Archive, die Hüter unschätzbaren Wissens. Die technische Herausforderung für Papiere.

Die Wirtschaftswoche prognostizierte in einem Artikel aus dem Jahr 2015, dass Berufe wie die des Schiedsrichters, Packarbeiters, des Schalterbeamten in der Bank und Finanzanalysten vom Aussterben bedroht seien. Computerprogramme und Roboter übernehmen zunehmend ihre Arbeit. Interessanterweise ist der Verwalter und Hüter von Dokumenten, Handschriften, Akten und Unterlagen, der Archivar, nicht dabei. Selbst wenn digitale Medien auch in dieses Berufsfeld drängen. Aus guten Gründen können sich Archive erfolgreich gegen die digitale Invasion behaupten.

Erlebbare Schnittstelle der Geschichte

Archive mit bedeutenden kulturhistorischen Schriften und Büchern lassen sich nicht ohne weiteres digitalisieren. Das wäre auch ein schlechter Tausch gegen die wunderbaren Originale. Man denke nur an die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, die literarische Zeugnisse vom 9. bis zum 21. Jahrhundert als Quellen der Kulturgeschichte bewahrt. Unter ihrem Dach befindet sich das älteste Literaturarchiv Deutschlands, das Goethe-Schiller-Archiv. Imposant ist auch die Vatikanische Apostolische Bibliothek mit über 150.000 Handschriftenbänden, die zu den wertvollsten Bibliotheken der Welt gehört. Beeindruckend ebenfalls die Staatlichen Archive Bayerns mit rund 44 Millionen Archivalien.
Archivalien sind die Schnittstelle einer erlebbaren Zeitgeschichte. Sie bewahren und verwahren wertvolle Dokumente und verschaffen Zugang zum Gedankengut vergangener Epochen. Sie verwalten Beschlüsse von Landes- und Staatsregierungen, verwahren Verwaltungsunterlagen sämtliche Formen von Informationsträgern, die im Laufe von vielen Jahrhunderten in der Verwaltung Verwendung gefunden haben. Verwaltet werden Akten, Urkunden, Karten und Pläne sowie audiovisuelle Medien.

Foto: Annie Spratt on Unsplash

Archive der öffentlichen Verwaltung

Ob Bundes-, Landes- oder Kommunalebene, ein Großteil der Archive besteht aus Papier. Ihrer Erhaltung gilt besondere Aufmerksamkeit. Die Anforderungen an Langlebigkeit und Archivierbarkeit an die eingesetzten Papiere sind hoch, obwohl nur ca. 2 Prozent der eingesetzten Druck- und Kopierpapiere dann wirklich langfristig archiviert werden. Ihre Beschaffenheit muss gegen „Säurefraß“ resistent sein, was bei historischen Büchern wegen der seinerzeit sauren Papierherstellung noch vorkommen kann. Das gehört zum Glück der Vergangenheit an. Seit mehr als 25 Jahren wird in Europa nur noch Papier im neutralen bis alkalischen Bereich gefertigt und es verfügt zusätzlich über eine ausreichende Alkalireserve in Form von Calciumcarbonat (Kreide) als Füllstoff.
Bestandserhaltung, ebenfalls ein Fachgebiet der Archivare, beinhaltet auch Wissen über Papierarten und die erforderlichen ISO-Zertifizierungen für alterungsbeständige Papiere. Grundanforderung ist, dass Papiere archivierbar sein müssen – im Klartext bedeutet das: unendlich lange Lebensdauer ohne Zerfall. Eine Anforderung, die besonders Landes- und Bundesarchive an heutige Druck- und Kopierpapiere stellen, die in der Verwaltung zum Einsatz kommen.  

Foto: Samuel Zeller on Unsplash

Die Normen der Alterungsbeständigkeit

In den Archiven der öffentlichen Verwaltung finden wir lange Regalwände gefüllt mit Ordnern und Hängeregistern voll mit wichtigen Papieren. Urkunden, Zeugnisse und Dokumente, die der Aufbewahrungspflicht unterliegen. Wann ist ein Papier alterungsbeständig und wann nicht und wer legt dies fest? Zur Bestimmung der Alterungsbeständigkeit gibt es aktuell drei unterschiedliche Normen. Die ISO 9706 und DIN 6738 sind die meist genannten Normen in Papierausschreibungen der öffentlichen Hand. Ganz neu ist die ISO 20494. Drei Normen zu einer Sache – da darf man schon mal ein wenig irritiert sein. Was unterscheidet die Normen und was haben Sie gemeinsam?

ISO 9706 betrachtet die Papierzusammensetzung

Die Beurteilung der Alterungsbeständigkeit beruht in dieser Norm auf der Zusammensetzung der Papiere. Durch dieses Vorgehen werden grundsätzlich bestimmte Papiere ausgeschlossen – unabhängig davon, ob sie alterungsbeständig sind oder nicht. Dies betrifft zum Beispiel Recyclingpapiere aufgrund ihres Ligningehaltes, obwohl wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass der Ligningehalt keinen Einfluss auf die Alterungsbeständigkeit hat. 

DIN 6738 beruht auf einer beschleunigten Alterung

Diese Norm beurteilt die Alterungsbeständigkeit mit einem Verfahren, in dem Papierproben im Labor einer beschleunigten Alterung unterzogen werden. Je nach Ergebnis werden die Papiere in vier verschiedene Lebensdauerklassen eingeteilt. Papiere mit der LDK 24-85 gelten als alterungsbeständig. In dieser Norm fehlt die Vorgabe bzgl. der neutralen/alkalischen Herstellung sowie der Alkalireserve, die elementar zur Vorbeugung des Verfalls ist. Die Alkalireserve ist allerdings schon seit Jahren Stand der Technik in der europäischen Papierproduktion.

ISO 20494 nach neuesten Erkenntnissen

Die neue Norm der ISO 20494 berücksichtigt die Inhalte der ISO 9706 und der DIN 6738 sowie die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre. Die Anforderungen für alterungsbeständige Papiere beziehen sich somit auf deren Festigkeitseigenschaften nach beschleunigter Alterung, pH-Wert und Alkalireserve. Die ISO 20494 ist zusammengefasst eine Weiterentwicklung der DIN 6738 und der ISO 9706 und beruht auf den Erkenntnissen der aktuellsten Forschung. Alle relevanten Aspekte finden hier Berücksichtigung und lassen keinen Zweifel mehr an der Archivierbarkeit von Papieren.
Für ausschreibende Stellen der öffentlichen Verwaltung ist die ISO 20494 ein wichtiges Kriterium in der Leistungsbeschreibung von Druck- und Kopierpapieren. Sie erfüllt die hohen Anforderungen, die Bundes- und Landesarchive an die Archivierbarkeit von Papier stellen.

Die ISO 20494 ist eine Weiterentwicklung der DIN 6738 und der ISO 9706 und beruht auf den Erkenntnissen der aktuellsten Forschung.

Für alle Dokumente und Formate aus der „nicht-säurefreien“ Zeit der Papierherstellung bleibt zu wünschen, dass die Restauratoren der historischen Archive und Bibliotheken die wertvollen Exponate trotz der damaligen Papierherstellung noch lange für die Nachwelt konservieren können.

 

Titelbild: iStockphoto

WIE BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL?
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (1 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...
Veronika Warmers

Veronika Warmers

Verantwortet das Marketing, den Bereich Social Media und e-business bei Steinbeis Papier. Kreislaufwirtschaft, Recycling und Biodiversität sind die Themen, die der diplomierten Betriebswirtin am Herzen liegen. Begeisterte Bloggerin des Steinbeis Redaktionsteams.

THEMENVERWANDTE ARTIKEL
WAS SAGEN SIE ZU DIESEM THEMA?
DISKUTIEREN SIE MIT!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

HIER BLOGT
UNSERE REDAKTION
ALLE AUTOREN

Ulrich Feuersinger
Mailin Rahna
Sandra Staub
Klaus E. Jopp
Veronika Warmers