker sind sie auf jeden Fall. Worum es geht? Um Mode aus Recyclingpapier, eine Fotografin, die Umweltschutz künstlerisch inszeniert und eine Steinbeis Marketingleiterin, die etwas erstaunt auf die Anfrage eines möglichen Shootings auf dem Fabrikgelände reagierte.

Junge Designerin und Fotografin wählt Altpapierballen als Location für ihr Modeshooting

Kunst als gesellschaftliches Engagement – für Gina Tilgert, Studentin der Fotografie an der BTK in Hamburg, ist das ein Aspekt ihres Selbstverständnisses. Ihr Papiermode-Shooting inmitten der Altpapierballen auf dem Steinbeis Fabrikgelände stellt sich quer gegen den Rohstoffverschleiß und die Produktionsweisen der Konzernlabel in der Modeindustrie. “Ein Weckruf und Aufruf zum Umdenken, auch beim Verbraucher, das ist eine der Intentionen dieser Projektarbeit.“

Die Modeindustrie in Deutschland erwirtschaftete im Jahr 2017 rund 12 Mrd. Euro Umsatz und erzielte eine Exportquote von weit über 40 Prozent. Im Anschluss an die großen Schauen in Paris, Mailand und New York werden die Kreationen in die Vertriebskanäle gepumpt, in Stores, Handelsketten, Outlets und Onlineshops, um bald wieder zu verschwinden. Rund 64 Mrd. EUR investieren deutsche Haushalte in Modeartikel und Marken (Stand 2017).

Schöne Mode, gefährliche Chemikalien

Mode ist kurzlebig, nicht nur in den Designerstudios, auch bei den Verbrauchern. Aber für regelmäßigen Nachschub und schnelle Trendwechsel ist gesorgt. Im sogenannten „Fast Fashion“-Bereich bringen die Massenbekleidungsketten pro Jahr 12 Kollektionen heraus. Und die Textilindustriebetriebe in China, Indien und Bangladesch produzieren für deutsche und internationale Modelabels im Akkord. Unter denkwürdigen und umweltfeindlichen Bedingungen. Zahlreiche Untersuchungen und Studien belegen, dass bei der Produktion von Massenbekleidung in Schwellenländern schädliche Mittel verwendet werden und z.T. als langlebige, giftige Chemikalien in das Abwasser gelangen. In Deutschland produzieren so gut wie keine Unternehmen mehr – aus Kostengründen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Vor allem sind es kleinere Label, die sich für nachhaltige Mode engagieren. Zwar ist das noch ein Makrotrend, und der Marktanteil liegt bei knapp 5 Prozent, doch „Slow Fashion“ findet ein verstärktes Interesse.

Foto: Steinbeis Papier GmbH

Slow Fashion folgt einer Wertephilosophie und produziert nachhaltig

Nachhaltige Mode setzt im Gegensatz zur schnelllebigen Massenware und Herstellung auf Biostoffe oder recycelte Materialien. Man verfolgt eine Wertephilosophie, nicht unbedingt den schnellen Gewinn. Es sind kleinere Labels, die lokal produzieren oder einfach Stücke, die länger halten und nicht aus der Mode kommen. Die umweltfreundliche, wasser- und CO2-arme Produktion, die Verwendung von schonenden Materialien wie Viskose aus regenerativer Cellulose, von Bio-Seide, Bio-Wolle, Leinen und Hanf haben allerdings ihren Preis. „Öko-Mode“ ist relativ teuer, für viele interessierte Verbraucher leider eine Kaufbarriere. Gina Tilgert macht sich in ihrer Arbeit für „saubere Kleidung“, Slow Fashion, stark. „Nicht mit Markenwerbung, sondern mit Werbung für Nachhaltigkeit.“

Das zweite Leben von Papier – Gina Tilgert zeigt sein Potenzial

Papier kennt viele zweite Leben: Papierflieger, Stopfmaterial für nasse Schuhe, Lagermaterial für Frachtschiffe, Rohstoff für Zeitungen und neues Recyclingpapier. Warum also nicht mal Mode?! Hochglanzmagazine wie Vogue, Elle und Harper’s Bazaar zu Kreationen zu verarbeiten, war die Idee. „Nichts für Karl, Heidi oder Modeschauen“, wie sie meint. „Mehr eine Herzensangelegenheit. Umweltschutz ist mir wichtig, Mode auch. Das war der Impuls für diese Projektarbeit im Bereich künstlerische Bildstrategien.“

„Nichts für Karl, Heidi oder Modeschauen. Mehr eine Herzensangelegenheit. „

Über Geschmack lässt sich streiten, das weiß auch Gina Tilgert. „Dass diese Modelinie nicht alltagstauglich ist, würde schon der erste Platzregen unter Beweis stellen. Die Bildstrategie, die dahinter steckt, will den Wert von Rohstoffen und Gebrauchsgütern transportieren. Abgelegtes und Genutztes ist kein Müll, etwas das von der Bildfläche zu verschwinden hat. Vielmehr will ich mit dem Shooting das Bewusstsein für die Dinge wecken, die in der Herstellungs-, Konsum- und Verwertungskette von Bedeutung sind. Die Dinge, die ich in Szene setze, in dem Fall Altpapierkreationen, sagen etwas über Rohstoffe und Lebenszyklen aus. Für viele Gebrauchsgüter und Materialien gibt es ein zweites Leben. Das macht sie einfach noch wertvoller.“

Foto: Anna Haake – Hair Make-up Hamburg, www.annahaake.de

Gesunde Mode statt Modepüppchen

Neben der Recyclingpapierindustrie nutzen Unternehmen unterschiedlichster Branchen Stoffe aus dem Kreislauf für ihre Produktionen. Und kein Verbraucher sieht ihnen an, dass es wiederaufbereitete Materialien sind. Die Designs hat Gina Tilgert selbst entworfen. So stammt die Idee für den Hut von Chanel, für die Tasche von Louis Vuitton, für die Fliegen von Gucci. „Ich habe die Dinge neu interpretiert und mit Papier als Material umgesetzt. Dabei fanden alte Modemagazine eine neue Verwendung. Eine neue Ästhetik.“ Ein in der Kunst beliebtes Mittel, das der Entfremdung, um den Blick für die künstlerische Absicht zu schärfen. „Um Gefallen oder Modepreise geht es hier nicht. Keines der Models will sich damit für ein Casting bewerben. Ich werbe für gesunde Mode, nicht für Modepüppchen. Das Potenzial, das in den Stoffen der Recyclingwirtschaft steckt und die Steigerung von Lebensqualität mit nachhaltiger Mode, das ist mein Interesse.“

Um Gefallen oder Modepreise geht es hier nicht. Keines der Models will sich damit für ein Casting bewerben. Ich werbe für gesunde Mode, nicht für Modepüppchen. Das Potenzial, das in den Stoffen der Recyclingwirtschaft steckt und die Steigerung von Lebensqualität mit nachhaltiger Mode, das ist mein Interesse.

Massentierhaltung und Massenmode – da gibt es Ähnlichkeiten.

Es ist deutlich zu spüren – in Gina Tilgert brennt das Feuer für Nachhaltigkeit und für Slow Fashion im Besonderen. „Hochglanz-Magazine, TV-Shows und Social Media verbreiten angesagte Looks und Must-haves. Heute noch Masterpiece, finden wir sie morgen billig und unter schlimmen Bedingungen massenhaft produziert in den internationalen Modeketten. Zwischen Massentierhaltung und Mode für die Masse gibt es Ähnlichkeiten, was die Liefer- und Produktionskette betrifft. Übermorgen werden sie von den Kunden entsorgt und ein neues Stück aus dieser Kette wird billig gekauft. Eine Verschwendung von Ressourcen. Ich tendiere eher zu „Slow Fashion“. Das bedeutet unter anderem, Mode verantwortungsbewusst, fair und nachhaltig zu produzieren. Meine Kreationen sind in dieser Hinsicht ein Statement. Ich gebe dem Prozess der Wiederverwertung, in diesem Fall des Recyclings von Papier, einen besonderen Stellenwert.“

Das hat uns gefallen, das künstlerische Plädoyer für nachhaltige Mode von Gina Tilgert. Gerne haben wir sie bei ihrem Fotografie-Projekt unterstützt. Die Arbeiten von Gina Tilgert finden Sie hier: Instagram: @GinasPhotographs; http://www.gina-ti.com/hauterecyclage

 

Das Team um Gina Tilgert:

  • Gina Tilgert, Fotografin
  • Anna Haake – Hair Make-up Hamburg, www.annahaake.de
  • Sophia Kühle, Licht und Assistenz
  • Lia Laukant, Model

 

Titelbild:  Kris Atomic on Unsplash

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Klaus E. Jopp

Klaus E. Jopp

Klaus E. Jopp ist PR- und Marketingfachmann, Buchautor und Blogger. Er schreibt zu den Bereichen Digitalisierung, Marketing 4.0, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Medizin. Dem gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und philosophischen Aspekt der Themen gilt sein besonderes Interesse.

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