Über die Bedeutung des Buches in der digitalen Zeit

Bad Segeberg, die Karl May Festspiele. Ich besuche die Vorpremiere: Winnetou und das Geheimnis der Felsenburg. Alles passt: das Wetter, die Aufführung, nur Iltschi, das Pferd Winnetous scheint nervös. Es gibt noch ein paar Abstimmungsprobleme zwischen ihm und Winnetou, gespielt von Jan Sosniak. Lampenfieber, denke ich. „Neues Pferd“, klärt mich ein Beteiligter auf. „Doch das wird schon werden.“

Leseratte versus E-Booker

Ich genieße es, mich in meine Jugendzeit zurück zu versetzen. In jene Zeit, als ich die Karl May Bände verschlungen hatte. Heute, wo 3D-Spiele den Takt für die Fantasie vorgeben, erscheinen die Bücher über die Helden Old Shatterhand, Winnetou und Sam Hawkens wie ein Relikt aus Urzeiten. Dabei weinten noch in den 70-gern Jugendliche, vornehmlich Mädchen, die Taschentücher voll, als Pierre Brice hollywoodreif auf der Leinwand dahinschied. Getötet von Rollins, dessen Kugel eigentlich Old Shatterhand galt, die aber der Häuptling der Apachen mit seinem Körper abfing. Ich frage mich, kann das E-Book die Faszination einer hoch spannenden Lektüre auf die gleiche Weise transportieren wie das gedruckte Buch? Und wie ist die semantische Entsprechung des Bücherwurms bzw. der Leseratte beim E-Book? E-Booker klingt sehr nüchtern. Dem Begriff fehlt es an Anschaulichkeit und Fantasie. Nun war ja das Lesen mit Taschenlampe unter der Bettdecke damals nicht schon sehr förderlich für die Augen. Heute beklagen Augenärzte eine zunehmende Kurzsichtigkeit (Myopie) bei Kindern durch zu viel Smartphone-Konsum. Jede Zeit hat ihren Fortschritt. Das Digitale gehört zu unserer.

 

Foto: iStockphoto

Helden, Supermänner und Community

Das ist selten geworden in unserer digital durchtränkten Kulturzeit: Das Heldenhafte, oder soll ich besser sagen das Heldenepos. Die heutigen Helden ballern aus allen Rohren und sind unüberwindbar. Rambo legte eine neue Ära der Helden auf, Rocky spulte diese weiter. Deadpool ist einer der satirisch übermenschlich starken Filmhelden der Marvel-Comicfiguren, die es ins Filmbusiness verschlagen hat. „Jede Zeit hat ihre Helden“, denke ich. Im wirklichen wie im fiktiven Leben.  In Bad Segeberg treffen sich Helden des Alltags. Die Karl-May-Community: real. Echt und hautnah. Familien mit Kindern, Freunde, Bekannte, Karl May Fans, Leseratten, Bücherwürmer, Western-Romantiker, Edelkitschliebhaber, Curry- und Bratwurstfans – dies ist weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins bekannt. Hier trifft sich eine Community, die sich für ein Kulturgut begeistert, das Trends überdauert hat und nach wie vor Generationen an Lesern erobert.

Foto: Freilichttheater Bad Segeberg, https://www.karl-may-spiele.de

Über Bücher, E-Books und die Druckbranche

Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren, die Festspiele in Bad Segeberg verzeichnen Besucherrekorde und haben schwierige wirtschaftliche Zeiten überlebt. Weit über 80 Millionen Bücher verkaufte der Karl May Verlag und rund 3.000 Ausgaben von „Winnetou I“ gehen pro Jahr über die Ladentheke. Die weltweite Auflage liegt bei über 200 Millionen. Dass auch hier sich eine stärkere Verlagerung zum E-Book abzeichnet, ist der Zeit geschuldet. Noch hat das E-Book allerdings den Markt nicht erobert. Im ersten Quartal 2018 lag sein Umsatzanteil bei 5,2%, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt liegt der E-Publishing Anteil unter 17%. 367 Millionen Titel wurden 2017 abgesetzt und 3,5 Millionen E-Book-Käufer gezählt. Als Papier- und Printliebhaberin gefallen mir diese Zahlen. Menschen mögen immer noch Bücher aus Papier, mit schönem Einband. Gut auch für die Papier- und Druckbranche, die in den letzten zehn Jahren erhebliche Einbußen einstecken muss. 2008 zählte sie noch über 170.000 Beschäftigte, 2017 waren es knapp 133.000. Gedanken, die mir als Marketingmanagerin in diesem Zusammenhang durch den Kopf gehen.

Print oder digital? Eine Frage des Genres.

Ich denke, dass auch das Genre von Belang ist, ob man zum E-Book oder Printtitel greift. Ein Architekturmagazin? Gerne als Druckexemplar. Ein wissenschaftlicher Titel? Gerne als E-Book! Abenteuerromane? Muss auch ein haptisches Erlebnis sein. Ich jedenfalls gehöre zur Leserzielgruppe, die neben der Offenheit für das Digitale auch dem Gedruckten treu bleibt. Nach diesem aufregenden Premierenabend greife ich wieder zum Karl May Buch aus meiner Jugendbibliothek. Ich blättere in den Seiten, spüre dabei ein Stück Zeitgeschichte, erinnere mich an die Lesestunden unter der Bettdecke mit der Taschenlampe. Bücher sind Lebensbegleiter, haptische Zeitdokumente. Ich verstaue sie nur ungern in irgendeinem 3 Terrabyte großen Archiv. Beim Buch empfinde ich das Erleben der Zeit anders als bei einer digitalen Lektüre. Man sieht und spürt wie weit man gekommen ist, wo man steht, und sieht das Ende. Ein E-Book vermittelt mir in dieser Hinsicht nur etwas Abstraktes. Und man verliert ein Stück mehr das Gefühl für die Zeit.

 

 

Titelfoto: iStockphoto

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Veronika Warmers

Verantwortet das Marketing, den Bereich Social Media und e-business bei Steinbeis Papier. Kreislaufwirtschaft, Recycling und Biodiversität sind die Themen, die der diplomierten Betriebswirtin am Herzen liegen. Begeisterte Bloggerin des Steinbeis Redaktionsteams.

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